Young Boys

Als YB Fussballgeschichte schrieb

Am 15. April 1959 schrieben die Young Boys im Wankdorfstadion ein Kapitel Schweizer Fussballgeschichte: Sie empfingen im Halbfinal des Europacups der Meisterklubs das stolze Stade de Reims und siegten vor der Rekordkulisse von über 63'000 Zuschauern dank einem Tor des legendären Goalgetters Geni Meier mit 1:0.

Die YB-Spieler (im Bild Bigler und Meier) werden gefeiert. (zvg)

Die YB-Spieler (im Bild Bigler und Meier) werden gefeiert. (zvg)

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Bern hat schon manchen unvergessenen Fussballmatch gesehen: 76 Cupfinals oder Cupfinal-Wiederholungsspiele fanden hier statt, es gab 64 Länderspiele der Schweizer Nationalmannschaft, mehrere Spiele im Rahmen der WM-Endrunde 1954, zwei Europacupfinals und jüngst drei Gruppenspiele der Euro 08. Aus lokaler Optik aber hat es einen Match gegeben, der alle anderen in den Schatten stellte: Jenen Halbfinal im Europacup der Meisterklubs, den die Young Boys am 15. April 1959 – heute vor 50 Jahren – gegen das stolze Stade de Reims bestritten und gewannen.

Jahrhundertereignis

Viele sprechen noch heute von diesem Spiel. Es war, was die mittlerweile 111-jährige Geschichte des BSC Young Boys betrifft, so etwas wie das Jahrhundertereignis. Es stimmt, der Europacup stand damals noch in seinen Kinderschuhen – die Uefa hatte diesen internationalen Wettbewerb erst zwei Jahre vorher ins Leben gerufen. Dennoch war die Crème de la Crème des europäischen Fussballs im Europacup von Anfang an dabei. Allen voran das grosse Real Madrid mit den besten Spielern der Fünfzigerjahre, Alfredo di Stefano und Ferenc Puskas. Zu den ganz grossen Teams gehörte auch Stade de Reims mit den Weltstars Fontaine (Torschützenkönig an der WM 1958), Colonna, Jonquet, Piantoni oder Vincent. Und genau dieses Stade de Reims bekam YB als Halbfinalgegner zugelost. Die späten Fünfziger waren – aus sportlicher Sicht – die erfolgreichsten Jahre, die der BSC Young Boys bisher erlebte. Viermal in Serie wurden die Gelb-Schwarzen von Trainer Albert Sing zwischen 1956 und 1960 Schweizer Meister, zweimal, 1953 und 1958, gewannen sie überdies den Schweizer Cup. YB hatte in der Schweiz zwar viele Rivalen – die Grasshoppers, Servette und der FC La Chaux-de-Fonds an erster Stelle –, national aber gab es für sie keinen ernsthaften Gegner. So erstaunte es nicht, dass an besagtem 15. April 1959 die ganze Schweiz mit YB mitfieberte: Wer nicht im Wankdorfstadion sein konnte, sass vor dem Radio und liess sich von der Beromünster-Direktreportage begeistern.

Stadion war zu klein

Die Stadt Bern zählte vor 50 Jahren rund 160000 Einwohner, die Agglomerationsgemeinden allerdings waren wesentlich kleiner als heute. Im Grossraum Bern lebten knapp über 200000 Menschen. Dennoch war das Wankdorfstadion mit seinen offiziell 60000 Plätzen (davon rund 8000 Sitzplätze) für diesen Halbfinal zu klein. Wer im Vorverkauf kein Billett ergattern konnte, hatte Pech. Das Stadion war bis auf den allerletzten Zentimeter ausverkauft, gemäss Angaben der damaligen Stadionbesitzer (dem Verein Fussballstadion Wankdorf) befanden sich «sicherlich 63000 oder mehr» Zuschauer auf den Rängen – die meisten davon auf der riesigen Stehrampe gegenüber der schmucken Haupttribüne.

Als 14-jähriger Schüler war ich schon früh im Stadion – und zwar am bevorzugten Platz beim Totomat auf der «Sempachstrass-Seite». Was ich auf der grossen Stehrampe sah, habe ich nie vergessen: Sie war hoffnungslos überfüllt, vollgepfercht, für die Zuschauer gab es dort keinen Bewegungsfreiraum mehr. Bei spektakulären Szenen auf dem Spielfeld setzte sich die Menge beängstigend in Bewegung. Sie wogte, einem Kornfeld gleich, auf und ab, hin und her. Die Eisengeländer und die Abschrankungen auf den Rängen, die in Sektoren eingeteilt worden waren, hielten dem Widerstand der Masse nicht stand, sie wurden eingedrückt und zu Boden gewalzt. Dass damals nicht der geringste Unfall passierte, grenzt nach heutigen Massstäben an ein Wunder. Eine Rakete, eine Schlägerei zwischen Fanatikern, ein Flaschenwurf – all das hätte in diesem «Nachtspiel», wie man damals sagte, leicht zu einer Katastrophe führen können. Doch es passierte nichts, selbst der Abmarsch nach dem Spiel verlief problemlos. Die Polizei meldete anderntags: «Um 23.30 Uhr präsentierte sich die Verkehrslage in der Stadt wieder normal.» Und die Städtischen Verkehrsbetriebe liessen verlauten: «Von 17 Uhr an wurden 22000 Fahrgäste ins Wankdorf gefahren, zurück 8000. Im Einsatz standen 60 Tramwagen, 17 Autobusse und 105 Mann.»

Nie gab es im Wankdorfstadion mehr Zuschauer als an jenem April-Abend. Auch der WM-Final von 1954 zwischen Deutschland und Ungarn hatte weniger Besucher, obschon auch damals die offizielle Zuschauerzahl mit 63000 angegeben wurde (viele Plätze waren infolge des schlechten Wetters leer geblieben). Wer bei YB – Reims dabei war, erlebte ein höchst spannendes und hochstehendes Spiel. Zuletzt wurde das nackte Resultat – 1:0 für die Young Boys – dem Geschehen auf dem Platz in keiner Weise gerecht. Die Berner hätten einen klar höheren Sieg verdient gehabt, aber sie genossen beim belgischen Schiedsrichter keinen Bonus: Monsieur van Nouffel entschied im Zweifelsfalle für die berühmten Franzosen. Die Berichterstatter des «Bund» und des «Berner Tagblatts» stellten tags darauf fest, dass YB mindestens zwei Foulpenaltys hätte erhalten müssen und dass ein Berner Tor in der Anfangsphase zu Unrecht keine Anerkennung gefunden habe.

Das Tor von Geni Meier

Der Sieg der Young Boys, die in der ersten Halbzeit aufspielten, «dass den Franzosen das Hören und Sehen vergingen» («Bund»), war schliesslich aber hochverdient. Den entscheidenden Treffer schoss der Captain höchstpersönlich: Geni Meier versenkte den Ball in der 13. Minute zur Begeisterung der über 60000 mit einem Bombenschuss. Es war selbstverständlich das wichtigste Tor des legendären Eugen (Geni «Bomben»-)Meier, der für die Young Boys in seinen 15 Berner Jahren sage und schreibe 249 Meisterschaftstreffer erzielt hatte. Um ein Haar wäre auch noch ein zweiter Treffer gefallen: Heinz Schneiter, der ruhende Pol im Mittelfeld, hatte mit einem Lattenschuss aber Pech.

Nach Spielschluss wurden die YB-Spieler vom begeisterten Publikum auf den Schultern vom Platz getragen. Sie hatten einen grossen Match gespielt und sich internationalen Respekt verschafft. Schon in den Europacup-Partien zuvor hatte Sings Team seine internationale Klasse angedeutet: Nach dem Sieg gegen Manchester United (ausser Konkurrenz, weil Manu nach dem Flugzeugabsturz von München noch nicht im Europacup teilnehmen konnte) erfolgte die Halbfinal-Qualifikation über die Mannschaften von MTK Budapest und Wismut Aue (Chemnitz), den Meister von Ostdeutschland.

Das 1:0 gegen Reims reichte dann den Bernern zur Finalqualifikation gegen Real Madrid aber doch nicht aus: Sie verloren im Pariser Parc des Princes mit 0:3. Die Partie erwies sich in Bern als Strassenfeger, denn das Fernsehen übertrug erstmals ein Europacupspiel mit Schweizer Beteiligung direkt. Die Tea-Rooms und Restaurants, die über TV-Empfänger verfügten, waren hoffnungslos überfüllt.

Matchtelegramm: YB - Stade de Reims 1:0 (1:0) – Stadion Wankdorf. – 63000 Zuschauer. – SR van Nouffel (Belgien). – Tor: 13. Geni Meier 1:0. – YB: Eich; Zahnd, Bigler; Schneiter, Steffen, Schnyder; Flückiger, Rey, Meier, Wechselberger, Allemann. – Trainer: Sing. – Stade de Reims: Colonna; Rodzik, Jonquet; Giraudo; Penverne, Baratto; Lamartine, Leblond, Fontaine, Piantoni, Vincent.

Der BSC Young Boys hatte vor einem halben Jahr geplant, den Match YB - Reims aufgrund des Jubiläums im April 2009 zu wiederholen. Die Franzosen, inzwischen am Tabellenende der Ligue 2, waren von der Idee anfänglich hell begeistert. Nach der Entlassung ihres Trainers Didier Tholot (einst YB-Stürmer) liess Reims die Verhandlungen dann allerdings ohne Begründung platzen. (Der Bund)

Erstellt: 15.04.2009, 08:33 Uhr

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