Alan ist Pizzakurier, Jhow arbeitslos – und ihr Jugendfreund Superstar

Sie waren die Kollegen von Neymar und kickten zusammen auf der Strasse. Drei total unterschiedliche Lebensgeschichten. Besuch auf der «Rua B».

Neymars damalige Schulfreunde Jhow (links) und Alan Wilbert, Letzterer in einer alten FC-Barcelona-Hose. Foto: Boris Hermann

Neymars damalige Schulfreunde Jhow (links) und Alan Wilbert, Letzterer in einer alten FC-Barcelona-Hose. Foto: Boris Hermann

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Das grösste Spiel in der Karriere von ­Jonathan Santos Marcelino, den alle «Jhow» rufen, fand mitten auf der Strasse statt. Auf der Rua Geni Aparecida de Moura, die alle «Rua B» nennen. Jhow (25) lebt mit seiner Mutter, seinen Brüdern, seiner Tante und seinen ­Cousinen in dem kleinen Haus mit der Nummer 27638.

In der Rua B herrscht ein wunder­sames Hausnummernchaos. Jhows alter Schulfreund Alan Wilbert wohnt zum Beispiel nur ein paar Schritte weiter in der Nummer 39, wobei es im Grunde 396 heissen muss, aber die Ziffer 6 ist schon vor langer Zeit abgefallen. Auch Wilbert schwärmt bis heute von diesem grossen Spiel. Wann genau es stattfand, wissen die beiden nicht mehr. Vielleicht vor vierzehn, vielleicht auch vor fünfzehn Jahren. Sie können sich aber noch sehr genau daran erinnern, wie es ausging: «20 zu 19 für uns.»

Es war ein knapper Sieg, der über die Jahre für Jhow und Alan Wilbert immer weiter an Bedeutung gewann. In dem Masse, in dem sich ihr Leben von dem ihrer Kumpels entfernte, die sie damals auf dem löchrigen Asphalt der Rua B ­besiegt hatten. Fünf gegen fünf, die Tore mit Flipflops markiert. «Im Verliererteam spielten Alan Patrick und Juninho mit», erzählt Jhow.

Alan Patrick verdient inzwischen viel Geld beim ukrainischen Erstligisten Schachtar Donezk. Und Juninho hat noch eine ganz andere Karriere hin­gelegt. In der weiten Fussballwelt kennt man ihn unter dem Namen Neymar jr.

Seine Cousine wohnt noch da

Im engen Familienkreis sagen sie immer noch Juninho. Genau wie in der Rua B von Jardim Glória. Der 222-Millionen-Mann, der teuerste Fussballer der Geschichte, der offenbar wertvollste Planetarier, hat dort einen Grossteil seiner Kindheit verbracht. Hausnummer 324. Seine Cousine wohnt dort bis heute. Es wäre übertrieben, von einer Favela zu sprechen. Aber es ist auch kein Ort, an dem man sich gerne länger aufhält als nötig.

Jardim Glória gehört zu den ärmsten und gefährlichsten Vierteln der Küstenstadt Praia Grande im Süden São Paulos. Seit vor ein paar Jahren die grosse Müllkippe hinter der Rua B stillgelegt wurde, riecht es zumindest nicht mehr ganz so streng. «Wenn man sich nicht mit den Drogenbanden einlässt, kann man es hier eigentlich ganz gut aushalten», sagt Jhow.

Sein Name ist eine sehr brasilianische Variante des Vornamens Joe und wird auch genauso ausgesprochen. Wie Jhow Cocker oder Little Jhow. Brasilianer zu sein, das bedeutet in der Regel, einen seltsamen Spitznamen zu tragen, den man nie wieder loswird. Neymar hat den Rufnamen seiner Jugend abgestreift wie ein Trikot, als er zur universalen Fussballmarke wurde.

Bonbons und kicken

Jhow und Alan Wilbert sind mit Juninho in die Klasse gegangen, sie haben mit ihm die Schulmeisterschaft gewonnen, die Mütter wechselten sich beim Hinbringen und Abholen ab. Am Wochenende kauften sie Bonbons im Laden vom alten Domingos und kickten irgendwo in der Nachbarschaft, bis es dunkel wurde.

Es heisst, Fussball verbindet. In diesem Fall hat er Freunde getrennt. Alan Wilbert arbeitet heute als Pizzabote, Jhow ist arbeitslos. Und der Multimillionär, der einmal ihr bester Bolzplatz­kumpel war, ist jetzt der Nachbar von Céline Dion in Paris. Klar, dass er Besseres zu tun hat, als mit Jhow und Alan über die alten Zeiten zu plaudern.

Nie würden sie ihm daraus einen Vorwurf machen. Aber wenn sie ganz ehrlich sind, etwas enttäuschend finden sie es schon, dass er nicht einmal mehr ­anruft, wenn er in der Gegend ist. «Es war nicht irgendeine Freundschaft», sagt Jhow. «Wir wollen ja nicht sein Geld. Wir würden nur mal gerne wieder mit ihm reden», versichert Alan Wilbert.

Neymar hoch zu Ross mit seinem Vater. Foto: Instituto Neymar

Jhow trägt an diesem Tag ein Trikot von Bayern München. Nicht, weil er Fan wäre, sondern weil ihm die Farben gefallen. Er sitzt am Esstisch in einer fensterlosen Küche, seine Mutter Cinmara Santos giesst stark gesüssten Kaffee ein, sie weiss natürlich, worum es geht, wenn ein Reporter vorbeikommt. «Hier am Tisch hat er auch immer gesessen», sagt sie. Frau Santos ist der Meinung: «Wenn einer so viele Millionen verdient wie unser Juninho, dann könnte er doch mal einem alten Freund helfen.»

Jhow hat keine abgeschlossene Berufsausbildung, er räumte Regale im Supermarkt ein, ehe er vor acht Monaten krisenbedingt entlassen wurde. Sein Vater ist schon lange abgehauen, seine kleine Tochter lebt bei seiner früheren Freundin. Was ihm bleibt, ist die Erinnerung an eine gemeinsame Kindheit mit einem globalen Superhelden. Irgendwann war er vielleicht sogar einmal gleich gut, zumindest nicht so viel schlechter. «20 zu 19!», sagt Jhow. Was dann passierte? «Ich hatte nicht die Möglichkeiten, die sein Vater ihm eröffnete.»

Der Nachwuchs-Scout

Roberto Antonio dos Santos, der Jugendtrainer und Nachwuchs-Scout, den alle Betinho nennen, hätte an dieser Stelle etwas zum Thema «Talent» einzuwenden. Ein Talent von damals, das er angeblich zufällig entdeckt hat – ohne dass ein Ball dabei gewesen wäre. Es geschah, so erzählt er es, am Rande eines Fussballspiels von ­Juninhos Vater Neymar da Silva Santos. Der Junge war mitgekommen, schaute aber nicht zu, sondern rannte die ganze Zeit die Treppen der Tribüne hinauf und hinunter. Und zwar in einem Tempo und mit einer Eleganz, die Betinho nachhaltig beeindruckte: «Es sah aus, als würde er im Flachen sprinten.»

Betinho hat diesen Jungen dann sechs Jahre lang trainiert und fast überallhin begleitet. Er sagt: «Immer, wenn er bei mir im Auto sass, betete ich zu Gott, keinen Unfall zu bauen, weil ich wusste, ich fahre mit einem Juwel herum.»

Auch Betinho ist der Meinung: Die Karriere von Neymar jr. ist ein Mischprodukt aus seiner eigenen Dribbelkunst und aus der Managerfähigkeit seines Vaters, der seinen Sohn behütet und berät und alle seine Profiverträge ausgehandelt hat. Bei Santos, bei Barcelona, bei PSG. Es ging dabei um immer wahnwitzigere Summen – stets an den Grenzen der Legalität, mutmasslich auch darüber hinaus.

Klein Neymar als Junior von Santos. Foto: Instituto Neymar

Vater Neymar war selbst Fussballprofi, mit deutlich bescheidenerem Erfolg. Für kurze Engagements in der zweiten und dritten Liga im Bundesstaat São Paulo zog er mit seiner Familie wie ein Nomade durch das Land. Das Geld reichte oft nicht einmal, um den Strom zu bezahlen. Nach Jardim Glória kam Neymar senior, weil er sich dort etwas als Automechaniker dazuverdienen konnte. Manchmal putzte er auch Toiletten. Das erzählt er nicht ohne Stolz in der gemeinsamen Autobiografie mit seinem Sohn. Und zwar an der Stelle, die von seinem Erziehungsideal handelt: «Demut ist alles im Leben.»

Der Sohn würdigt seinen Vater im selben Buch als einen «Meister der Geschäfte». Es ist 2013 erschienen, also lange vor dem Megageschäft mit PSG. Neymar junior wurde mit 17 Jahren Profi und mit 18 Nationalspieler. Dabei hatte er erst fünf Jahre zuvor mit dem klassischen Vereinsfussball begonnen, als sie beim Erstligisten FC Santos extra seinetwegen eine U-13 gründeten. Auf sanften Druck des Vaters.

Nicht Fussball, sondern Futsal

Ein kleiner Lokalheld war Neymar jr. schon damals, allerdings nicht im Fussball, sondern im Futsal. Es ist ein Spiel für Dribbelkönige, fünf gegen fünf in der Halle, mit einem kleinen Ball, der kaum hüpft. Juninho spielte als Achtjähriger bei einem Club namens Gremetal. Und er verdiente dort bereits mehr als andere, wenn auch in Naturalien. Alle Spieler bekamen eine monatliche Lebensmittelkiste mit Reis, Bohnen, Öl und Trockenfleisch. Neymar erhielt zwei Kisten, auch das hatte sein geschäftstüchtiger Senior so ausgehandelt. Eine davon lieferte er stets bei seinem Opa Ilzemar ab.

Etwa in dieser Zeit begannen Jhow und Alan Wilbert ihren Freund Juninho als Fans zu begleiten. Die beiden erinnern sich aber auch daran, dass der ­Vater irgendwann nicht mehr wollte, dass der Sohn mit ihnen auf der Strasse kickt. Wegen der Verletzungsgefahr. Stattdessen liess er im heimischen Garten einen kleinen Sandplatz aufschütten. Es durften jetzt auch nicht mehr alle Nachbarskinder bei der Familie da Silva Santos ein und aus gehen. Jhow und Alan Wilbert gehörten zu den wenigen, die noch Zugang hatten, um mit Juninho auf dem Sandplatz zu trainieren. Als die Familie schliesslich nach Santos umzog, brach der Kontakt abrupt ab.

Neymar als Maskottchen beim Team des Vaters. Foto: Instituto Neymar

Alan Wilbert vermutet, nein, er hofft regelrecht, dass auch dies mit dem strengen Regiment des Vaters zu tun hatte. «Wir haben Juninho nicht so in Erinnerung. Er war immer einfach und demütig. Er hat alle gleich behandelt», sagt er.

Einmal, kurz vor Weihnachten 2014, hätte es eine gute Gelegenheit gegeben, um sich wiederzusehen. Da wurde nur ein paar Schritte von der Rua B entfernt das «Instituto Neymar Jr.» eröffnet, im Beisein des Namensgebers. Das Institut ist ein grosser Sport- und Schulkomplex, ein Sozialhilfeprojekt, mit dem der teuerste Fussballer der Welt zumindest einen kleinen Teil seines Reichtums weitergibt.

Brasilien mag Neymar nicht

Natürlich geht es dabei auch um Imagepflege. Die Brasilianer und Neymar – das ist keine ungetrübte Liebe. Der Rekordtransfer nach Paris wurde in seiner Heimat keineswegs euphorisch aufgenommen. Das Magazin «Carta Capital» titelte: «Warum wir Neymar nicht mögen». Die Meinungsmonopolisten von «O Globo» stellten ihn unter einem Himmel dar, aus dem es Dollarscheine regnete.

In den Hochglanzbroschüren seines Instituts wird Neymar junior als ein Mensch präsentiert, der sich wie kaum ein anderer Profi um die Armen und Benachteiligten sorgt, und der dabei niemals vergisst, wo er herkommt. Die Arbeit der Einrichtung richtet sich an die Kinder aus dem Problemviertel Jardim Glória. Neymars Onkel José Benicio, der das Institut leitet, weil manche Dinge besser in der Familie bleiben, sagt: «Alles hier ist inspiriert von den Erfahrungen seiner Kindheit.»

Die beiden besten Freunde aus dieser Kindheit haben für das Eröffnungsfest ein VIP-Bändchen bekommen. Getroffen haben sie Juninho nicht, sie kamen nicht zu ihm durch. Wegen der Security. Alan Wilbert sagt ohne eine Spur von Ironie: «Er hat auch kein einfaches Leben. Wenn man so reich ist wie er, kann man nicht einfach in einem Viertel wie diesem hier herumspazieren.» Erst vor ein paar ­Wochen hat jemand den Bonbonladen ausgeraubt, in dem sie früher immer ihre letzten Centavos ausgegeben haben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2017, 22:32 Uhr

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