«Auf YB wartet kein Hexenkessel»

Der in Zürich geborene David Sesa spielte einst vier Saisons für Napoli, das morgen Donnerstag die Young Boys empfängt. Er erlebte dort turbulente Jahre und sieht die Euphorie beim Klub schwinden.

David Sesa trug von 2000 bis 2004 das Napoli-Dress.

David Sesa trug von 2000 bis 2004 das Napoli-Dress.

(Bild: Keystone Franco Castano)

Obwohl David Sesa seit seinem Weggang vom SSC Napoli im Jahre 2004 keinen Fuss mehr in das Stadion San Paolo gesetzt hat, beobachtet er seinen einstigen Verein immer noch mit Leidenschaft. Der 41-jährige ehemalige Stürmer ist überzeugt, dass am Donnerstag beim Europa-League-Spiel in Neapel kein Ausnahmezustand herrschen wird. Er sagt: «Auf YB wartet kein Hexenkessel.» Sesa weilte in den letzten Tagen in Italien. Seit seiner Entlassung als Trainer beim FC Wohlen am 15. Februar pendelt er wieder zwischen seinen beiden Wohnorten Dielsdorf und Ferrara. Spal Ferrara war auch der Klub gewesen, bei dem er 2008 seine Karriere als Fussballer beendet hatte. Und in Ferrara geht seine 13-jährige Tochter zur Schule.

Als Reisender in Sachen Fussball ­besuche er viele Spiele, sowohl in der Schweiz wie in Italien. Das Stadion des Drittligisten Spal Ferrara liegt nur einige Autominuten von seiner Haustüre entfernt. Die Serie A beobachtet er weiterhin mit regem Interesse im TV, und er trifft dort immer wieder auf Bekannte. Mit Vincenzo Montella, aktueller Coach der Fiorentina, hatte er einst in Italien den Trainerlehrgang für die Uefa-Pro-Lizenz absolviert. Er selbst aber sieht seine Zukunft als Trainer eher in der Schweiz. Er hofft, in der Challenge League wieder eine Chance zu erhalten, doch er gibt sich nicht als Gourmet. «Wenn in der 1. Liga ein interessanter Klub anfragt, bin ich auch nicht abgeneigt.»

Napoli – das aber ist für Sesa eine ­Geschichte, die er nie vergessen wird. Er spielte in der Zeit, als der Klub in der ­Serie B torkelte, monatelang die Löhne nicht bezahlte und in Konkurs ging. «Der jetzige Präsident Aurelio De Laurentiis schoss damals 30 Millionen Euro in die Konkursmasse ein. So bekamen wir Spieler immerhin noch etwa 70 Prozent unseres Gehalts», erinnert sich Sesa.

Damals sei die Betonschale San Paolo auch in der Serie B bei mehreren Spielen ausverkauft gewesen. Jetzt aber, da die SSC Napoli in Italien wieder zu den Spitzenklubs zählt, würden selbst im fussballverrückten Neapel die Zuschauerzahlen zurückgehen. «Die Italiener ­distanzieren sich zurzeit etwas vom Fussball», sagt Sesa. «Die Wirtschaftskrise spielt eine Rolle. Die Eintrittspreise sind weiterhin hoch, dazu hat man vielerorts das Gewaltproblem nicht im Griff, und der Komfort in den Stadien entspricht mit Ausnahme von Juventus nicht mehr der heutigen Zeit.»

Stadion gegen Roma halb voll

Beim Spitzenspiel am letzten Samstag ­gegen die AS Roma kamen nur 30'000 ins 60 '000 Plätze fassende San Paolo. Wichtig war aber der 2:0-Sieg von Napoli. Nach der Pleite in Bern reagierten die Süditaliener mit dem 6:2 gegen Verona und jetzt mit dem 2:0 gegen Roma, bei dem Gökhan Inler erst in den Schlussminuten zum Einsatz kam. Nach dem 0:2 in Bern hatten rund 100 frustrierte Napoli-Fans die Abfahrt des Mannschaftsbusses blockiert. Und Coach Rafael Benitez war unter mediales Sperrfeuer geraten, weil er im Stade de Suisse Schlüsselspieler wie Marek Hamsik, Topskorer José Callejon und den Argentinier Gonzalo Higuain erst im Verlaufe der zweiten Halbzeit ein­gewechselt hatte.

«Die beiden Siege gegen Verona und Roma haben die Situation wieder beruhigt», hat Sesa beobachtet. Und er glaubt auch nicht, dass Benitez die Europa League nicht ernst nimmt. «Er muss mit Napoli die Gruppenspiele überstehen, sonst bekommt er wieder Probleme», ist Sesa überzeugt. «Doch nach zwei Siegen zum Auftakt wollte er in Bern einige Spieler schonen. Sein Kader ist hervorragend besetzt und so gross, dass er auch mal die Rotation anwenden muss. An diesem Abend aber hat YB hervor­ragend gespielt.»

Am Donnerstag werden vielleicht 20'000 Zuschauer im Stadion sein, vermutet Sesa. «Zwischen Napoli und YB besteht keine Geschichte der Rivalität. Da werden vor dem Spiel keine Emotionen hochkochen.» Er ist überzeugt: Je länger YB die Partie offen gestalten kann und nicht in Rückstand gerät, ­desto grösser wird der Druck von den Zuschauerrängen. Aber nicht auf die Berner, sondern auf die SSC Napoli.

Der Bund

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