Als gäbe es kein Morgen

Zum 13. Mal im Cupfinal, zum 13. Mal Sieger – und wie: Ein begeisternder FC Sion erteilte Meister FC Basel beim 3:0 eine Lektion.

Unheimlicher Druck, riesige Freude: Elsad Zverotic jubelt nach dem 3:0.

Unheimlicher Druck, riesige Freude: Elsad Zverotic jubelt nach dem 3:0. Bild: Urs Lindt (freshfocus)

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Durchatmen. Und geniessen. Stolz sein. Und sagen: «Darauf haben wir seit Winter hingearbeitet.»

Es ist zwei Stunden nach dem Match, als Christian Constantin in einer ruhigen Minute versucht, den Nachmittag in Worte zu fassen, einen Nachmittag, wie er ihn sich in den kühnsten Träumen nicht vorgestellt hat. «3:0! 3:0!», ruft der Präsident des FC Sion. Und: «In Basel! Beim Meister! Fantastisch!» Oder: «13 Finals, 13 Siege!» Wen will sie heiraten? Vermutlich den FC Sion. Foto: Klaunzer (Key)

Er hat wahrlich viele Argumente für diese Tonlage, für so viele Ausrufezeichen. Die Walliser haben alle verblüfft, vielleicht auch sich selbst ein bisschen, vor allem aber ihren Gegner. Der stolze FCB hat das Double angestrebt, aber Schiffbruch erlitten. Der Abschluss seiner Saison besteht aus einer deftigen Lektion statt einer Partynacht auf dem Barfüsserplatz. «Wir wollten Druck machen, um nicht selber erdrückt zu werden», sagt derweil Sion-Trainer Didier Tholot, «darum habe ich zum ersten Mal auf zwei Stürmer gesetzt.» Dass er aufgewühlt ist, kann nicht verwundern nach einem Ereignis, das zu den aussergewöhnlichsten in der Geschichte des Cups zählt. Und das Sion in die Gruppenphase der Europa League bringt.

Walliser überfordern Basler

Es fängt damit an, dass die Sittener zwar nach Basel reisen, aber dort kein Auswärtsspiel bestreiten müssen. Ihr Anhang ist laut und in der Mehrheit, und als es losgeht, wird der Mannschaft mit roter Schrift auf goldenem Grund in Erinnerung gerufen, welchen Auftrag sie zu erfüllen hat. «Mit dem Trikot des FC Sion habt ihr kein Recht zu verlieren», steht auf dem Transparent hinter dem Tor. Es ist eher Aufforderung denn ­Botschaft und passt zu den Eindrücken, die Reto Ziegler in den vergangenen Wochen gewonnen hat. «Der Druck war unheimlich», wird der Verteidiger später sagen, «uns allen ist bewusst geworden, dass der Cup für die Bevölkerung eine wahnsinnige Bedeutung hat.»

Vielleicht erklärt das im Ansatz das, was die Spieler im Final abliefern. In aufgeheizter Atmosphäre rennen sie, als gäbe es kein Morgen, grätschen sie mit Lust, greifen sie leidenschaftlich an und überfordern sie ihren Gegner. Ja, sie überfordern den FCB. 18 Minuten brauchen sie, um sich mit dem ersten Tor zu belohnen. Und die Basler für ihre Schläfrigkeit zu bestrafen. Wie Konaté nach Carlitos’Zuspiel abschliesst, zeugt von der gehobenen Klasse des Senegalesen. Marco Streller, Abgang mit einer Niederlage. Foto: Klaunzer (Key)

Und jetzt? Eine Reaktion des FCB? Wird erwartet. Aber trifft nicht ein, nicht im Geringsten. Die Sittener dominieren, es sieht aus, als hätten sie die Energie einer ganzen Saison für diese eine Partie aufgespart. Sie haben Pech, als Traorés Foul im Strafraum an ­Assifuah ungeahndet bleibt; und sie haben Glück, als Fernandes vor der Pause für ein Hands nicht mit einem Penalty bestraft wird. Mehr als Randnotizen werden diese Szenen aber nicht. Weil das Team keine Anstalten macht, nachzulassen.

Getrübt wird das Bild einzig von Teilen der Sittener Fans. Zuerst bewerfen Unbelehrbare Marco Streller mit Fahnenstangen, als der FCB-Captain nach einem Ellbogenschlag von Léo Lacroix zurück aufs Feld will. Und vor Anpfiff der zweiten Hälfte zünden sie in ihrem Sektor Pyros und Böller. Schiedsrichter Hänni schickt die Teams wieder in die Kabine. Constantin, Tholot und Ersatzspieler Vilmos Vanczak versuchen, die Kurve zur Räson zu bringen.

Tholots Griff zum Megafon

Christian Constantin stellt sich gleich danach vor eine Fernsehkamera. «Dieses Verhalten ist scheisse», sagt er wütend, «diese Leute zerstören ein Fest.» Bevor die Mannschaften nach der über zehnminütigen Zusatzpause wieder auftauchen, greift Tholot zu einem Megafon und ­redet zu den Fans. «Mich hat niemand dorthin beordert, ich habe gespürt: Ich muss diesen Zuschauern klarmachen, dass es so nicht geht.»

Bemerkenswert ist, dass die Unruhe spurlos an seiner Mannschaft vorbeigeht. Sie rennt weiter, sie grätscht weiter. Lacroix, der Schlaks, meldet Streller ab. Carlitos sprüht vor Spiellust. Salatic und Kouassi beherrschen das Mittelfeld. Konaté ist der Dauergefährliche, Assifuah, Fernandes, Zverotic, Ziegler und wie sie alle heissen, sie alle präsentieren sich so, dass es bald keine Zweifel mehr gibt: Sie ziehen es durch, sie bringen es fertig, den FCB mehr und mehr zu frustrieren. In der 50. Minute gelingt Fernandes das 2:0, und Schär sieht bei seinem letzten Spiel für Basel schlecht aus. Und nach einer Stunde wird es noch viel lauter im St.-Jakob-Park. Carlitos erhöht mit dem Kopf nach kluger Hereingabe von Zverotic. Constantin kann sich auf seinem Klappsitz nicht mehr wehren. Ihm fallen die Nachbarn um den Hals. Souvenir fürs Wohnzimmer: Das Netz. Foto Bott (Key)

Der Meister ist gedemütigt und chancenlos, die Cupspezialisten kosten die letzte halbe Stunde aus, sie dürfen den Ball ungestört hin- und herschieben. Der Triumph ist auch ihrer Mentalität zuzuschreiben. Das Ende wird auch von chaotischen Bildern geprägt. Stewards versuchen Sion-Fans daran zu hindern, auf den Rasen zu stürmen, auch dann noch, als die Erfolgschancen völlig aussichtslos sind. Sie scheitern. Die Polizei ­markiert zwar Präsenz, aber nicht vor dem Fansektor, sondern nahe der ­Spielfeldmitte. Dort stehen die Basler Fussballer ­sportlich Spalier und applaudieren, als die Sieger die Treppe der Haupttribüne hochgehen, um ihre Trophäe abzuholen.

«Wir haben gezeigt, dass wir richtige Männer sind», sagt Xavier Kouassi, Sions Captain von der Elfenbeinküste. Und Reto Ziegler zeigt sich erstaunt über den Auftritt des Gegners: «Der FCB hat nicht den nötigen Respekt gezeigt und uns ­unterschätzt.» Ihm solls recht sein. Er fährt am Abend mit der Mannschaft zum Empfang auf die Place de la Planta, dem zentralen Platz in Sitten.

Wenigstens ein guter Verlierer

Frage noch an Christian Constantin: «Warum eigentlich spielt Sion nicht immer so?» – «Weil das Fussball ist.» Und er schiebt nach: «Aber wir fangen an, ­solche Partien zu gewinnen. Es entsteht etwas bei uns.»

Der FC Basel hatte nicht viel gezeigt während dieses Finals. Doch danach hatte er die Klasse, wenigstens ein guter Verlierer zu sein. Marco Streller befand nach seinem letzten Spiel als Profi: «Es macht es einfacher für mich, mit dieser Niederlage abzutreten, da ich weiss, dass sie absolut gerechtfertigt war. Ich ziehe den Hut vor dem FC Sion, er war uns in allen Belangen überlegen.» Offensichtlich waren die Basler nach gewonnener Meisterschaft nicht mehr mit dem absoluten Siegeswillen in die Partie gegangen. Goalie Germano Vailati, der sich am stärksten gegen die Niederlage gestemmt hatte, sagte: «Wir sind seit Wochen Meister, vielleicht waren wir weniger motiviert als Sion.»

Das solle dem FCB künftig nicht mehr passieren, befand Bernhard Heusler nach der dritten Finalniederlage in Serie. «Wir müssen wissen, dass unsere Fans nicht ins Stadion kommen, um zu sehen, wie wir dominiert werden», sagte der FCB-Präsident, merkte aber auch an: «Unsere Saisonbilanz hängt nicht vom Cupfinal ab.» Für die Basler zählen Meistertitel und Champions League weit mehr als der Cup.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.06.2015, 23:07 Uhr

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