Andere würden fluchen

Morgen gegen YB könnte Marco Schneuwly sein 100. Tor in der Liga erzielen. Ein Star war er dennoch nie.

Marco Schneuwly im Sion-Dress. Ins Trikot der Nationalmannschaft schaffte er es nie – «obwohl meine Leistung da war», wie er selber sagt.

Marco Schneuwly im Sion-Dress. Ins Trikot der Nationalmannschaft schaffte er es nie – «obwohl meine Leistung da war», wie er selber sagt.

(Bild: Keystone Cyril Zingaro)

Drüben fällt ein Blatt vom Baum. Marco Schneuwly hat eben das Tor verfehlt, er ärgert sich, sehr sogar, er beisst kurz in sein Trikot, trottet zurück und drischt den Ball dann 20 Sekunden später ins Netz. Es ist kurz nach 17 Uhr in Martigny, in den letzten Sonnenstrahlen trainiert der FC Sion. Dahinter leuchten die Berge oder vielmehr die Wälder darauf, gelb und rot und vieles dazwischen, es riecht nach Jahresende im Wallis, das Licht, die Farben – alles schreit Herbst.

Marco Schneuwly steht in seiner 14. Saison im Profifussball, noch einmal so viele werden nicht dazukommen. Er setzt sich neben den Trog, wo die Spieler ihre Schuhe putzen, denkt nach über seine lange Vergangenheit im Fussball und sagt: «Ja, es gibt nicht mehr so viele wie mich.» Stolz könnte das klingen, aber bei einem wie ihm hat es eher eine bescheidene, demütige Note. Einer wie er. Einer wie wer?

Kein Twitter, keine Tätowierung

Die Sonne ist weg, auch Gabri, seit neuestem Trainer bei Sion, hat sich verabschiedet, gegen ihn hat Schneuwly noch gespielt, Thun gegen Lausanne, doch das ist auch schon fünf Jahre her. Nach und nach gehen auch die Mitspieler, der eine ist zehn, der nächste zwölf, ein anderer vielleicht nur zwei Jahre jünger. Schneuwly ist 32, in der Super League gibt es durchaus noch ältere Spieler. Schneuwly aber erzielt Tor um Tor, in den letzten fünf Saisons waren es in der Liga nie weniger als zehn, bei 99 ist er jetzt angelangt. Kein aktiver Spieler hat mehr, nur drei überhaupt liegen in der ewigen Liste der Super League vor ihm: Alex Frei, Mauro Lustrinelli, Marco Streller. Alle drei Nationalspieler, zwei davon grosse Figuren im Schweizer Fussball.

Marco Schneuwly ist einer der treffsichersten Stürmer, den die Schweiz in den letzten Jahren hatte. Doch ein Star war er nie, und er wird es auch nicht mehr werden. Seine Minuten in der Nationalmannschaft decken sich mit der Anzahl seiner Posts auf Instagram. Er ist auch nicht auf Twitter, er hat keine Tätowierung.

Wer ihn darauf anspricht, erhält einen etwas ratlosen Blick. «Dafür bin ich nicht so der Typ, das stimmt», sagt er, zuckt mit den Schultern. Und schiebt nach: «Wenn mir etwas wichtig ist als öffentliche Person, dann ist das, authentisch zu sein.»

Marco Schneuwly fliegt unter dem Radar, das darf man getrost behaupten. Die Nationaltrainer ignorierten ihn, erst Hitzfeld, dann Petkovic. Es gab Zeiten, da rief die Schweiz laut nach einem Stürmer für die Nationalmannschaft. Schneuwlys Telefon blieb stumm. Einmal liess ihm Vladimir Petkovic mitteilen, er sei im provisorischen Kader und auf Pikett. Das war 2014. «Darüber mache ich mir keine Gedanken mehr», sagt Schneuwly. Für ihn, den Buben vom Land, aufgewachsen in Wünnewil, der zuletzt für Thun, Luzern und Sion spielte, gab es nie einen Platz im Nationalteam. «Meine Leistung war da. Auf alles andere hatte ich keinen Einfluss.»

Dabei nahm seine Beziehung zum Nationalteam eigentlich einen vielversprechenden Lauf. 2002 wurde er mit der U-17 Europameister. Schneuwly, der YB-Junior, fasste langsam Fuss im Profigeschäft. 2004 das erste Spiel, 2005 das erste Tor. Er, der kantige Strafraumstürmer, behauptete sich in der YB-Offensive, neben Tormaschine Doumbia, Wirbelwind Regazzoni, Feingeist Yapi. Schneuwly erzielte seine Tore, 2009 war er richtig gut in Fahrt.

Ende November spielte YB gegen Basel, Stade de Suisse, ausverkauft, mit einem Sieg wäre YB sieben Punkte vor dem Rivalen. Erst trifft Doumbia, dann Schneuwly. Kurz darauf muss der Freiburger vom Platz, das Gesicht schmerzverzerrt, das Kreuzband gerissen. Sechs Monate out. Im Aufstieg des YB-Juniors, der mit seinem Bruder Christian schon als Kind von einer Karriere in Gelb-Schwarz träumte, war dieser Moment ein Bruch.

Sie nannten ihn «MS9»

Verspürt er heute Wehmut über das, was hätte sein können? «Dafür bin ich nicht so der Typ», sagt Schneuwly. Da ist sie wieder: diese etwas demütige Bescheidenheit, die halt auch etwas Genügsames hat. Und weil Schneuwly für kaum etwas so der Typ ist, weil er sich lieber leise und unauffällig im lauten und schrillen Fussballgeschäft bewegt, genau deswegen fällt er unweigerlich doch auf. Am Ende seiner YB-Zeit landete Schneuwly unter Gross, der ihn zwar unermüdlich starkredete, auf der Bank. In seinen wenigen Einsätzen gelang ihm nicht viel. Es gab Fans, die ihn in dieser Zeit liebevoll «MS9» zu nennen begannen, in sanft-sarkastischer Anlehnung an das Produkt aller Produkte im Fussball, an CR7, Cristiano Ronaldo.

Erst beim FC Thun, im Stürmertraining mit Mauro Lustrinelli, da fand Schneuwly wieder den Tritt. Er traf wieder und hörte nicht auf damit – auch nicht, als er sein vertrautes Berner Umfeld 2014 verliess und nach Luzern wechselte. Dort schoss er unter Markus Babbel in 120 Spielen 68 Tore. Vergangenen Sommer bot ihm der FCL nur ein Jahr als Verlängerung an. Schneuwly ging zu Sion, unterschrieb dort für zwei Jahre.

Sion also, ein Konstrukt auf wackligem Fundament, etwas, das auf den ersten Blick nicht so zu den Prinzipien des Marco Schneuwly zu passen scheint. «Ich habe mich auf Anhieb gut zurechtgefunden und auch immer gespielt, von dem her passt es.» Von den Unruhen um den Präsidenten bekämen die Spieler nicht viel mit, meint Schneuwly. Und wenn sich Christian Constantin mal vor die Mannschaft stelle, dann immer mit sportlichem Motiv, «und das gab es ja zuletzt genug». Nach 13 Punkten in 12 Spielen war im Wallis mal wieder Zeit für einen Trainerwechsel. Schneuwly hat schon viele Trainer kommen und gehen sehen, und so kommentiert er den Wechsel, wie er vieles kommentiert: mit einem Schulterzucken.

«So sind wir eben»

In einem anderen Leben wäre ein Stürmer mit bald 100 Toren in der Super League vielleicht ein Star und würde nicht in einer kleinen Garderobe in Martigny gemütlich seine Schuhe ausziehen und dazu entspannt plaudern. Oft sagt Schneuwly: «So sind wir eben», und meint damit sich und seine Brüder, Christian beim FC Luzern und Lukas, der für Düdingen in der 1. Liga viele Tore erzielt hat. Für jedes kriegen die Brüder noch heute einen Fünfliber von Grossmutter Schneuwly.

Es ist spät geworden. Vielleicht gibt es noch ein Telefongespräch mit Frau Rahel und Sohn Owen, mit ihnen wohnt er in Solothurn, wenn er nicht im Wallis kickt. Schneuwly verabschiedet sich, dann steht er am Fussgängerstreifen. Ein Auto, Schneuwly macht einen Schritt, der Fahrer gibt Gas. Schneuwly wartet lächelnd und geht dann unbeirrt über die Strasse. Andere würden fluchen.

Der Bund

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