Ein Pokerspieler verhilft dem schlafenden Riesen zum Aufstieg

Brighton spielt nächste Saison in der Premier League. Besitzer Tony Bloom wird dort ein Exote sein – auch weil er Brite ist.

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Christian Zürcher@suertscher

Wenn englische Zeitungen ihre «chief sports writer» in die zweite Liga schicken, dann muss etwas Wichtiges im Gang sein. Wie gestern. Die Edelfedern reisten in den Süden nach Brighton ins Amex-Stadion, der Zweitligist Brighton & Hove Albion konnte dort den Aufstieg klar machen – und wie er das machte. Ein 2:1-Sieg gegen Wigan reichte, weil Konkurrent Huddersfield nur unentschieden spielte.

Platzsturm in Brighton. Bild: Reuters

Was dann folgte, war der berauschende Moment, wenn sich Träume erfüllen. 30'000 Menschen drängten nach Abpfiff auf den Rasen. Captain Lewis Dunk verlor im Platzsturm Hose und Shirt an Souvenirjäger – gewann dafür einen Platz in der Premier League.

Eine Malaise von 34 Jahren

Die Geschichte des Clubs der letzten 34 Jahre ist von Tiefschlägen geprägt. 1983 stieg Brighton aus der damaligen First Division ab. 1997 musste der Verein sein Stadion verkaufen, um Schulden zu tilgen. Der Club machte dies, ohne die Fans zu konsultieren, ohne ein Ersatzstadion zu haben. Schlimme Jahre folgten mit Heimspielen im 110 Kilometer entfernten Gillingham. Der Club sackte ab bis hinunter in die vierte englische Liga und dümpelte lange im sportlichen Niemandsland rum.

Bis Tony Bloom den Club übernahm. Dreimal hat man zuletzt knapp den Aufstieg in die Premier League verpasst – dies und ein sechsmonatiges, erfolgloses Intermezzo von Ex-FCZ-Trainer Sami Hyypiä konnten den Club nicht stoppen. Auch Murat Yakin war damals ein Thema bei den Seagulls.

Bloom ist ein Kontrapunkt zu seinen Kollegen aus der Premier League. 14 der 20 Eigentümer sind Nichtbriten. Der 45-jährige Bloom kommt aus der Region, ist seit 40 Jahren Fan des Clubs und seit acht Jahren dessen Besitzer.

Als er sein Amt übernahm, versprach er den Anhängern, ein neues Stadion zu bauen, neue Trainingsplätze zu erstellen und Verluste zu decken. 250 Millionen Pfund nahm er in die Hand. «Es war eine einfache Entscheidung für mich, ich liebe den Club», sagt er. Er fügt an, dass er abseits von den jeweils 90 emotionalen Minuten pro Woche rationale Entscheidungen treffen müsse. Das kann er.

Der Chef ist Pokerspieler

Denn Bloom kam durch das Pokerspielen zu Geld. Unter den Kartenspielern ist er bekannt als «the Lizard» – den Namen bekam er von einem Kollegen, der wegen Blooms Kaltblütigkeit am Pokertisch fabulierte, durch dessen Adern fliesse Krokodilblut. Bloom wird als Genie beschrieben, hat Mathematik studiert und mit Pokern bisher 3,5 Millionen Pfund verdient. Woher kommen also die restlichen 247 Millionen?

Bloom hat neben verschiedenen Poker-Websites auch Starlizard gegründet. Eine Firma, die das Gambling behandelt wie Hedgefonds Aktien. Offiziell bietet das Unternehmen Ratschläge für Fussballwetten an, die auf komplexen statistischen Modellen beruhen und besser sein sollen als jene von Wettanbietern. Diese Tipps verkauft die Firma den Wettern – und verdient damit im Wettland England Millionen. Inoffiziell wird davon ausgegangen, dass Starlizard auch selbst Wetten platziert.

Der Brighton-Eigentümer will nicht über Starlizard sprechen, er zieht die Karten ganz nahe an die Brust. Ehemalige Mitarbeiter sagen dem Magazin «Business Insider», Bloom sei ein guter Chef, schmeisse für die Mitarbeiter grosse Partys und belohne sie mit Luxusgeschenken, die man gewöhnlich von Investmentbanken kenne.

Kaum Lametta in Brighton

Brightons starke Mann sagte einmal: «Wenn du viel gewinnen willst, musst du bereit sein zu verlieren.» Das hat mit Brighton vorzüglich geklappt. Nächste Saison sind dem Club wegen der üppigen TV-Verträge Einnahmen von 170 Millionen Pfund garantiert. Bei so viel Geld bleibt die Frage, ob der Gambler Bloom weiterhin sorgfältig ins Kader investiert.

Bisher war das der Fall. Die Mannschaft ist sinnvoll zusammengestellt, kommt aber ohne namhafte Stars aus. Die besten Torschützen, Murray (22 Treffer) und Knockaert (15), sind gemeinhin unbekannt, einziger Mann mit etwas Lametta im Lebenslauf ist Steve Sidwell, der einst für Chelsea oder Aston Villa gespielt hat.

Dieses auf den ersten Blick wenig glitzernde Kader hat System. Besitzer Bloom, Geschäftsführer Barber und Sportchef Hughton haben zusammen einen Anforderungskatalog für neue Spieler erstellt. Jeder Neuzugang muss neben den notwendigen fussballerischen auch charakterliche Fähigkeiten mitbringen.

Brighton wird in England als schlafender Riese bezeichnet. Die Begeisterung der Leute ist immens, stets kommen 30'000 Menschen zu den Spielen, und Bloom hat seinen Trainern aufgetragen, offensiv zu spielen – Niederlagen müssen in Kauf genommen werden, um zu gewinnen. Das klingt gleichermassen verheissungsvoll wie gefährlich.

DerBund.ch/Newsnet

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