Zusammen ist man weniger allein

Mit Freunden feiern ist nicht mehr selbstverständlich – an den Festtagen suchen viele Menschen Gesellschaft.

Nicht nur zur Weihnachtszeit: Immer mehr Menschen fühlen sich einsam. Foto: Tracy Packer Photography (Getty Images)

Nicht nur zur Weihnachtszeit: Immer mehr Menschen fühlen sich einsam. Foto: Tracy Packer Photography (Getty Images)

Tina Huber@tina__huber

«Alle verlorenen Seelen in Zürich, lasst uns zusammenkommen», heisst es auf der Online-Freizeitplattform Meetup, wo sich Gleichgesinnte zum Wandern, Feierabendbier oder Yoga verabreden. Oder in diesem Fall eben zur Silvesterparty. Auf einer ähnlichen Plattform hatte vor wenigen Tagen eine Nutzerin zu «Weihnachten mit Singles» eingeladen. Sie würde gern den 24. Dezember mit netten Menschen verbringen, «die an diesem Abend auch niemanden haben, mit dem sie feiern können». Der Anlass war ausgebucht.

Die Festtage mit Freunden und Familie verbringen: Für viele Menschen ist das längst nicht mehr selbstverständlich. Weil sie keine Lust auf den immer gleichen Verwandtschaftszirkus haben – oder weil schlicht niemand da ist, der ihnen Gesellschaft leistet. Einsamkeit ist ein Gefühl, das viele Menschen kennen, mehr, als man erwarten würde. Ein Drittel der Schweizerinnen und Schweizer fühlen sich manchmal bis sehr oft allein, wie die Gesundheitsbefragung zeigt. Frauen sind häufiger betroffen, und – das mag überraschen – am stärksten Junge unter 35 Jahren.

Einsamkeit wird zum Problem für die Volkswirtschaft

Sich einsam zu fühlen, ist ein unangenehmes, bohrendes Gefühl, die wenigsten sprechen offen darüber. Doch seit einiger Zeit ändert sich das, Alleinsein ist zum gesellschaftlichen Thema geworden, in Grossbritannien gar zur Staatsaufgabe. Seit zwei Jahren gibt es dort ein Ministerium für Einsamkeit. Mit gutem Grund: Fehlende soziale Bindungen haben weitreichende Folgen, vor allem für die Gesundheit, und werden zunehmend zum volkswirtschaftlichen Problem.

Auch in der Schweiz beginnen sich Betroffene zu organisieren, in vielen Städten und Regionen werden Selbsthilfegruppen aufgebaut. Andere verabreden sich über Freizeitforen, um Anschluss zu finden. Ein eindrückliches Beispiel dafür, wie sehr Einsamkeit bewegt, war in den vergangenen Monaten auf der Kulturplattform Ron Orp zu finden. Im Sommer stellte eine Nutzerin im Diskussionsforum die Frage in den Raum, ob anderen das Gefühl bekannt sei.

«Wo lernt man denn heute Freunde kennen?»Ron-Orp-Nutzerin

Und siehe da: Ausgerechnet auf der Website, die sonst die neusten Clubs und die angesagtesten Bands verhandelt, entspann sich eine monatelange Debatte darüber. Viele fühlten sich verstanden, beschrieben die Situationen, in denen sie sich allein fühlen. «Danke, dass ihr euch offenbart», schrieb eine Nutzerin, «Wo lernt man denn heute Freunde kennen?», fragte eine andere. Zahlreiche beschrieben eine innere Einsamkeit: die Empfindung, nicht dazuzugehören, sich inmitten von Menschen allein zu fühlen.

Grosse Nachfrage nach Gruppenreisen über Silvester

«Kinder ausgeflogen, neue Lebensumstände», begründet eine weitere Nutzerin ihre Situation. Tatsächlich ist es bei vielen Menschen ein biografischer Bruch – etwa eine Trennung oder ein neuer Wohnort –, der die sozialen Netze einreissen lässt. An Weihnachten und Neujahr, wenn Instagram mit Fotos von gemeinsamem Guetslibacken und geselligen Runden geflutet wird, spüren viele dieses Vakuum besonders deutlich. Wenig erstaunlich also, dass auf Freizeitplattformen in diesen Tagen viele Angebote zu finden sind. Auch auf Ron Orp wurden Einladungen für Festtagsdinners ausgesprochen.

Andere ziehen es vor, die Feiertage im Ausland zu verbringen. Beim Reisebüro Women Travel, das Gruppenreisen exklusiv für Frauen anbietet, ist die Nachfrage nach Städtetrips über Neujahr gross. Die diesjährige Reise nach Istanbul ist ausgebucht. Die Inhaberin hat das Bedürfnis erkannt – sie will das Angebot erweitern.



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