«Der Kopf liess keine Pause zu»

Anna Veith war die beste Skifahrerin, ehe sie 2015 schwer stürzte. Die Österreicherin spricht über Schmerzen, Leere und Grenzen.

Fühlte sich vor ihrer Verletzung wie in einem Strudel, nun weiss Anna Veith: Sie muss das Tempo vorgeben. Foto: Lerch (Gepa)

Fühlte sich vor ihrer Verletzung wie in einem Strudel, nun weiss Anna Veith: Sie muss das Tempo vorgeben. Foto: Lerch (Gepa)

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Sie steht in ihrer nächsten Comeback­saison, Anna Veith startet heute in Val-d’Isère zum Super-G. Es war damals ein Schreckmoment für den Skisport, als sie am 21. Oktober 2015, drei Tage vor dem Saisonstart in Sölden, schwer stürzte. Bei Anna Veith – damals noch Fenninger – rissen das Kreuzband, das Innenband und die Patellasehne im rechten Knie. Die 28-Jährige kehrte letztes Jahr zurück – und brach den Winter nach der WM in St. Moritz ab, um sich wegen einer chronischen Entzündung der Patellasehne im linken Knie operieren zu lassen.

Sie kämpfen um Hundertstel, gegen Konkurrentinnen, mit dem eigenen Körper. Wie sehr gehört Kampf zu Ihrem Leben?
Es mag so ausschauen, als ob wir gegen jemand anderen kämpften, gegen den Berg, gegen uns selber. Aber im Grunde ist es nur dann möglich, Höchstleistungen zu erbringen, wenn es eben kein Kampf ist, wenn es scheinbar leicht geht, wenn ich mir zu hundert Prozent vertrauen kann. Muss ich kämpfen, bin ich verkrampft, dann wirds schwer.

Müssen Sie derzeit kämpfen?
Seit der Operation Anfang März nicht mehr. Ich habe seither das Gefühl, wieder in Ruhe an etwas arbeiten zu können.

Wie war es davor?
Da musste ich mir oft sagen: Da musst du jetzt durch. Ich habe viel krampfhafter an Dingen herumprobiert und mit viel mehr Unwissenheit.

Gab es Momente auf Ihrem Weg zurück, in denen Sie sich fragten: Lohnt sich der Aufwand?
Die gab es. Immer dann, wenn es in der Reha nicht weiterging. Ich versuchte zu trainieren, hatte dann Schmerzen im rechten Knie. Ich kam nicht weiter und wusste nicht, woran es lag. Gott sei Dank gab es auch Phasen, in denen es besser ging. Es war wie auf einer Achterbahn.

Lara Gut erkannte nach ihrer schweren Verletzung: Endlich kann ich durchatmen. Ging es Ihnen ähnlich?
Ich hatte viele unterschiedliche Gefühle, darunter auch: Der Druck ist weg, ich muss mich dem Ganzen nicht mehr Tag für Tag stellen, kann die Dinge neu ordnen. Aber je länger und schwieriger der Genesungsprozess war, desto weniger habe ich akzeptiert, wo ich stehe, desto mehr hätte ich mir gewünscht, dass es wieder losgeht mit den Wettkämpfen. Zwischendurch musste ich mir daher ­sagen: Geniess jetzt mal dein Leben zu Hause, die Familie, die Freunde, mach Dinge, die du sonst nie tun kannst!

«Ich backte Kekse, schmückte den Christbaum zusammen mit Mama. Das hat mir enorm viel gegeben.»

Als ob die Blase geplatzt wäre, in der Sie über Jahre lebten?
Genau. Ich war davor im Winter noch nie zu Hause. Ich musste mir erst einmal überlegen, was ich jetzt eigentlich tun sollte. Wer bin ich, und was tue ich überhaupt? (lacht) Solche Fragen stellte ich mir nie, ich war im Zirkus drin, hatte meine Aufgabe, es ging immer weiter.

Haben Sie eine Antwort gefunden auf die Frage: Wer bin ich?
Ich bin ein extremer Familienmensch.

Das wussten Sie noch nicht?
Doch, aber es war oft so, dass ich heimkam und viel Stress hatte. Auch an Weihnachten. Ich versuchte, alle zu sehen, und kam doch nie richtig herunter. 2015 erfuhr ich erstmals, was es heisst, richtig zu Hause zu sein. Ich erlebte Weihnachten ganz anders, ich backte Kekse, schmückte den Christbaum zusammen mit Mama. Das hat mir enorm viel ­gegeben. Ich verstand, dass auch das ein grosser Teil meines Lebens ist.

Nehmen Sie sich bewusster Pausen?
Viel bewusster. Es ist ohnehin so, dass mein Körper nicht mehr so grosse Trainingsumfänge zulässt. Ich geniesse die Pausen mittlerweile auch, habe kein schlechtes Gewissen mehr wie früher.

Zog Ihr Körper die Notbremse?
Ja, es war, als ob ich mich in einem Strudel befunden hätte. Als kleines Mädchen hatte ich das Ziel, einmal im Weltcup zu fahren, ich träumte von Medaillen, vom Sieg im Gesamtweltcup, war ehrgeizig, tat alles dafür. Ist man da einmal drin, kommt man nur schwer wieder heraus. Das nächste Rennen einfach abzusagen, weil ich eine Pause brauchte, das ging nicht, das liess der Kopf nicht zu. Des­wegen musste der Körper reagieren.

Versuchen Sie nun, das Tempo selber vorzugeben?
Mein Körper hat genau das aufgezeigt: dass nicht mehr nur der Kalender über das Tempo bestimmen darf.

Sie sind zweifache Gesamtweltcup-Siegerin. Wie sehr forderte es Sie, zwei Winter hintereinander bis an die Belastungsgrenze zu gehen?
Der erste Sieg ist einfach so passiert, wenn ich das so sagen darf. Ich spürte, dass der Zweikampf auch Maria (Höfl-Riesch) ermüdete. Sie verletzte sich dann in Lenzerheide kurz vor Schluss, ich konnte durchatmen.

«Es war jeden Tag Nervenkitzel, von oben bis unten. Ich durfte keine Sekunde negativ denken, musste funktionieren.»

Das war im Duell mit Tina Maze in der Saison 2014/15 anders.
Dieser Zweikampf hatte sich bis zum letzten Rennen zugespitzt. Es war über ­Wochen jeden Tag Nervenkitzel, von oben bis unten, Anspannung pur. Ich durfte keine Sekunde negativ denken, musste funktionieren. Das hat extrem viel Energie gekostet, es war der schwierigste Abschnitt meiner Karriere. Nach dem ­Finale in Méribel war ich komplett leer.

Gönnten Sie sich danach eine Pause?
Ich machte einen Monat Ferien, kam zurück und war trotzdem überhaupt nicht bereit. Ich merkte schnell, dass ich mit diesem Dauerlauf nicht zurechtkomme. Schon da hatte mein Knie Grenzen aufgezeigt, oft konnte ich in jenem Sommer wegen der Schmerzen nicht Ski fahren.

Verging Ihnen die Lust am Skisport?
Nein. Aber die Schmerzen, die ich lange hatte, waren sehr mühsam.

Nun liessen Sie sich auch noch am linken Knie operieren. Weshalb?
Es begann mit der Materialumstellung im Riesenslalom 2012, als die Radien der Ski grösser wurden. Die Belastung stieg enorm, das linke Knie tat weh, ich brachte das nie ganz weg. Nachdem ich mich am rechten Knie verletzt hatte, versuchte ich, mit dem linken zu kompensieren. Es wurde noch schlimmer.

Wie sehr behinderte Sie Ihr Knie?
Als Beispiel: Im Jahr vor der WM hatte ich beim Riesenslalom in Beaver Creek solche Schmerzen, dass ich keinen Druck auf den Ski geben konnte und ausschied. Das sind Dinge, die weiss keiner, weil ich nie darüber redete.

An gleicher Stätte holten Sie 2015 zweimal Gold und einmal Silber. Können Sie Schmerzen ausblenden?
Nicht bewusst. Aber im Rennmodus bin ich derart fokussiert, dass ich den Schmerz nicht mehr so wahrnehme. Das Adrenalin erledigt den Rest.

Welche Momente entschädigen Sie für die Schinderei?
Zurzeit, dass ich schmerzfrei Ski fahren kann und wieder Spass habe.

Auch Lara Gut ist zurück nach einer Verletzung. Sie bezeichnen sie als Freundin. Ist es möglich, im Skiweltcup Freundschaften zu pflegen?
Ja, im Team ist mir Michaela Kirchgasser sehr nahe und daneben Lara. Es ist mir wichtig, mich mit jemandem austauschen zu können, der meine Gefühle versteht und das Gleiche durchmacht.

Taten Sie sich als Jugendliche auch schwer damit, plötzlich die Medien und den Rummel um sich zu haben?
Mich hat das gehemmt, fast blockiert. Als ich in den Weltcup kam, war ich die ersten Jahre nicht wirklich gut, weil ich überfordert war. Ich musste mich erst selber finden, definieren, was ich erreichen will und was es dafür braucht.

Müssten Athleten besser vorbereitet werden?
Ich hätte mir das gewünscht. Ich habe den Schubser ins kalte Wasser gekriegt und musste selber schauen, ob ich schwimmen kann. Aber ich habe es auch so zu etwas gebracht. Vielleicht habe ich das gar gebraucht, um zu der Persönlichkeit zu werden, die ich bin. Ich habe gelernt, zu sagen, was ich denke.

Sie gelten aber als zurückhaltend.
Ich rede wenig, schaue mir erst einmal an, wie es die anderen machen, und nehme das Beste daraus mit für mich.

Was erhoffen Sie sich vom Winter?
Dass ich schmerzfrei bleibe, dass ich wieder dorthin komme, wo ich mich ­selber sehe, dass ich mein persönliches Limit finde, wo auch immer das ist. Und dass mein Kopf wieder so weit ist wie ­damals, als ich Seriensiegerin war.

Wegen der Erfolge wurden Sie vom österreichischen Verbandspräsidenten Peter Schröcksnadel als ­Nationalheldin betitelt. Gefällt Ihnen das?
Skifahren hat in Österreich einen grossen Stellenwert, und ich war enorm ­erfolgreich. Aber ob das reicht, eine ­Heldin zu sein? Ich glaube nicht.

Können Sie sich in Ihrer Heimat anonym bewegen?
Es gibt Tage, da wird mir alles zu viel, jeder kennt mich, ich finde nirgends Ruhe. Es gibt auch Tage, an denen ich das ganz normal finde und es mich nicht stört.

Sie sind auch auf vielen Plakaten und in Fernsehspots zu sehen. Konzentrieren Sie sich stark darauf?
Ich fokussiere mich auf den Sport. Durch meine Erfolge habe ich die Chance, mich auch anders zu präsentieren. Ich bin in die Werbung hineingewachsen und versuche, dort das Beste herauszuholen.

Finanziell?
Geld macht unbekümmerter und vieles leichter. Wichtiger ist mir aber, so viel an Erfahrung mitzunehmen wie möglich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.12.2017, 22:21 Uhr

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Anna Fenninger gab ihr Weltcupdebüt Ende 2006 mit 17. Es dauerte über zwei Jahre bis zu ihrem ersten Podestplatz. Ab 2011/12 war sie Dauergast in den Top 3 der Abfahrt, des Super-G und des Riesenslaloms. Sie gewann dreimal WM-Gold und an Olympia 2014 den Super-G. 2013/14 und 2014/15 wurde sie Gesamtweltcup-Siegerin. Danach überwarf sich die Salzburgerin mit dem österreichischen Verband – es ging um Sponsoring und ihr Management. Im Juni 2015 kam es zur Einigung. Im April 2016 heiratete sie den ehemaligen Snowboarder Manuel Veith. (rha)

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