Bodenständig, zäh und frech

Mit 16 wurde Florent Hadergjonaj von YB als zu leicht befunden. Nach einem Abstecher zum FC Luzern startete der Emmentaler durch. Er etablierte sich bereits mit 19 in der Super League.

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Ruedi Kunz

Lange Beine, schmales Gesicht, eher schmächtiger Oberkörper: Florent Hadergjonaj könnte von der Postur her ein Langstreckenläufer sein. Der YB-Verteidiger muss lachen über den Vergleich. «Ich bin laufstark, doch mit Leichtathletik hatte ich nie etwas am Hut.» Für den in der Eishockey-Hochburg Langnau aufgewachsenen Hadergjonaj gab es immer nur einen Sport: Fussball, Fussball und nochmals Fussball. Vom Kindergarten­alter bis zu den D-Junioren kickte er beim FC Langnau.

Mit 12 folgte der Wechsel zum FC Thun und damit die Zeit des Reisens, vorerst im Auto, später mit dem Zug. Nächste Station war mit 16 die Nachwuchsabteilung des FC Luzern-Kriens. Dorthin verschlug es den Emmentaler, weil er bei der U-17-Auswahl der Young Boys keinen Unterschlupf gefunden hatte und die Rückkehr zu seinem Stammverein Langnau keine Option war. «Ich wollte immer Fussballprofi werden. Deshalb kam es für mich nicht infrage, aufzugeben, kaum stand ich vor dem ersten grossen Hindernis.»

Der Abstecher in die Zentralschweiz zahlte sich in mehrerlei Hinsicht aus: Hader­gjonaj erkämpfte sich bei der U-17-Auswahl einen Stammplatz und konnte sich Ende Saison als Schweizer Meister feiern lassen. Die tägliche Pendlerei zwischen Langnau und Luzern nutzte er, um Aufgaben des 10. Schuljahrs zu machen oder sich mit Musik­hören vom kräftezehrenden Alltag zu ­erholen. Florent sei ein zäher Bursche, extrem zielgerichtet und seriös, sagt Thomas Häberli. Die YB-Legende war es, die Hadergjonaj im Sommer 2011 mit etwas Verspätung in die Hauptstadt lotste. Für den Emmentaler mit kosovarischen Wurzeln ging «der ganz grosse Traum» in Erfüllung: Endlich durfte er für den Verein auflaufen, der für ihn seit Kindesbeinen die Nummer 1 gewesen war.

Rasanter Aufstieg

Einmal bei YB, stieg Florent Hadergjonaj im Eiltempo die Karriereleiter empor: Stammspieler in der U-18-Auswahl, Stammspieler in der U-21-Auswahl, keine zwei Monate nach seinem 19. Geburtstag das erste Meisterschaftsspiel mit der ersten Mannschaft. YB verlor zwar gegen den FCZ, doch der Debütant erledigte auf der rechten Abwehrseite seine Arbeit derart solide, dass er sich weitere Bewährungschancen redlich verdiente. Er habe gar keine Zeit gehabt, nervös zu werden, erinnert sich Hadergjonaj an seine Super-League-Premiere vom 29. September 2013.

Trainer Uli Forte habe ihm erst wenige Stunden vor Matchbeginn eröffnet, dass er von Beginn weg zum Einsatz kommen werde. Als die Verletztenliste wieder kürzer wurde, musste Hadergjonaj zurück auf die Ersatz­bank. Er nahm die Rückstufung, ohne zu murren, hin und gab im Training weiterhin Vollgas. Die vorbildliche Einstellung machte sich bezahlt: Noch vor Ende Jahr unterbreitete Sportchef Fredy Bickel dem aufstrebenden Verteidiger den ersten Profivertrag. Er unterschrieb den Kontrakt, der bis Juni 2017 datiert ist, ohne lange zu zögern – und ohne Beisein eines Beraters. Im Gegensatz zu vielen anderen Nachwuchsspielern kommt ­Hadergjonaj ohne einen solchen aus. Wichtige Dinge bespreche er mit seinem ­Vater, lässt der 20-Jährige durchblicken.

Die günstige Konstellation

Hadergjonaj gehört wie Michael Frey, Grégory Wüthrich, Leonardo Bertone und Yvan Mvogo zu den Profiteuren des Philosophiewechsels, den YB eingeleitet hat nach Fredy Bickels Rückkehr Ende 2012. Der Sportchef vertraut der eigenen Nachwuchsschmiede, die zuvor jahrelang ein Schattendasein fristete, obwohl sie schon damals professionell betrieben wurde und beträchtliche Mittel (2,5 bis 3 Millionen Franken pro Jahr) verschlang. «Als wir uns vor 18 Monaten für diesen Weg entschieden, glaubte niemand so recht, dass uns ernst ist», sagt Bickel rückblickend. Hadergjonaj attestiert er eine «gewisse Frechheit, Unbekümmertheit und Bodenständigkeit». Aufgefallen sind dem Sportchef auch sein überdurchschnittlich gutes Spielverständnis und die präzisen Flanken aus vollem Lauf.

Der ÖV-Benutzer

Obwohl er nun Fussballprofi ist, hat sich in Florent Hadergjonajs Leben wenig geändert. Er besucht weiterhin die Feusi- Schule, wo er bis Sommer 2015 das Sport-KV absolviert. Zur Arbeit kommt er wie gehabt mit dem Zug, obwohl er sich locker ein Auto leisten könnte. Er schätzt die zweimal rund 30 Minuten Zugfahrt zwischen Langnau und Bern- Wankdorf, weil er abschalten oder sich mit Kollegen oder Bekannten unterhalten kann. Hadergjonaj hat auch nicht vergessen, woher er kommt. Der private Ankerplatz ist Langnau geblieben, wo seine Familie und die meisten Freunde leben. Auch zum lokalen Fussballklub ist der Kontakt nicht ganz abgerissen, obwohl sein jüngerer Bruder Flakron und sein Cousin Mal mittlerweile nicht mehr dort Fussball spielen. «Wenn ich Zeit habe, gehe ich hie und da ins Moos, um mir einen Match anzuschauen.»

Stimmungsmacher Europa League

Derzeit liegen die Prioritäten ganz woanders. Der nächste YB-Gegner kommt aus dem Osten Europas, aus Debrecen. ­Gegen die Ungarn bestreiten die Berner morgen Abend das Hinspiel im Europa- League-Playoff. Nachdem er in der Meisterschaft zuletzt viermal über die volle Spieldauer gespielt hat, darf sich Florent Hadergjonaj berechtigte Hoffnungen machen, auch gegen Debrecen in der Startformation zu stehen. Von den Ungarn weiss er noch nicht mehr, als dass sie mehrfacher Landesmeister sind. «Wer solches schafft, hat sicher Qualität.» An der Zielsetzung, die bereits vor Saison­beginn formuliert wurde, ändert sich deswegen nichts: YB will unbedingt die Gruppenphase erreichen. «Das wäre gut für die Stimmung im Team, im Verein und bei den Fans», weiss Hadergjonaj.

Der Bund

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