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Zärtliche Schulterbisse? Fussballgott Grädel über die Liebesbeziehung in Zeiten der WM.

Diese Abmachungen haben etwas Verführerisches, aber sie sind auch ein Gefängnis. Das vergisst man oft vorschnell. Grädel ist ja mit seiner Frau so verblieben, Gefühls- und Konfliktsachen während der WM im Sinne der Beziehung in die Tiefkühle zu stecken und erst danach aufzutauen und portionsweise zu verstoffwechseln. Aber Grädel leidet jetzt unter dieser Abmachung. Die Gespräche sind gar sachlich geworden, und bisweilen hat Grädel das Gefühl, anstelle des Herzens seiner Frau sei ein Gerät oder eine App in ihren Körper eingefügt mit dem Versprechen: So handhaben Sie eine Beziehung während der WM!

Grädel freut sich schon jetzt (heimlich) auf die Nach-WM-Zeit mit all den Erkenntnissen, der er dann (auch) in die Beziehung mit einbeziehen will. Vom leichten erotischen Schulter- oder Nackenbeissen hat Grädel ja schon berichtet (vielen Dank an Luis für die Anregung), und überhaupt scheint Grädel, dass ein wenig mehr Direktheit dieser Umformulierungs-Paraphrasierungs-Kompromiss-Gesellschaft nicht schaden könnte.

Gute Erfahrungen hat Grädel nach ersten Testversuchen mit dem Rasierschaum-Set gemacht. Locker hängt es hinten links an seinen Gürtel, und so zieht Grädel bei Bus-, Tram- und Zug-Einstiegs-Ausstiegs-Szenen diesen weissen Strich vor die Leute, um Ordnung in die wirren Massen zu bringen. Der Erfolg verblüfft und verunsichert Grädel zugleich. Alle scheinen froh um die Richtlinien, Bernmobil machte Grädel gar das Angebot, an einem Fortbildungs-Seminar für Stewards (die mit den gelben Überhängen) als Experte aufzutreten.

Sehr gut eignet sich diese weisse Distanz-Variante auch bei unangenehmen Leuten. Es gibt sie ja tatsächlich, und Grädel zieht dann einfach diese 9,15-Meter-Linie. Auf diese Entfernung sind sie deutlich und körperlich spürbar besser zu ertragen. Dann vielleicht nach der WM noch mehr in diesem Tunnel leben. Spieler leben ja «in diesem Tunnel». Sie nehmen nicht viel mehr wahr als sich selbst und ihre Aufgabe. Man lässt sich oftmals einfach viel zu sehr von (Medien-)Meinungen ausserhalb seiner selbst leiten.

Jetzt hat doch Grädel 1534 Artikel über diese WM gelesen (72 über Neymar, 69 über Messi usw.), aber selbst, ohne fremde Hilfe, musste Grädel diesen famosen James Rodríguez von Kolumbien entdecken. Niemand hat Grädel auf diesen grossartigen Spieler hingewiesen. Ist eine solche Berufsgruppe ernst zu nehmen? Das wäre, wie wenn ein Paar-Therapeut riete, während der WM die Gefühls- und Konfliktsachen in der Tiefkühltruhe zu konservieren.

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