«Die Schweiz kann stolz sein»

Ralph Stöckli leitet erstmals die Schweizer Olympiamission. Trotz der Absage von Roger Federer blickt der einstige Spitzencurler auf ein breit aufgestelltes Team.

Ralph Stöckli (40) vor den Hochhäusern, die in Rio das olympische Dorf bilden. Foto: Andreas Eisenring (EQ Images)

Ralph Stöckli (40) vor den Hochhäusern, die in Rio das olympische Dorf bilden. Foto: Andreas Eisenring (EQ Images)

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Wetten Sie?
Ich mache nicht einmal bei internen Tippspielen mit. Ich wüsste nicht, was mir das bringen sollte.

Wenn Sie nun doch müssten: Auf welche Schweizer Medaille würden Sie Ihr Geld setzen?
Ich würde mich für die Ruderer entscheiden. Obwohl mir bewusst ist, wie viel zusammenpassen muss, begeistert mich ihr Weg über die letzten vier Jahre. Es existiert ein klarer Plan, beim Verband und bei den Athleten, das fasziniert mich. Und vor allem sind die Leistungen so konstant, stark und überzeugend, dass die Ausgangslage gut ist.

Was löst das Projekt in Ihnen aus?
Stolz, denn es ist ein Zusammenspiel vieler Beteiligter: der Verband, Athleten, die sich dazu bekennen, ein Trainerteam, das hochprofessionell arbeitet – und wir von Swiss Olympic, die mit­finanzieren. Es ist ein perfektes Beispiel dafür, wie Erfolg planbar gemacht werden kann – mit dem Wissen, dass viele Unbekannte bleiben.

Gibt es Ähnliches in anderen Sportarten?
Das Bahnprojekt, das mit der Abwesenheit von Stefan Küng leider einen Rückschlag erlitten hat. Diese Athleten mussten sich noch mehr dazu bekennen, weil sie mit dem Strassensport eine lukrative Alternative haben. Dass sie für das Team auf einiges verzichten, ist eine schöne Geschichte. Oder die Turner, auch deren Weg ist vergleichbar.

Was sagt das Schweizer Aufgebot über den Schweizer Sport?
Es zeigt, dass er sehr breit aufgestellt und in vielen Sportarten vertreten ist. Und dass wir in einigen vorne mithalten können. Die Schweiz kann stolz sein auf die sportliche Vielfalt.

Ausgerechnet der Medaillengarant Tennis wurde nun zum Sorgenfall.
Das kann man so sagen. Es fallen zwei Athleten mit Medaillenpotenzial aus. Bei Roger (Federer) hätte es sogar drei Möglichkeiten gegeben. Das tut weh.

War es ein Schock, als Sie davon erfuhren?
Die Nachricht kam nicht aus heiterem Himmel. Wir standen ständig in Kontakt mit Teamchef Severin Lüthi und waren über die Entwicklung informiert.

Nun fehlt dem Schweizer Team gleich einiges an Glamour.
Gegen aussen sicher. Es ist eine Realität, dass die Schweiz vor allem wahr­genommen wird, wenn ein Roger Federer für sie aufläuft. Das haben wir jetzt auch hier im olympischen Dorf ­gespürt: Es herrscht grosse Enttäuschung weit über das Schweizer Team hinaus. Das schafft nur Federer. Gegen innen wäre er ­natürlich eine Inspiration gewesen, wir haben aber viele weitere Athleten, die für Furore sorgen können. Wir dürfen am 5. August auch ohne ­Federer mit breiter Brust ins Maracanã-Stadion einmarschieren.

Und Erfolgserlebnisse zu Beginn wären hilfreich, um Druck von der Delegation zu nehmen.
Das sehe ich anders, jeder bestreitet seinen eigenen Wettkampf. So entscheidend ist es also nicht, ob ein Sportler in einer total anderen Sportart sein ­eigenes Ziel erreicht hat oder nicht. Aber klar, Erfolgserlebnisse tragen natürlich zu einer positiven Stimmung bei.

Trotzdem ist es weniger ein Team als eine Hundertschaft Einzelsportler?
Für einen Athleten ist der Auftritt mit dem Team speziell. Es gibt einmalige ­Begegnungen, wahnsinnig schöne Erfahrungen, oft kommt es vor, dass man sich gegenseitig unterstützt. Ganz klar ist aber auch, dass es Athleten gibt, die einander nie sehen. Es ist sicher nicht so, dass die gesamte ­Delegation ­zusammen frühstückt.

Was ist Ihre Rolle?
Ich hoffe, dass ich im Hintergrund bleiben kann und nur im Notfall reagieren muss. Entscheidend ist, dass die Athleten die besten Rahmenbedingungen ­haben. Ich bin dabei nicht so wichtig.

Sie stehen nicht hinter dem Sportler und feuern ihn kurz vor dem Start noch an?
Um Gottes willen, nein (lacht). Die Sportler brauchen ihr gewohntes ­Umfeld und ihre vertrauten Leute. Sie brauchen gewiss nicht auch noch den Stöckli, der ­ihnen die Hand auflegt.

Das wissen Sie aus eigener Erfahrung als Olympionike.
Es ist mein Vorteil, dass ich weiss, was bei Olympia auf die Sportler zukommt. Jeder will etwas von ihnen, und unsere Aufgabe ist es, sie entsprechend zu schützen. Sie sollen sich so weit wie möglich in ihrem gewohnten Umfeld ­bewegen und sich vorbereiten können. Olympische Spiele sind speziell.

Rio 2016 sind Ihre ersten Spiele als Chef de Mission der Schweizer Delegation. Wie geht man an eine solche Aufgabe heran?
Als Stellvertreter von Gian Gilli konnte ich in Sotschi hineinwachsen, er hat mich an den Job herangeführt. Auch meine Erfahrungen als Athlet haben mir viel geholfen. Wie ich den Job auskleiden möchte, wie ich die Delegation führe, wie wir sie selektionieren.

Sie könnten zum Beispiel selbst­darstellerisch auftreten.
Ich könnte, aber das wurde in der Schweiz noch nie so gehandhabt. In ­anderen Ländern wird das Amt tatsächlich politischer genutzt. Für uns ist es mehr ein operatives als ein repräsentatives Amt. Ich bin für die Athleten da.

Als es um die Selektionskriterien für Rio ging, äusserten Sie Kritik an Ihrem Vorgänger Gilli und wandten eine neue Praxis an. Weg vom «Top-10-Gedanken» von Gilli, hin zum Säulen-Prinzip mit den drei Selektionsgraden Medaillenkandidat, Zukunftshoffnung, Botschafter.
Das war keine Kritik an ihm, sondern an der Sache, und wir haben diesen Wechsel zusammen ausführlich diskutiert. Schon für Sotschi wäre eine Veränderung denkbar gewesen, aber die Zeit war noch nicht reif. Ich bin der Meinung, dass die jetzigen Kriterien den Schweizer Sport am besten abbilden, und ich habe mich früh dagegen gewehrt, dass es in Richtung Olympiatourismus geht.

Gibt es diesen Vorwurf des Olympiatourismus nur in der Schweiz oder in anderen Ländern auch?
Nun, Olympia hat halt seine Geschichte. Man kennt die Bilder von Athleten, die ein Land vertreten und nicht am Start sind, um eine Höchstleistung zu vollbringen. Wer erinnert sich nicht an die legendäre Szene, als sich Skifahrer überholen? Das hat sich eingeprägt.

Gilt aber nicht für die Schweizer Delegation.
All die Athleten, die wir selektionierten, sind hochprofessionell unterwegs und gehören national zu den Besten. International sind sie es vielleicht nicht alle, und trotzdem haben sie eine wichtige Botschafterrolle für die Leistungsförderung in ihrer jeweiligen Sportart.

Wegen dieser Funktion ist es wichtig, sie mitzunehmen?
Unbedingt, denn hinter dem Sportler ist ein Verband, sind Clubs, Regionen, Kantone oder Gemeinden, die in vielen Fällen einen Beitrag geleistet haben. Es ist die Gelegenheit, etwas zurückzugeben. Ein Athlet, der zum Beispiel aus einer kleinen Baselbieter Gemeinde nach Rio fliegt, sorgt für Aufregung und einen Hype in dieser Ortschaft und Region.

Fünf Medaillen sind das Ziel von Swiss Olympic. Das klingt erst ­einmal nach wenig.
Ich bin realistisch. Natürlich sind mehr Medaillen möglich, wenn am Tag X jeder Sportler seine Topleistung bringt und auch noch das nötige Wettkampfglück hat. Aber: An diesem Tag X die Leistung abzurufen, ist unglaublich schwierig, und wir sind als Schweiz von einigen ­wenigen Topsportlern abhängig, so objektiv müssen wir sein.

Sie kalkulieren Misserfolg mit ein?
Natürlich. Es gibt eine einfache Formel: Drei Athleten mit klarem Potenzial führen zu einer Medaille. Zwei werden also leer ausgehen. Die Milchbüchleinrechnung kann nun jeder selber anstellen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.08.2016, 23:28 Uhr

Ralph Stöckli

Der 40-jährige St. Galler ist Leiter der Abteilung Leistungssport bei Swiss Olympic und für Rio 2016 erstmals Chef de Mission. Zuvor hatte er Gian Gilli assistiert, als dessen Nachfolger er im Januar 2014 bestimmt wurde. Stöckli ist einstiger Spitzencurler, war 2003 WM-Zweiter geworden und 2006 Europameister. 2010 hatte er Olympiabronze gewonnen. Er ist verheiratet, Vater zweier Kinder (8 und 5) und lebt in Bäriswil bei Bern.

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