Meister der unterirdischen Leistungen

Wie erfolglos kann ein Sportteam sein? Die Footballer der Cleveland Browns schaffen es, alles zu unterbieten. Und so geht das.

Was die Browns auch versuchen, es misslingt: Josh Gordon wehrt sich gegen Baltimores Brandon Carr. Foto: Kirk Irwin (Getty Images)

Was die Browns auch versuchen, es misslingt: Josh Gordon wehrt sich gegen Baltimores Brandon Carr. Foto: Kirk Irwin (Getty Images)

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Wer zu oft gewinnt, macht sich verdächtig. Und unbeliebt bei den Gegnern. Das kann Tom Brady allerdings egal sein, dem Quarterback und Superstar der New England Patriots. Zum neunten Mal in Folge hat sich sein Team für das Playoff der National Football League qualifiziert. Nie zuvor hat eine Mannschaft die NFL so geprägt wie die Patrioten mit Brady, letzte Saison nach einer grandiosen Aufholjagd Superbowl-Sieger.

Dass auf dem Weg zum 15. Playoff in 17 Jahren wieder einmal einige umstrittene Entscheidungen zu ihren Gunsten ausfielen, befeuert bei den Fans der restlichen Teams die Verschwörungstheorie, dass die Patriots-Erfolge von der Liga gewollt sein müssen. Jüngst jedenfalls wurde den Buffalo Bills im Spiel bei den Patriots ein Touchdown aberkannt, von dem nicht mal alle beteiligten Schiedsrichter genau wussten, weshalb. Die Welle der Empörung wogte hoch, längst nicht nur in den sozialen Netzwerken. «Wenn du gegen die Patriots spielst, erwartest du solche Dinge eigentlich», klagte Bills-Verteidiger Jerry Hughes.

In vier Jahren gab es nur 11 Siege

Zu oft zu verlieren, ist allerdings auch nicht förderlich für den Ruf. Davon kann ein Team ein Klagelied singen, das das Gegenstück zu den Patriots ist: die Cleveland Browns. Die hatten letztmals vor zehn Jahren eine positive Sieg-­Niederlagen-Bilanz aufzuweisen, in den vergangenen vier Jahren gab es ganze elf Siege. In dieser Saison ist es besonders verheerend: Verlieren die Browns auch das abschliessende Spiel an Silvester bei den klar favorisierten Pittsburgh Steelers, ist es die 16. Niederlage im 16. Spiel. Dabei war die 1:15-Bilanz vom Vorjahr ja schwer zu unterbieten – vor allem, weil die Browns schon im Vorjahr Tabellenletzte gewesen waren und im Draft deshalb das beste Talent als Erste ziehen durften. Dumm nur, verletzte sich ihre Wahl, Verteidiger Myles Garrett, früh.

Aber so ist das eben bei diesem Team: Was die Browns auch versuchen, es misslingt. 29 Quarterbacks haben sie seit ihrer Neugründung 1999 als Starter eingesetzt, 11 waren es allein in den vergangenen fünf Jahren. Während andere, ähnlich erfolglose Teams auch einmal einen Glückstreffer auf der wichtigsten Position landen, zogen die Browns nur Nieten. Skandalnudel Johnny Manziel zum Beispiel, der während einer Verletzungspause lieber in Las Vegas feierte, als das Team bei einem Heimspiel zu unterstützen. Oder Robert Griffin, ein einst hoch gehandeltes Talent, das an den Erwartungen und seinem fragilen Körper zerbrach. Witzfiguren und ­Lückenbüsser waren also Nachfolger des legendären Otto Graham, der die Browns zwischen 1946 und 1955 zu sieben Titeln geführt hatte.

1996 wurde das Team nach Baltimore gezügelt. Und als Cleveland nach drei Jahren ohne Football die neuen Browns zurückerhielt, sehnten sich die Fans nach neuem Glanz. Sie sehnten sich vergebens – ein einziges Mal haben sich die Browns seither fürs Playoff qualifiziert. Und mit jedem Jahr, das verstrich, akzentuierte sich ihr Verliererimage noch. Vereinzelt verschoben talentierte Hochschulabgänger ihren Wechsel in den ­Profifootball um ein Jahr, um bloss nicht nach Cleveland gehen zu müssen.

Das Rezept? Papiertüten!

Die klägliche Erfolglosigkeit schlägt nicht nur auf die Stimmung, sondern drückt auch die Umsätze. Mit den Indians (Baseball) und den Cavaliers (Basketball) hat Cleveland derzeit zwei äusserst starke Teams und mit LeBron James einen Superstar, doch ausgerechnet in der populärsten aller US-Sport­arten darbt die Stadt. Nicht nur sinken die Zuschauerzahlen und Hotelreservationen bei Browns-Heimspielen laufend, auch die Sportläden beklagen einen Rückgang der Einnahmen. Wie eine lokale Radiostation berichtet, bieten viele die verschiedensten Browns-Fanartikel schon seit Wochen zu 50 Prozent an.

Viele Fans wiederum nehmen die ­Misere mit Humor. So stülpen sich einige auf der Tribüne braune Papiertüten über den Kopf. «Wir sind einfach furchtbar», schrieb einer drauf und ein anderer: «Dieses Team ist armselig von Kopf bis Fuss.» Die Geste ist abgeschaut von den New Orleans Saints, einst ebenfalls schrecklich schlecht und von den eigenen Anhängern als «Aints» (Habenichtse) tituliert. Doch sind die Saints auch ein Symbol der Hoffnung: Irgendwann wurde aus ihnen ein Superbowl-Sieger.

Fürs Erste aber müssen sich die Browns-Fans mit Ironie über die «perfect season» freuen: Sollten die Browns tatsächlich mit 16 Niederlagen die Saison beenden, ist am 6. Januar eine Parade um das Stadion geplant. «Zu Ehren der Browns, die uns seit 1999 rein gar nichts gegeben haben», wie die Organisatoren schreiben. Schon 3500 Personen haben ihre Teilnahme zugesagt. Es heisst, man dürfe auch mit Papiertüte erscheinen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.12.2017, 22:56 Uhr

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