Wirksame Therapien – ganz ohne Medikamente

Australische Ärzte beschreiben nicht medikamentöse Behandlungsmethoden in einem Handbuch.

Verbessert die Beweglichkeit und erhöht die Lebensqualität: Tanzstunde der Pro Senectute in BaselFoto: Christian Beutler/Keystone

Verbessert die Beweglichkeit und erhöht die Lebensqualität: Tanzstunde der Pro Senectute in BaselFoto: Christian Beutler/Keystone

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Was nützt – ausser Medikamenten – gegen die Schmerzen bei Arthrose im Knie? Wie nimmt man bei einer Diät etwa zwei Kilo mehr ab? Und was hilft, wenn sich der Sprössling eine Murmel in die Nase gesteckt hat?

Die Antworten liefert Handi, das «Handbuch für nicht medikamentöse Therapien» (Handbook of Non-Drug Interventions). Dahinter steckt ein Dutzend australischer Wissenschaftler und Ärzte, von denen mehrere als Allgemeinpraktiker arbeiten.

Sie störten sich daran, dass fast die Hälfte aller klinischen Studien nicht medikamentöse Therapien testet – aber kaum ein Arzt kann sie nachher den Patienten verordnen, da etliche dieser Behandlungen in den Studien nur vage erklärt und – im Gegensatz zu Medikamenten – kaum beworben werden.

«Stellen Sie sich ein Medikament vor, das bei Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen die Anzahl der Spitalaufenthalte und der Todesfälle um 70 Prozent reduziert. Ärzte und Patienten würden danach schreien, und die Firmen würden hohe Preise dafür verlangen», sagt der Leiter der Handi-Projektgruppe, Paul Glasziou. Diese Behandlung – ein Trainingsprogramm – existiere aber bereits.

Rund 60 Methoden getestet

Glasziou arbeitet als Allgemeinpraktiker und als Professor an der australischen Bond University. Zusammen mit einer Kollegin suchte er vor Jahren in sechs führenden medizinischen Fachzeitschriften nach Studien zu nicht medikamentösen Therapien. 137-mal wurden sie fündig. Allerdings waren 61 Prozent dieser Methoden so schlecht beschrieben, dass es unmöglich war, sie anzuwenden.

Handi soll da Abhilfe schaffen. Das Online-Handbuch ist ähnlich gegliedert wie ein Arzneimittelkompendium, in dem Nebenwirkungen, Vorsichtsmassnahmen und alles weitere Wichtige aufgelistet sind. Beschrieben werden nur Behandlungen, die sich in mindestens zwei gut gemachten Vergleichstests (oder qualitativ ähnlich guten Studien) bewährten. Bisher haben Glasziou und seine Kollegen rund 60 Methoden gutgeheissen.

«In der Hausarztmedizin brauchen wir täglich solche Behandlungen», sagt Reto Auer, Leiter Forschung am Berner Institut für Hausarztmedizin, und verrät auch gleich eine gute Methode: «Bei jungen Frauen mit tiefem Blutdruck hilft es, die Beine übereinanderzuschlagen und die Muskeln anzuspannen. Das ist wirksamer als das Medikament, das oft gegen tiefen Blutdruck verschrieben wird.»

Finanzielle Anreize fehlen noch

Er hält fehlende finanzielle Anreize für den wichtigsten Grund, dass viele solcher probaten Mittel nicht bekannter sind. «Es würde sich zum Beispiel lohnen, im Spital eine Fachperson für die Raucherentwöhnung anzustellen. Die finanziellen Anreize dafür fehlen jedoch. Das ist ein Mangel unseres Gesundheitssystems.»

Ein anderer Aspekt sei die ärztliche Weiterbildung. Sie werde bisher überwiegend durch Pharmafirmen finanziert. Das führe dazu, dass Ärzte etwa bei Schlafstörungen eher ein Schlafmittel verordnen, als die Patienten an eine auf Schlafstörungen ausgerichtete Verhaltenstherapie zu verweisen, kritisiert Auer. Deshalb finde er Initiativen wie Handi oder auch Fortbildungszirkel der Hausärzte, in denen solche Methoden besprochen werden, «extrem wichtig». Handi ist zu finden unter diesem Link.

Beispiele für wirksame, nicht medikamentöse Methoden:

  • Abnehmen:

    30 Minuten vor jeder Mahlzeit einen halben Liter Wasser trinken.

    Ergebnis: Während einer Diät angewandt, nimmt man so innerhalb von zwölf Wochen durchschnittlich etwa zwei Kilo mehr ab als mit der Diät allein.

    Vorsicht: Bei allen Erkrankungen, bei denen zu viel Flüssigkeit Probleme verursachen kann (z. B. Inkontinenz, Prostataprobleme).

  • Durchfall:

    Bei akutem Darm­infekt (auch auf Reisen) Flüssigkeitsverlust ausgleichen und fünf bis zehn Tage Probiotika gemäss Herstellerangaben einnehmen. Am häufigsten eingesetzt werden Lactobacillus rhamnosus GG und Saccharomyces boulardii.

    Ergebnis: Verkürzt die Durchfalldauer um rund 25 Stunden. Ein etwa 60 Prozent geringeres Ri­siko, dass der Durchfall länger als vier Tage anhält.

    Vorsicht: Nach Operationen, bei Immunschwäche oder einem kritischen Zustand; kann bei manchen Personen Verdauungsstörungen verursachen.

  • Fersenschmerz:

    Bei sogenannter Plantarfasziitis mit Schmerzen in der Fusssohle, etwa morgens beim Belasten, mindestens dreimal täglich die Fusssohle dehnen. Dazu zehnmal nacheinander je zehn Sekunden mit der Hand die Zehen nach oben biegen. Acht Wochen lang anwenden. Hier gehts zur Anleitung.

    Ergebnis: Über 90 Prozent der Patienten in einer Studie hatten weniger Schmerzen und waren sehr zufrieden, 77 Prozent konnten ihren Aktivitäten wieder ohne Einschränkungen nachgehen.

    Vorsicht: Behutsam durchführen. Manche Testpersonen verspürten etwas mehr Schmerzen bei der Dehnübung.

  • Fremdkörper in der Nase:

    Hat sich der Knirps einen Fremdkörper in die Nase gesteckt, tun Mutter oder der Vater so, als wollten sie das Kind Mund-zu-Mund beatmen. Dabei das freie Nasenloch des Kindes zuhalten. Ist ein Widerstand zu spüren, einmal kurz pusten. Hier gehts zur Anleitung.

    Ergebnis: Fremdkörper wird in etwa 60 Prozent der Fälle herausgeblasen.

    Vorsicht: Möglichst unter ärztlicher Aufsicht machen; es kann theoretisch zum Lungenschaden oder anderen Komplikationen kommen (wurde bisher aber nie berichtet). Nicht anwenden bei Batterie in der Nase.

  • Kniearthrose:

    Erst hypoallergenes Klebeband auf die Haut, dann darüber ein festes. Wie geklebt wird, hängt von den Beschwerden ab. Am besten anfangs vom Physiotherapeuten zeigen lassen. Hier gehts zur Anleitung.

    Ergebnis: Kann bei chronischen Schmerzen, zusätzlich zu Physiotherapie und Gewichtsreduktion, sehr wirksam helfen. Auf einer Skala von 100 Punkten reduziert das Taping die Schmerzen um 11 bis 20 Punkte.

    Vorsicht: Klebeband kann die Haut reizen. Behutsam abziehen. Muss die Haut vorher rasiert werden, das Tape erst 12 Stunden später aufkleben.

  • Husten:

    Kindern mit akutem Atemwegsinfekt vor dem Schlafengehen einen halben bis zwei Teelöffel Honig geben.

    Ergebnis: Kann den Hustenreiz dämpfen und birgt im Vergleich zu Medikamenten weniger Risiko.

    Vorsicht: Keinerlei Honig an Kinder unter 12 Monaten wegen der Gefahr des tödlichen Botulismus.

  • Mittelohrentzündung:

    Hören Kinder wegen vergrösserter Mandeln oder nach überstandener Mittelohrentzündung schlecht, weil sich Flüssigkeit im Mittelohr befindet, zwei- bis dreimal am Tag ein Nasenloch zuhalten und mit dem anderen einen Luftballon aufblasen lassen – zum Beispiel mithilfe von Otovent.

    Ergebnis: Kann die Operation mit Einsetzen von Paukenröhrchen ersparen. Nach drei Monaten waren damit 50 Prozent der Kinder beschwerdefrei, in der Vergleichsgruppe 38 Prozent.

    Vorsicht: Manche Kinder tun sich schwer, die Methode zu erlernen. In einer Studie hatten die Otovent-Kinder etwas mehr Atemwegs­infekte.

  • Parkinson:

    Tanzen. Ob Tango, Walzer oder Foxtrott, spielt keine Rolle; bisher ist kein Tanz bekannt, der bei leichtem bis mittelschwerem Parkinson am besten hilft.

    Ergebnis: Die Resultate verschiedener Studien sind nicht einheitlich. Alles in allem scheinen sich aber Bewegungen, Beweglichkeit, Gleichgewicht und Lebensqualität zu verbessern.

    Vorsicht: Unerwünschte Wirkungen wurden bisher nicht syste­matisch untersucht. Es gibt Berichte von Stürzen, Schmerzen und Müdigkeit.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.07.2018, 12:17 Uhr

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