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Cologna, das massgeschneiderte Auto für die Loipe

"Langläufer brauchen einen grossen Motor", betont jeder Experte. Was heisst das? Ist Dario Cologna ein Sportwagen in der Loipe? Ein Geländewagen oder gar ein Schneemobil?

"Alles falsch", sagt Colognas Trainer Frederik Aukland vor der heutigen Doppelverfolgung über 2 mal 15 km ab 22.30 Uhr, wo sein Schützling zu den Goldfavoriten gehört. Der Norweger würde den perfekten Langläufer als sportlichen Personenwagen vom Fliessband lassen; mit reichlich Hubraum, guten Fahreigenschaften und 4x4-Antrieb, einem windschlüpfrigen Chassis, einfach zu warten und mit einigen Details ausgestattet, die ein intelligenter Chauffeur zu nutzen weiss.

All diese Voraussetzungen erfüllt Colgna. Der Sieg im heutigen Doppelverfolgungsrennen führt über den Schweizer. Seine Stärken und das Langlauf-"Mobil" im Detail:

Das wichtigste Teil ist zweifellos der Motor, beim Langläufer die Lunge. Der Einfluss auf die Leistung beträgt über 50 Prozent. Deshalb darf die Kubikzahl nicht zu klein sein. Maximale Sauerstoff-Aufnahme und hohes Blutvolumen heissen die medizinisch relevanten Werte für den Langlauf-Motor, die sich nur bedingt frisieren -- sprich trainieren -- lassen.

Eine natürliche Grundausstattung ist von Vorteil, der Olympiasieger zählt zu den Begünstigten. Spezifische Laufband-Tests in Magglingen belegen dies. Doch weshalb läuft er Curdin Perl, dessen Hubraum auch zur Extraklasse gehört, um die Ohren?

"Dario hat die besseren Fahreigenschaften als Curdin", erklärt Aukland. Sie widerspiegeln im Vergleich Auto - Sportler die Technik. Cologna besitzt Rollerqualitäten. Er kann mit wenig Energieaufwand dahingleiten, lässt den Ski länger laufen als andere. Am Berg schaltet er die Traktionskontrolle ein. Keine Kraft wird verpufft, sie wirkt auf den Punkt genau. Der Münstertaler fährt immer sparsam, sei es in eisiger Spur oder auf tiefem Sulzschnee. Seine technische Souplesse macht dies möglich.

Mit dem perfekten Schongang allein lässt sich allerdings kein Olympiasieg einfahren. "Es braucht noch die Kraft, die PS, das Beschleunigungsvermögen", betont der Norweger. Auklands Augen glänzen, wenn er von der Power spricht. Viel Kraft ermöglicht eine bessere Technik. Der Norweger gibt viel auf diesen Punkt. Langlauf gleich Ausdauer gehört der Vergangenheit an. Die Kraft in den Armen und in den Beinen symbolisiert für ihn den Vierrad-Antrieb beim Auto. "Das braucht ein Langläufer", sagt er und nennt auch gleich die Verhältniszahlen. "50 Prozent Motor, 30 Prozent Technik, 10 Prozent Kraft."

Verbandsarzt Patrik Noack bringt einen weiteren Aspekt zur Technik ein. Für ihn liesse sich der Bogen vom Chassis eines Wagens zum Bewegungsapparat eines Sportler spannen. Colognas Hebel sind perfekt. Sein Körperbau passt zu seiner Sportart. Andere Langläufer verfügen aufgrund ihrer Anatomie gar nicht über die Möglichkeit, ihre Fertigkeiten derart ökonomisch einzusetzen.

Der ehemalige Schweizer Disziplinenchef Adriano Iseppi gerät ob Colognas Körperbau ins Schwärmen. Er hatte im Sommer die beiden Aushängeschilder des Langlaufsports, Petter Northug und Cologna, beim gemeinsamen Jogging beobachtet. Cologna hat in den Beinen weniger Muskelmasse als der Norweger, dafür einen kräftigeren Oberkörper. "Unten fein und oben eine Maschine", umschreibt Iseppi das "Chassis" des Schweizer Olympiasiegers und erklärt die daraus resultierenden Vorzüge für die Technik. "Dario kann wegen der geringeren Masse in den Beinen kraftschonender gleiten, dem Ski mehr Vortrieb geben." Doch auch Northug kann das Plus seiner kräftigen Beine umsetzen. "Kurzfristig entwickelt Petter mehr PS als Dario."

Intelligenter Fahrer...

Noch fehlen zehn Prozent. Ein Auto ohne cleveren Chauffeur fährt nicht zu Olympiagold. Für Auckland spielt der Fahrer, den man in den Wagen setzt, eine entscheidende Rolle. Der Chauffeur widerspiegelt die mentale Stärke und das taktische Gespür eines Athleten. Bin ich bereit, im roten Bereich fahren? Drücke ich noch aufs Gaspedal, wenn der Motor zu bersten droht? Weiss ich, wann ich vom Gas gehen muss? Cologna zeigte in Whistler in diesem Bereich eine Meisterleistung. Er startete nicht mit Volldampf, gab nach fünf Kilometern Gas und als er den Sieg vor Augen sah, war er bereit, die letzten Kraftreserven anzuzapfen.

Der kluge Fahrer bringt sein Auto regelmässig in die Garage zur Wartung. Die Regeneration, die Pflege des Körpers ist wichtig. Die Bedeutung dieser Notwendigkeit lässt sich in der Sportwelt am Beispiel von Federer und Nadal illustrieren. Der Spanier pflegte seine Kraftpakete zuwenig. Nun rebelliert der Körper, die Sehnenansätze bereiten ihm Sorgen. Cologna war nach seinem Muskelfaserriss im Herbst zur Untätigkeit gezwungen, doch er liess sich genügend Zeit -- auch wenn er gebremst werden musste.

...und die richtigen Pneus

Der Pneu, das weiss man aus der Formel 1, entscheidet oft über Sieg und Niederlage. Colognas Boxen-Crew leistete ganze Arbeit. In Whistler gelang bislang die ideale Ski-Präparation. Das kostspielige Projekt von Swiss-Ski und Swiss Olympic machte sich bezahlt. Bei den speziellen Schneeverhältnissen in Kanada war der Schweizer besser bereift als Favorit Northug.

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