«Sponti» für Recht und Ordnung

Philippe Müller soll den Regierungssitz der FDP verteidigen. Seine Chancen stehen gut. Der Stadtberner ist ebenso ehrgeizig wie umgänglich – und politisiert rechter als mancher in der SVP.

Der Pharma-Manager Philippe Müller will auch im Regierungsrat nach unternehmerischen Prinzipien politisieren.

Der Pharma-Manager Philippe Müller will auch im Regierungsrat nach unternehmerischen Prinzipien politisieren. Bild: Adrian Moser

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Ein Mann kniet in einem weissen Kittel vor einer Holzbaracke, einen Malpinsel in der Hand. Die im Mundwinkel zusammengepresste Zunge verrät die Konzentration. Der Maler ist Philippe Müller, zu jenem Zeitpunkt Berner FDP-Stadtrat. Vor der eingeladenen Lokalpresse übermalt er Graffiti an einem Kindergarten. Der «Bund» schreibt augenzwinkernd von einem «Sponti-Coup». Das war vor 13 Jahren. Doch die Szene steht bis heute sinnbildlich für zwei Hauptkonstanten in Müllers Politkarriere: für den Kampf für Recht und Ordnung und die öffentlichkeitswirksame Inszenierung desselben. Daneben machte sich Müller auch stets fürs Sparen stark.

Politik am Schwarzen Brett

Erst als über 30-Jähriger trat Müller dem Freisinn bei. Obwohl es die perfekte Partei nicht gebe, sei ihm die Wahl nicht schwergefallen. Was ihn politisiert habe, wisse er nicht mehr. Der 54-Jährige erinnert sich, dass er im Gymnasium politische Texte verfasste und ans Schwarze Brett hängte, auch solche mit linken Anliegen. 2000 kam er in den Berner Stadtrat, den er 2005 präsidierte. Damals sagte er, er habe «keine Scheu vor linken Themen». In der Praxis politisierte Müller, der zuletzt der städtischen FDP vorstand, aber oft am rechten Rand seiner rechts der Mitte positionierten Partei.

«Er stimmt im Grossen Rat eigentlich immer mit uns», sagt Peter Brand, der die SVP-Grossratsfraktion bis 2016 präsidierte. Mit seinen Smartvote-Antworten überholt Müller gar SVP-Vertreter Christoph Neuhaus rechts, nur dessen Parteikollege Pierre Alain Schnegg politisiert noch eine Spur rechter. Lange pflegte Müller selbst das Bild des «Hardliners». Nun passt ihm diese Bezeichnung nicht mehr. Er sieht sich jetzt als ein Vermittler, als «Frauen- und Nachwuchsförderer», als einer, der «stets gegen die Schliessung der Reitschule stimmte und in der Mitte seiner Partei politisiert».

Wenn er über sich selbst spricht, was er gerne tut, macht er dies oft im Passiv. «Oft werde ich als Macher bezeichnet», sagt er etwa. Fleissig war er: Als Berner Stadtrat reichte er «zwischen 80 und 100 Vorstösse ein», wie er 2010 in einer an ausgewählte Lokaljournalisten versandten Bilanz festhielt, in der er sein eigenes Wirken würdigte. Nach dem Wechsel in den Grossen Rat kamen in acht Jahren weitere 49 Vorstösse dazu. Müller setzte dabei auch immer wieder inhaltliche Akzente. Zuletzt etwa fand seine Forderung, «Kostenverursacher von unbewilligten Demonstrationen zur Kasse bitten», im neuen Polizeigesetz Eingang. Im Stadtrat kämpfte er «für tiefere Ausgaben» und mehr Sicherheitsausgaben sowie gegen eine Parteifinanzierung.

Freiheit vom Staat

Bereits 2006 wollte Müller in den Regierungsrat, doch wurde er nicht nominiert. Zu seinem Glück: Die mit einer Sechserliste angetretenen Bürgerlichen erlitten eine historische Schlappe. Die FDP verlor dabei jenen Sitz, den Müller anpeilte. Nun wagt er den zweiten Anlauf.

Die Jeans, mit denen Müller damals als Jungpolitiker auffiel, sind gut geschnittenen Anzügen gewichen. Blitzblank ist auch der Campus der CSL Behring AG, durch den Müller vor dem Gespräch führen will. Er ist Verwaltungsrat und Mitglied der Geschäftsleitung der Firma, die zu einem australischen Konzern gehört. Unweit des Wankdorf-Stadions produziert sie Präparate aus menschlichem Blutplasma. Labors, lange Gänge, imposante Glasfronten: Müller ist sichtlich stolz auf alles. 1500 Mitarbeiter arbeiten hier, 10 davon in Müllers Team. Dieses sei für «Rechts- und Compliancefragen» am Standort Bern verantwortlich, aber auch für Verkauf und Marketing in der Schweiz, in Osteuropa und dem Mittleren Osten sowie für Ausbauprojekte in Bern und Lengnau.

Müller ist überzeugt, dass mehr unternehmerisches Denken dem Kanton guttäte. Manchmal erhalte die Fabrik vom Konzern die Vorgabe, ein bestimmtes Medikament zwei Prozent billiger zu produzieren. «Dann passen wir die Prozesse an, damit dies möglich ist.» Auf die Qualität habe dies keinen Einfluss. Auf diese Weise müsse auch der Kanton sparen – etwa im Bildungs- oder im Sozialwesen. Dass die Sparmassnahme in der Sozialhilfe auf der linken Seite für einen Aufschrei sorgte, versteht Müller nicht. «Niemand will den Sozialstaat abbauen.» Doch ohne Sparen gehe es nicht. Aktuell zahlten Berufstätige «ein Drittel bis die Hälfte des Einkommens» an den Staat. «Freiheit sieht anders aus», findet Müller.

«Müller hat ein gutes Gespür dafür, was die Menschen bedrückt», sagt FDP-Fraktionspräsident Adrian Haas – und so politisiere er auch. In der FDP gibt es deshalb Stimmen, die ihm Opportunismus vorwerfen. Haas ist anderer Meinung: «Er hat ein zuverlässiges, freisinniges Profil.» In der Fraktion sei Müller wegen seiner umgänglichen Art beliebt. Das ist er auch beim politischen Gegner. «Man wusste bei ihm stets, woran man ist», sagt der Berner Gemeinderat Michael Aebersold (SP), der mit Müller im Stadt- und im Grossen Rat politisierte. Er wirft diesem jedoch vor, in der Kantonspolitik oft gegen die Interessen der Stadt gestimmt zu haben. Tatsächlich zog Müller als Grossrat die Fäden, um die Stadt durch eine kantonale Regelung zur Lockerung der Bewilligungspraxis der Videoüberwachung zu zwingen. Zuvor war er damit auf städtischer Ebene gescheitert.

«Selbstherrliche Stadt»

Beruflich ist Müller oft auf Auslandreisen. Gleichwohl hat er, der mit Partnerin und Kind im Kirchenfeldquartier lebt, ein Faible fürs Rurale. Er liess sich an der ETH erst zum Agronomie-Ingenieur ausbilden; Rechtsanwalt wurde er später. Als Städter befürchtet Müller für sich Nachteile in bürgerlich dominierten ländlichen Gegenden. Darum spricht der Sohn eines Arztes oft von seiner Jugend in Stettlen, von «den Bauern, bei denen ich geholfen habe». Letzthin sei er bei einer Wahlkampfveranstaltung in Eggiwil gewesen: «Danach weiss man, wie die Politik im Kanton funktioniert.» Er spüre «weit draussen im Kanton» zuweilen Unmut gegenüber «jenen in Bern oben».

Auch er findet, die Stadt trete oft selbstherrlich auf. «Auch ihr lascher Umgang mit der Reitschule provoziert viele.» Er befürchtet, dass dies bei der Tramabstimmung vom kommenden Wochenende auf dem Land entscheidende Stimmen kosten könnte. Müller würde dies bedauern, schliesslich hätten Tram und Reitschule nichts miteinander zu tun. Doch er kann seine Gedanken nicht verhehlen: Das passiere halt, wenn man nicht Recht und Ordnung halte. (Der Bund)

Erstellt: 27.02.2018, 06:47 Uhr

Kandidaten

Die «Bund»-Serie

Wer sind die Regierungsräte, die am 25. März zur Wiederwahl antreten? Wer will neu in die Regierung? Der «Bund» präsentiert alle Kandidierenden. Im Vordergrund stehen die Bisherigen Christoph Ammann (SP), Christoph Neuhaus (SVP), Pierre Alain Schnegg (SVP), Beatrice Simon (BDP) und die chancenreichsten Neubewerber Evi Allemann (SP), Christine Häsler (Grüne), Philippe Müller (FDP). Die Herausforderer sind Christophe Gagnebin (SP), Michael Köpfli (GLP), Hans Kipfer (EVP) und etliche Aussenseiter. Alle Texte: bernerwahlen.derbund.ch.

Fototermin: Die Baugrube

Eigentlich wollte Philippe Müller am Fenster des Mitarbeiterrestaurants fotografiert werden. Der Grund: Die Baustelle unterhalb des Fensters. Dort entsteht ein Erweiterungsbau der CSL Behring AG, in deren Vorstand Müller sitzt. Er wollte damit symbolisieren, dass Wirtschaftswachstum auch in Bern möglich ist. Doch die Baugrube wird derart stark von der tief stehenden Februarsonne beschienen, dass der «Bund»-Fotograf abrät. Als Ersatzstandort für das Fotoshooting schlägt Müller den verglasten Gang vor dem Labor vor.

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