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Wo die wilden Keime leben

Myriaden von Bakterien beschichten Handydisplays, nisten in Handtaschen oder auf Tramsitzen – auch antibiotikaresistente Mikroben gehören dazu.

Illustrationen: Stefan Dimitrov
Illustrationen: Stefan Dimitrov

Immer schön Handy putzen

Durchfallerreger, Schnupfenviren und Gruselkeime sind unglücklicherweise äusserst treue Begleiter des Menschen und lauern daher immer auch auf jenen Dingen, die ihn treu begleiten, zum Beispiel dem Smartphone. Wissenschaftler haben in zahlreichen Studien Abstriche von den Oberflächen der Geräte genommen. Sie belegen: Auf den Touch-Bildschirmen ist mächtig was los. Auf den Displays von 60 zufällig ausgewählten Studentenhandys entdeckten Mikrobiologen Bakterienarten wie Staphylokokken oder Mikrokokken, die typischerweise auch auf der Haut, im Mund und im Darm vorkommen.

Für gesunde Menschen sind diese Erreger in aller Regel ungefährlich. Anders sieht es bei den Kranken aus: In zwei Studien konnten Wissenschaftler auf den Smartphones von Klinikmitarbeitern zahlreiche potenziell gefährliche Bakterien aufspüren, darunter sogar antibiotika­resistente Krankenhauskeime. In Kliniken können die Geräte der Ärzte und Pfleger zur Keimschleuder werden, warnen die Forscher. Gefährlich können die ­Rückstände auf dem Display auch ausserhalb des Spitals werden – und zwar für die Privatsphäre. Wissenschaftlern ist es gelungen, auf Handys Rückstände von Medikamenten, Kosmetik, Sonnencremen, Parfüm und Insektenschutzmitteln zu analysieren. Die Schmierspuren auf den untersuchten Geräten waren derart vielfältig, dass es damit möglich ist, spezifische Informationen über ihren Besitzer herauszufinden wie Aufenthaltsorte, Essensvorlieben oder Medikamentenpläne. Wen jetzt ein gewisses Unwohlsein überfällt, kann sein Handy mit wenigen Tricks sauber halten. Es hilft regelmässiges Händewaschen – und Handyputzen. Felix Hütten

Übernachtungsgäste

In manchen Hotels dürften es Mikrobiologen schaudern. Es gibt keinerlei verbindliche Hygienestandards für die Zimmer; geputzt werden sie allein nach optischen Gesichtspunkten. Wie trügerisch der äussere Anschein sein kann, zeigten im Jahr 2015 zwei Studien in amerikanischen und kanadischen Hotels. Fast alle untersuchten Zimmer sahen auf den ersten Blick respektabel aus. Doch inmitten von edlem Holz, Langflorteppichen und heimeligen Fransen fanden die Biologen immer wieder grosse Bakterienpopulationen. In den USA waren Waschbecken und Lichtschalter am stärksten bewachsen – unter anderem mit Darmkeimen.

In Kanada fielen Fernbedienungen und Telefone besonders unangenehm auf. Dort nämlich fanden die Forscher unter anderem antibiotikaresistente Bakterien und solche aus dem Darm. In manchen Häusern waren auch Wasserhähne und Waschtische voller Mikroben – Flächen, deren Reinigung eigentlich Standard und vergleichsweise einfach ist. Unbefriedigend sind die enormen Schwankungen der Ergebnisse. Weder die Preisklasse noch die Zugehörigkeit zu bestimmten Hotelketten taugen als Indikator für die Sauberkeit der Zimmer. Der Reisende scheint allein der Gründlichkeit und Stimmung des diensthabenden Reinigungspersonals ausgeliefert zu sein. Berit Uhlmann

Das Leben in der Handtasche Das Chaos in Damenhandtaschen, in denen ihre Besitzerinnen minutenlang wühlen müssen, bis sie endlich den Hausschlüssel finden, ist berüchtigt. Weniger bekannt ist, dass Frauen neben Handy, Portemonnaie und allen möglichen anderen Dingen auch viele Bakterien mit sich herumtragen. Ein britischer Hersteller von Hygieneartikeln hat das vor Jahren einmal genauer untersucht und kam zum Schluss: In den meisten Handtaschen befinden sich mehr Keime als auf einem durchschnittlich sauberen Toilettensitz. Am stärksten befallen sind demnach Hand- und Gesichtscremen; dicht gefolgt von Lippenstift und Mascara. Jede fünfte Handtasche ist angeblich derart verseucht, dass sie eine Gesundheitsgefahr darstellt. Herrenhandtaschen wurden in der Studie nicht erwähnt, genauso wenig wie die Taschen von Eltern mit kleinen Kindern. Dort finden sich neben den üblichen Utensilien noch ganz andere Sachen, auf die jedes Bakterium scharf ist: Schnuller, halb aufgegessene Brezel, angekaute Reiswaffeln und benutzte Taschentücher.

Dass Handtaschen ein regelrechtes Bakterienparadies sind, liegt aber nicht nur an mangelhaftem Hygieneverhalten. Ein Grund ist auch, dass Handtaschen überall mitgeschleppt werden: ins Büro, in die S-Bahn, in die Ferien. Deshalb kommen sie mit sehr vielen unterschiedlichen Keimen in Kontakt. Ausserdem benutzen Menschen viele Dinge in ihren Handtaschen mehrmals täglich und fassen sie dabei mit den Händen an. Und die sind ja auch nicht gerade keimfrei: Studien haben gezeigt, dass dort im Schnitt 150 verschiedene Bakterienarten leben. Tina Baier

Mikroben fahren mit

Es gibt kaum einen Ort, an dem sich so viele Menschen aufhalten wie in einem Bahnwagen während des Berufsverkehrs. Dementsprechend hoch ist die Keimbelastung. Insbesondere auf den gepolsterten Sitzflächen siedeln sich viele Mikroorganismen an. In New York untersuchten Forscher der Cornell University vor zwei ­Jahren das U-Bahn-Netz und entdeckten Spuren von mehr als 600 verschiedenen Mikrobenarten. Im Jahr 2011 zeigten Recherchen des Norddeutschen Rundfunks in den Zügen der Deutschen Bahn, dass insbesondere die ICE stark belastet sind.

Eine erhöhte Keimkonzentration fand sich auf den Toiletten, aber auch auf Sitzflächen, Armlehnen und Türöffnern. Auf einem Sitzplatz liessen sich sogar Darmbakterien nachweisen. Anfang dieses Jahres liess eine private Wäschereinigungsfirma die Zustände im öffentlichen Nahverkehr unter anderem in Berlin untersuchen. Das Ergebnis: Busse sind am saubersten, U-Bahnen und seltsamerweise auch Taxis deutlich dreckiger. Hier fanden die Forscher vor allem Enterobakterien, die in Ausscheidungen von Tieren und Menschen vorkommen und zu Magen-Darm-Erkrankungen führen können. Auch die Proben aus den Trams wiesen eine grosse Menge von Bakterien auf, die Lungen- und Ohrenentzündungen verursachen können. Jonathan Ponstingl

An den Hanteln

Unsportliche Menschen halten es für die perfekte Ausrede: Räume, in denen sich nackte Haut gegen quasi jede Oberfläche presst und der Schweiss nur so tropft, müssen doch wahre Bakterienbrutstätten sein. Wissenschaftler aus dem US-Staat Tennessee sind dieser Befürchtung vor drei Jahren auf den Grund gegangen und haben vier Fitnessstudios im Raum Memphis untersucht. Sie fanden insgesamt 63 verschiedene Bakterienspezies. Die meisten Mikroben entpuppten sich allerdings als Umweltkeime, die aus dem Boden, dem Staub oder dem Wasser stammen und durch Schuhe und Taschen in die Studios getragen werden.

Sehr viel seltener fanden die Forscher dagegen Mikroben aus dem Verdauungs- und Harntrakt. Potenziell krankmachende Bakterien waren ebenfalls relativ rar: Auf sieben Prozent der Indoorräder hielten sich Bacillus-Bakterien, die Magen-Darm-Erkrankungen auslösen können; auf sechs Prozent der Hanteln siedelten Pseudomonas-Keime, die vor allem bei geschwächten Menschen Infektionen von Wunden, Atem- oder Harnwegen hervorrufen können. Auf Rädern und Hanteln entdeckten die Biologen zugleich die grösste Vielfalt an Bakterien, mit anderen Worten: Diese Geräte waren am schmutzigsten. Als besonders sauber fielen Sprungstelzen auf. Berit Uhlmann

Extreme Lebensbedingungen

Geschirrspülmaschinen entfernen Bakterien besser als die Tellerwäsche per Hand, das haben verschiedene Untersuchungen gezeigt. Auch der Innenraum der Spülmaschine ist in den allermeisten Fällen ausgesprochen sauber, ebenso die gereinigten Teller und Tassen. Bei Untersuchungen fanden Mikrobiologen nur vereinzelte Keime, auch Öko- und Sparprogramme bei niedrigen Temperaturen haben eine gute Wirkung. Selbst Geschirr und Besteck, mit dem rohes Fleisch verarbeitet wurde, wird gut gesäubert. Nur wer auf Nummer sicher gehen will, sollte dann ein Intensivprogramm verwenden.

Eklig wird es allerdings im Sumpfwasser, das unten in der Maschine steht, und in dem Sieb, das feste Nahrungsreste zurückhält, damit sie die Leitungen nicht verstopfen. Dieses sollte deshalb regelmässig gereinigt werden. Genauso die Dichtungen an der Tür, die eine ideale Brutstätte sind für Schimmel und Bakterien. Auch wenn in einem Geschirrspüler mitunter hohe Temperaturen und starker Druck herrschen und das Wasser mit Reinigungsmitteln versetzt ist, so stellt das Küchengerät doch auch einen – wenn auch einen ziemlich extremen – Lebensraum dar, in dem einige wenige Mikroben überleben können. Dazu zählen zum Beispiel auch verschiedene Schwarzhefe-Arten, die sogar für gesunde Menschen tödlich sein können. Hanno Charisius

Schlimmer als das Klo

Der wahre Ort des Schreckens in den meisten Haushalten ist nicht die Toilettenschüssel. Ein grosses Fest für Bakterien ist vor allem das Spülbecken in der ­Küche. Unregelmässige Reinigung, Feuchtigkeit und Nahrungsmittelreste bieten ideale Voraussetzungen für Mikroorganismen, sich zu vermehren. Besonders Spülschwämme und -lappen beherbergen nach einigen Wochen unzählige Mikroben, in Studien wurden 360 Bakterienarten darin gefunden. Einige darunter müffeln nicht nur ein bisschen. Sie können durchaus gefährlich werden, insbesondere wenn Menschen mit geschwächtem Immunsystem im Haushalt leben, kleine Kinder zum Beispiel, sehr alte Menschen oder Patienten, die Medikamente nehmen müssen, die ihre Körperabwehr unterdrücken.

Die gern ­ausgesprochene Empfehlung, einen feuchten Spülschwamm zur Desinfektion einfach für ein paar Minuten in das Mikrowellengerät zu legen oder auszukochen, kann überraschende Folgen haben: Diese Prozeduren töten zwar viele Bakterien ab, allerdings überstehen Erreger wie Chryseobacterium hominis und Moraxella osloensis hohe Temperaturen durchaus und können sich anschliessend prächtig vermehren. Das hat erst kürzlich eine deutsche Forschergruppe im Fachblatt «Scientific Reports» beschrieben. Auch die Reinigung der Schwämme in der Spülmaschine ist nicht wesentlich effektiver. Die Wissenschaftler empfehlen daher, Küchenlappen und -schwämme regelmässig zu erneuern. Das Berliner Bundesinstitut für Risikobewertung rät zudem, für verschiedenen Zwecke verschiedene Lappen oder Schwämme zu verwenden, also einen für Arbeitsflächen, einen für Geschirr. So lassen sich Verschleppungen verhindern. Hanno Charisius

Das Wimmeln in der Wanne

Wer gerne ein Vollbad nimmt, sollte ein entspanntes Verhältnis zu Keimen pflegen. In Hygienetests schneiden Badewannen regelmässig katastrophal ab. Das geht schon bei den Fugen los. 70 Prozent der Dichtungen fielen 2010 in einer Studie wegen zu hoher Besiedlung mit Kolibakterien durch den Test. Oder die Wannen selbst: Bei der Bakteriendichte landeten sie in einer Studie von US-Forschern auf Platz drei, gleich nach Lavabo und Schwämmen. Insbesondere Duschköpfe sind wahre Bakterienschleudern, wie US-Molekularbiologen vor ­einigen Jahren berichteten.

Sie untersuchten Duschköpfe von 35 Brausen, fast jeder Dritte war stark mit Mycobacterium avium befallen, einem Keim, der bei geschwächten Menschen Lungenerkrankungen auslösen kann. Die Forscher warnen deshalb davor, sich das erste, abgestandene Wasser direkt in das Gesicht zu spritzen. Mit am schlimmsten ist der Abfluss betroffen, was jeder ahnt, der mal eine graubraun-­schleimige Masse aus halb zersetzten Haaren und undefinierbarem Dreck herausgepopelt hat. Wo sich Feuchtigkeit sammelt, fühlen sich Keime einfach am wohlsten. Tatsächlich fanden US-Forscher in den Abflüssen die höchsten Keimbelastungen im Bad; viele der Bakterien waren auch resistent gegen diverse Antibiotika. Marlene Weiss

Cooles Wachstum

Die niedrigen Temperaturen im Kühlschrank sollen Keime eigentlich daran hindern, sich zu vermehren. Doch die Kälte verlangsamt das Wachstum der meisten Mikroben nur. Und so wuchert der blaue Flaum auf dem Joghurt im Kühlschrank einfach langsamer als auf dem Küchentisch, verteilt sich vom Joghurt auf den Käse und den Aufschnitt, wenn alles offen und frei herumliegt. Darum sollte der Kühlschrank regelmässig auf verdorbene Lebensmittel kontrolliert werden. Auch sollten die noch nicht abgelaufenen Essensprodukte nicht offen im Kühlschrank lagern.

Dosen aus Plastik oder Schraubgläser verhindern, dass Keime sich von Lebensmittel zu Lebensmittel ausbreiten. Folien eignen sich ebenfalls. Schliesslich muss ein Kühlschrank regelmässig gereinigt werden, Experten empfehlen, einmal im Monat das Gerät mit Essigwasser oder Allzweckreiniger auszuwischen. Mikroben leben nicht nur auf den grossen, glatten und deshalb leicht zu reinigenden Flächen des Geräts. Sie verbergen sich auch in den Winkeln, in den Schienen der Regale, auf den Dichtungslippen der Tür und besonders gern in der Ablaufrinne für das Kondenswasser an der Rückseite des Kühlschranks. Hanno Charisius

Alles weggespült

Bienen erledigen ihr Bedürfnis ausserhalb des Nests. Schafe grasen weit abseits ihrer Ausscheidungen und Rentiere legen weite Strecken zurück, um dem Dung in den Weidegründen zu entkommen. Der Mensch aber hat sich dazu entschlossen, seine Toiletten mitten in seine Wohn-, Arbeits- und Freizeitstätten zu stellen und auch noch mit anderen zu teilen. Kein Wunder, dass sie ein Ort des Misstrauens sind.

Was man sich da wohl holen kann? Tatsächlich halten Hygienefachleute die Gefahr für eher gering. Das WC gehört zu den heftig geputzten Orten – und das bis in Tiefen, in die nie die Hand eines Menschen gelangt. Selbst öffentliche Toiletten scheinen nicht sonderlich stark von Keimen aus dem Verdauungstrakt verseucht zu sein. Eine Untersuchung öffentlicher Bedürfnisanstalten einer ­deutschen Grossstadt ergab «nur ein geringes Keimniveau». Zwischen Damen- und Herren-WCs bestand kaum ein Unterschied. Am häufigsten sind typische Hautkeime, wie US-Forscher herausfanden. Nur auf dem Spülknopf und dem Sitz fanden sie nennenswerte Mengen von Fäkalkeimen. Ausgerechnet die Spülung schleudert keimbeladene Wassertröpfchen bis zu 25 Zentimeter hoch. Die regelmässige Reinigung des Sitzes ist daher eine gute Idee. Berit Uhlmann

(SonntagsZeitung)

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