Freie Fahrt auf dem Highway Constantin

Der Präsident hat gerufen, das Wallis ist gekommen: An der Gala des FC Sion wird erkennbar, wie sich Christian Constantin eine ganze Region in den Dienst stellt.

«What Now My Love?» Christian  Constantin kann nicht nur Geschäft, er kann auch Witz und Pathos. Und sei es im Elvis-Kostüm an seiner  eigenen Gala.

«What Now My Love?» Christian Constantin kann nicht nur Geschäft, er kann auch Witz und Pathos. Und sei es im Elvis-Kostüm an seiner eigenen Gala. Bild: Keystone

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Irgendwann – draussen ist es dunkel, drinnen wird die Nacht zum Tag – ist er tatsächlich ein Mann zum Anfassen. Christian Constantin, Multimillionär, Baulöwe, Fussballpräsident, setzt sich an einen Tisch, die Schminke ist weg jetzt, die dicke Tolle auch, der Anzug schlicht, und als sich der von ihm engagierte Parodist auf der Bühne gar ans nasale Idiom des Patrons himself wagt, zieht er, Constantin, die Schultern etwas zusammen, lächelt schüchtern und schweigt. Es war eine gute Show. Und einen Tag später ist sogar klar, wie erfolgreich das ganze Wochenende für den Patron und seinen FC Sion wirklich war: ein 7:2 gegen Thun, ein kräftiger Atemzug im Abstiegskampf.

Und so bilanziert ein überaus entspannter Constantin am Montag: «Ein grosses Wochenende für uns.» Genüsslich sinniert der Präsident darüber, was schöner war, der Sieg am Sonntag oder die Show am Samstag, und kommt zum Schluss: «Ein Sieg im Spiel ist immer besser. Da be­zwingst du einen Gegner. Am Samstag gab es keinen Gegner.» Und so ist der Rahmen abgesteckt, in dem sich diese Veranstaltung in Martigny bewegt. Constantin hat gerufen, das Wallis ist gekommen. Zum 14. Mal schon lädt er ein, eigentlich ja keine gute Zahl im Universum Constantin: Der 14. Cupfinal war für den bis dahin unbesiegten FC Sion der eine zu viel, und nach der Niederlage im Sommer rief der Herrscher in seinem Reich die Stunde null aus.

Tant pis, in Martigny kümmert das an diesem Abend niemanden. Viele der 7500 Gäste sind früh da, Apéro nach Walliser Art. An einer Wand hängt die Gästeliste, auch das ist Konzept: Zeigen, was man hat. Es ist ein kleines Who’s who aus Sport, Politik und Gesellschaft im Unterwallis – ein kleines nur, weil erst 2021 wieder Grossratswahlen stattfinden und es sich dann definitiv kein Poli­tiker mehr leisten kann, dem Anlass fernzubleiben. Nun aber rein in die Halle, es geht los, und Constantin selbst macht sich erst einmal rar. Präsent ist er vorerst nur auf der Leinwand: «Valais Bad Trip» heisst der Kurzfilm und spielt in Las Vegas, mit ihm und Kucholl/Veillon, dem beliebtesten Satireduo der Romandie, dazu der Komiker Yann Lambiel. Es ist ein verrückter Trip in der Hauptstadt der Masslosigkeit, und nur zu gut passt das Verhältnis von 20 Minuten Spiel- zu zehn Tagen Produktionszeit dazu – bei Kosten von 150 000 Franken.

Christian Constantin mag eine umstrittene Figur sein, Begeisterungsstürme brechen auch an diesem Abend nicht aus, wann immer der 61-Jährige die Bühne betritt. Aber hier spielt er all seine Stärken aus. Nicht nur, weil der Anlass bei 7500 zahlenden Gästen – davon 1500 VIP, die alle über 500 Franken ausgegeben haben – mit etwa 1,5 Millionen Franken Reingewinn ein finanzieller Grosserfolg ist. Sondern auch, weil CC zeigt, dass er mit den Leuten lachen kann – gerade über sich selbst und gern bei Sauerkraut und Speckschwarte. Das macht ihn trotz des zeitweiligen Grössenwahns nahbar.

Schnitt, von Nevada zurück ins Rhonetal, und tatsächlich fährt CC in einem Ford Mustang bis zur Bühne. Er gibt den Elvis, dick die Koteletten, dünn die Stimme, aber der Effekt, er ist da. «What Now My Love» singt er, und wer will, der kann problemlos die Brücke zum FC Sion schlagen, zu seinem Baby, dem er noch im Herbst mit radikalem Liebesentzug, mit dem Verkauf drohte, aber von dem alle wissen, dass er es niemals hergeben würde. Ein Abstieg wäre fatal, aber das System CC würde weiter funktionieren. Es tut es auch an diesem Abend. Denn Constantin hat die Karten für seine Gaudi nicht einfach so verkauft. Wie ein Boxring steht die Bühne in der Mitte, der VIP-Zirkel reihum.

Den ­Playern der Region, den grossen Geschäften, hat CC ganze Tische angeboten. Ikea, Hornbach, die Migros, die Kinokette Pathé – sie alle haben bei ihm Land gekauft. Land, das Constantin in den letzten Jahren systematisch den Gemeinden abgekauft hat. Im Unterwallis entlang der Autobahn ist es das Gebiet um fast jede Ausfahrt. Das ist – neben dem FC Sion als Durchlauferhitzer für seine Spielertransfers – zweifelsohne eines seiner wichtigsten finanziellen Konstrukte, es ist der Highway Constantin. «Das lohnt sich noch die nächsten fünfzehn Jahre», sagt ein Mitarbeiter am Hornbach-Tisch halb bewundernd, halb verachtend.

CC kann nicht nur Geschäft, er kann auch Spiel.Das mit dem Pathos etwa. Als seine Elvis-Imitation in einen Konzertmitschnitt der verstorbenen Franko-Rockikone Johnny Hallyday übergeht, wischt sich der eine oder andere verstohlen eine Träne aus dem Auge. So bewegt, da zahlt es sich leichter. Für 50 oder 100 Franken gibt es Lose von der Tombola, und die Preise passen zum Universum Constantin: eine Reise zum WM-Final, ein Flug nach Paris, ein Auto.

Und immer wieder: Sion 2026. Längst hat sich CC zum Vater der Kandidatur hochstilisiert, schliesslich brächten die Spiele seinem Architekturbüro manch lukrativen Auftrag ein. Doch die Aussicht auf viel Rückhalt im Volk ist zumindest im Unterwallis nicht allzu gut, und das nicht erst seit die Kandidatur mit Jürg Stahl ein Deutschschweizer übernommen hat. Die zelebrierte Unité an diesem Abend hat ihre Grenzen.

Der Vorhang fällt nie wirklich in Martigny. Nachdem CC den Hauptreis gezogen hat, geht das Geschehen von der Bühne nahtlos in die trinkselige Verhandlung zu Tisch über Gott, die Welt und den FC Sion über. So spät war Constantin nicht zu Hause, wie er am Montag erzählt. Er freut sich jetzt wieder auf den Fussball: Nach neunmonatiger Sperre darf er wieder in die Stadien. «Ich freue mich so sehr!» Am Sonntag spielt Sion in Basel. «Da gibt es durchaus was zu holen.» (Der Bund)

Erstellt: 13.03.2018, 15:33 Uhr

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