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Ausweg durchs Hinterzimmer

Bei den Winterspielen in Sotschi organisierte Russland ein atemberaubendes Betrugsprogramm – und kommt dafür nun offenbar mit einer Geldstrafe davon.

Die fünf Ringe des IOK unter Beschuss: Das Internationale Olympische Komitee will künftig Dopingvergehen mit Geldbussen bestrafen.
Die fünf Ringe des IOK unter Beschuss: Das Internationale Olympische Komitee will künftig Dopingvergehen mit Geldbussen bestrafen.
Keystone

Das Internationale Olympische Komitee (IOK) tut so, als steuere es noch immer auf eine schwierige Entscheidung zu. Es geht um die Frage, ob Russlands Sportler bei den Winterspielen in Pyeongchang starten dürfen – trotz eines atemberaubenden, staatlich orchestrierten Betrugsprogramms 2014 in Sotschi. Für die Dopingproben russischer Athleten war dort ein weitflächiges, mit geheimdienstlicher Akribie verfertigtes Austauschprogramm umgesetzt worden. Während grosse Teile des Sports wegen dieses Anschlags auf die Integrität der Spiele den Komplettausschluss der Russen fordern, scheint die Sache längst geregelt zu sein – dort, wo das IOK solche Deals auszukarteln pflegt: im Hinterzimmer. Die Sport-Armada des Kreml wird antreten dürfen. Das signalisierte die IOK-Session in Lima in der vergangenen Woche.

Bachs Trickkiste

In Lima griff der Ringe-Konzern mit dem deutschen Wirtschaftsanwalt Thomas Bach an der Spitze tief in die Trickkiste – und schrieb sich einfach Geldstrafen für Dopingsünder in die Olympische Charta. In Windeseile. Denn leider war der Deal kurz vorher schon in den Medien durchgesickert: Das IOK, war weltweit berichtet worden, eröffne Russland die Möglichkeit, einen Betrugsskandal vom Richtertisch wegzukaufen, der die Sotschi-Spiele historisch für immer entwertet hat. Die Sportpolitik des IOK ist, wie die des Fussball-Bruderverbands Fifa, kaum mehr auf ernsthaftem Wege vermittelbar. Sie liefert Comedy – nur ohne den Wunsch, das Publikum amüsieren zu wollen. Umzingelt von internationalen Strafbehörden, die einen korruptionsverdächtigen Topfunktionär nach dem anderen herausfischen, managt das IOK sein Dopingproblem so, wie es seine Spiele vergibt: intransparent. Und im Zeichen von Partikularinteressen. In Anti-Doping-Kreisen herrscht schon lange der Eindruck vor, dass das von Bach dirigierte IOK am liebsten mit Knöllchen arbeiten würde, die man dopenden Athleten unters Trikot klemmt: 50 Euro Busse für die falsche Pille, 100 für die falsche Spritze. Ein platter Scherz? Gewiss. Umso schlimmer, dass ihn nun die Realität eingeholt hat. Und Bach selbst krönte die Russen-Posse, als ihm in Lima vor der Presse entfuhr: Selbst wenn diese ihre Verfehlungen zugäben, «würde das nicht den Deal brechen oder das Spiel verändern».

Den Deal? Das Spiel?

Solche Versprecher, dazu der Beschluss, auf Geldstrafen für Dopingsünden umzusatteln, oder der Umstand, dass es vom IOK selbst gelenkte Kommissionen sind, die formal noch tapfer der Frage nachgehen, wie die Russland-Causa zu entscheiden ist: Derartige Hinweise zerstreuen jeden vernünftigen Zweifel daran, dass der Deal mit Russland längst besiegelt ist. So, wie es immer läuft in heiklen Dingen des Sports, und wie es schon vor den Rio-Sommerspielen 2016 der Fall war. Auch damals widersetzte sich das IOK mit seiner Willkommenskultur für Moskaus Athleten den Protesten in grossen Teilen der Sportwelt, auch damals gab es lustige Phrasierungen zum Thema Gerechtigkeit.

Und während es dann jede Menge Sünder und Verdächtige nach Rio reisen liess, hielt das IOK eine einzige Athletin mit List und Tücke von dort fern: Julia Stepanowa. Jene russische Läuferin, die mit mutigen Enthüllungen das Lügengebilde in der früheren Heimat auffliegen liess. Und die sogar ihre komplette Dopingsperre abgesessen hatte. Der Deal mit Russland dürfte also längst perfekt sein. Geopfert werden womöglich einige Sündenböcke; den Rest regelt das Geld. Der Dreh, den das IOK und die in alte politische Hörigkeit zurückgefallene Welt-Anti-Doping-Agentur Wada hier anwenden, sieht so aus: Geahndet wird nicht etwa der epochale Verstoss gegen die Integrität der Spiele von Sotschi, dieser organisierte Betrug gegenüber Millionen Zuschauern und Tausenden Athleten, die sauber antraten. Und das, obwohl der Verstoss erwiesen ist; nicht mal das IOK selbst stellt den systematischen Austausch russischer Proben in Frage. Doch wenn all das eine Rolle spielte, wäre der Ausschluss unausweichlich.Ein Schweizer mittendrin

Also musste ein anderer Ansatz her: Einzelfallprüfung! Brutalstmögliche Gerechtigkeit, wie IOK-Boss Bach und Co. die Welt glauben machen wollen. Damit schafft es auch dieses Thema auf die Comedy- Ebene: Wie lassen sich Beweise für positive Proben finden, um deren systematische Vernichtung sich ja alles dreht? Das trübe Bild des olympisch-russischen Deals vor Pyeongchang rundet IOK-Vorstand Dennis Oswald ab. Der Schweizer äusserte sich in Lima zum Thema Russland-Ausschluss: Er sei «dagegen, es braucht Zeit, wenn man jeden analysieren muss». Und wenn es zu wenig Beweise gebe, «werden wir nicht bestrafen». Zu wenig Beweise? Das Urin-Austauschprogramm von Sotschi zielte genau auf die Vernichtung solcher Beweise. Aufschlussreich ist allerdings, dass ausgerechnet Oswald diesen klaren Fingerzeig gab. Er sitzt einem der wohl nicht weiter erwähnenswerten Komitees vor, die offenbar als Fassade für die stille Abhandlung der Affäre dienen sollen. Immerhin: Anders als die Wada, die unter dem altgedienten IOK-Mann Craig Reedie (England) nach kurzer Auflehnung im Vorjahr und Personalwechseln an der operativen Spitze wieder voll auf Bachs Linie ist, lässt eine wachsende Kritikerschar im Bund der nationalen Anti-Doping-Agenturen (Nado) nicht locker; auch Deutsche, Briten, Amerikaner. Schon während der Session hatten 17 Nadas das IOK vor einer «zynischen Botschaft» an die Sportwelt gewarnt und gefordert, Russland wegen erwiesener Manipulation der Spiele 2014 nicht für Südkorea 2018 zuzulassen. Dem schlossen sich nun weitere elf Agenturen an. Comedy auch hier: Dem Nado-Aufstand hält Wada-Boss Reedie die «grossen Fortschritte in Russland» entgegen. Mit dieser Arbeit hat Moskau Witali Smirnow, 82, betraut. Der greise IOK-Apparatschik steht für ungefähr alles, was Schatten wirft über den sowjetischen und späteren russischen Sport, er war wiederholt in anrüchige Städteküren verwickelt; legendär auch seine Nähe zu obskuren Agenten. Ist Smirnow, einst Vize-Sportminister der Sowjetunion und Träger hoher vaterländischer Orden, der passende Erneuerer? Sicher ist er das – in den Augen von Moskau, IOK und Wada.

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