«Am Anfang, puuuh» – Favre und die Kratzer am Traumstart

Nach 31 Sekunden in Rückstand und am Anfang bemitleidenswert unterlegen: Dortmunds 4:1-Sieg täuscht.

«Wir müssen Lösungen aus dem Mittelfeld finden, um hinter die Vierkette zu kommen. Und natürlich Konter»: Lucien Favre.

«Wir müssen Lösungen aus dem Mittelfeld finden, um hinter die Vierkette zu kommen. Und natürlich Konter»: Lucien Favre. Bild: SASCHA SCHUERMANN/AFP

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Lucien Favre war in Plauderlaune. Dortmunds neuer Trainer ist zwar bereits 60, sein Haar hat sich längst grau verfärbt, manchmal lächelt der Schweizer immer noch mit der Unschuldsmine eines Schulbuben. Wie am Sonntagabend, als ihm seine Mannschaft die Heimspielpremiere versüsst hatte. Der BVB gewann gegen RB Leipzig vor 80'000 Zuschauern eine mehr als ansehnliche Partie mit 4:1 (3:1), es war ein klarer Fingerzeig an die Konkurrenz, dass mit der Borussia in dieser Saison zu rechnen sein dürfte. Der BVB grüsst den Rest der Liga von der Tabellenspitze.

Aber wie das manchmal so ist im Fussball: Das reine Zahlenwerk spiegelt nicht immer genau das wider, was sich in den 90 Minuten zuvor auf dem Rasen abgespielt hat. Zum Beispiel, dass die Borussia ihrem Widersacher in der vogelwilden Anfangsphase, in der sie bereits nach 31 Sekunden in Rückstand geriet, bemitleidenswert unterlegen war. «Am Anfang, puuuh», sagte Favre und pustete erst einmal tief durch. Der überaus starke Torhüter Roman Bürki, der sein Team mehrmals mit tollen Paraden im Spiel hielt, konkretisierte die Aussage seines Chefs: «Unser Plan vom gepflegten Spielaufbau ist überhaupt nicht aufgegangen.»

Video: Starker Bürki

Der Schweizer Torhüter hielt den BVB mit sensationellen Paraden auf Kurs.

Tatsächlich stolperten desorientierte Dortmunder gegen vehement pressende Leipziger von einer Verlegenheit in die nächste. Erst nach und nach fingen sie sich, um das Spiel dann mit ein wenig Glück und ganz viel Moral zu drehen. Drei schnelle Treffer bis zur Pause, da schüttelte Leipzigs Trainer Ralf Rangnick noch eine Stunde nach Spielende den Kopf und sprach von einem «grotesken Spiel». Es sei «ein komisches Gefühl, wenn du siehst, wie das Spiel gelaufen ist und dann in der Halbzeitpause auf der Anzeigetafel dieses Ergebnis siehst».

Favre deutete dies ganz ähnlich: «Leipzig war in den ersten 25 Minuten viel besser, viel schneller als wir. Es war zu leicht, gegen uns Topchancen zu kreieren.» Der Schweizer wurde gefragt, was er den Dortmunder Profis vermitteln wolle und was er davon bereits gesehen habe. «Unser Ziel ist es, die schweren Sachen zu beherrschen», dozierte Favre: «Pressen, Balleroberung, dafür müssen wir physisch bereit sein. Daran werden wir weiter arbeiten.» Und weiter: «Wir müssen Lösungen aus dem Mittelfeld finden, um hinter die Vierkette zu kommen. Und natürlich Konter.»

«Ein erster Schritt, mehr nicht»

Der Perfektionist auf der Dortmunder Bank sieht noch viel Arbeit, gebetsmühlenartig fordert er Geduld als Grundtugend ein, um seinen Spielstil etablieren zu können. Der Sieg gegen Leipzig sei ein erster Schritt gewesen, mehr nicht: «Wir haben zwar klar gewonnen, aber noch viele taktische Fehler gemacht. Um das im Detail zu beleuchten, bräuchten wir Stunden.»

So kritisch wie der Mann auf der Bank mochte Sebastian Kehl die Dortmunder Leistung nicht beurteilen. Der ehemalige Kapitän ist in Dortmund in neuer Rolle als Leiter der Lizenzspielerabteilung gefragt, um der Mannschaft das zu vermitteln, was in der so enttäuschenden vergangenen Saison in erster Linie fehlte: Mentalität und Siegeswillen. Natürlich brauche die Entwicklung «noch ein wenig Zeit», sagt 38-Jährige, «aber einige Abläufe konnte man heute schon sehen».

Vier Tore in einem turbulenten Auftaktspiel, da wäre es doch naheliegend, auf die offensiven Fachkräfte zu vertrauen. Dennoch wollen sie im Revier bis zum Ende der Transferperiode am 31. August noch einmal investieren und einen klassischen Mittelstürmer holen. Es verdichten sich die Meldungen, dass der BVB unmittelbar vor der Verpflichtung des spanischen Wunschstürmers Paco Alcácer steht. Wie diverse Medien am Samstag übereinstimmend berichteten, soll das Leihgeschäft mit dem FC Barcelona Anfang der kommenden Woche abgeschlossen werden.

Demnach seien nur noch Details zu klären und der obligatorische Medizincheck zu absolvieren. Der 24-Jährige soll für zwei Millionen Euro Leihgebühr bis Saisonende zum BVB wechseln, darüber hinaus, so die Nachrichtenlage, erhalte die Borussia eine Kaufoption im Bereich von 25 Millionen Euro.

Noch ein Stürmer?

Bestätigen mochte Michael Zorc dies jedoch nicht, Dortmunds Sportdirektor mahnte auch in dieser Causa «Geduld» an. So viel dann aber doch: Es sei bis zum Ende der Transferperiode am 31. August «nicht komplett ausgeschlossen, dass wir noch einen Stürmer verpflichten».

Vielleicht ergibt sich bis dahin ja auch noch die Gelegenheit, den reichlich aufgeblähten Kader noch um die ein oder andere Planstelle zu verschlanken. Gegen Leipzig fanden millionenschwere Profis wie Kagawa, Sahin, Toljan, Weigl, Toprak und Rode keinen Platz im 18er-Kader. Es muss allein schon aus betriebswirtschaftlichen Gründen das Ziel sein, hochbezahlte Fachkräfte nicht beschäftigungslos auf der Tribüne sitzen zu lassen. Zumal das auf Dauer auch für den innerbetrieblichen Frieden nicht von Vorteil sein kann.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.08.2018, 11:36 Uhr

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