Wir Verbissenen

Unser Essverhalten wird zunehmend zwanghaft. Was überhaupt gesund ist, ist aber immer noch unklar.

Illustration: Julia Geiser

Illustration: Julia Geiser

Lucie Machac@liluscha

Mittlerweile ist es üblich, dass sich auch die ganz Braven einmal pro Woche einen sogenannten Cheatday gönnen. So jedenfalls wird es unter dem entsprechenden Hashtag in den sozialen Medien propagiert. Die «cheater», sprich Betrüger, gehen dann allerdings nicht in eine Bar und schleppen dort zwecks Geschlechtsverkehr ein Date ab. Nein, sie dürfen an jenem Tag bloss essen, was ihnen beliebt. Also nicht nur gesundes Zeug, sondern vielleicht auch ­etwas Schokolade oder gar eine Fertigpizza.

Klingt eigentlich sympathisch. Ist es aber nicht. Wer sich verpflegungsstechnisch entspannen will und auch mal Süsses und Fettiges zu sich nimmt, begeht offenbar nichts weniger als einen Betrug. Als wären wir unserem Essen moralisch verpflichtet und könnten Gemüse oder Chiasamen hintergehen. Die Vorstellung mag amüsieren. Doch sie offenbart, wie ­verkrampft, ja dogmatisch unser Verhältnis zur Nahrungsaufnahme geworden ist. Man isst nicht mehr vorzüglich oder miserabel, sondern richtig oder falsch. Es gibt gute und böse Lebensmittel. Wer gesund speist, lebt besser, länger, glück­licher.

Manche ernähren sich nur noch «clean», indem sie ausschliesslich «sauberen» Food ohne Zusatzstoffe essen, was wiederum impliziert, dass sich alle anderen mit Dreck vollstopfen. Hier die Erleuchteten, dort die Prolls. Der Genuss, neben der Sättigung ein wesent­liches Kriterium, spielt immer öfter nur noch eine willkommene Nebenrolle. Und so richtig schlemmen darf man eh nicht mehr, ausser vielleicht beim Bio-Broccolisalat. «Bewusste» Ernährung ist längst zur kollektiven Obsession geworden.

Fast die Hälfte setzt auf Zusätze

Im Januar hat die kulinarische Askese Hochkonjunktur. Der halbe Freundeskreis bleibt dem Alkohol fern, und man findet kaum ­jemanden, der nicht ein paar Kilo abnehmen will. Wobei: Diäten ­gehören eigentlich zum Alltag, ­genauso wie Food-Blogs, Ernährungsberater und Eltern, die am richtigen Znüni verzweifeln, weil alle paar Monate eine neue Lebensmittelstudie erscheint, die ent­weder Entwarnung gibt (Weizen macht doch nicht krank) oder neue Bedrohungen ausmacht (Chia­samen sind giftig).

Der deutsche Ernährungswissenschaftler Uwe Knop beobachtet diese Entwicklung seit Jahren äusserst kritisch. Gesundes Essen, sagt er, sei ein Phantom. «Die Forschung konnte bisher keine Be­lege für gesunde oder ungesunde Lebensmittel erbringen. Die Tausenden von Studien basieren nicht auf einem Ursache-Wirkung-Prinzip, es sind Beobachtungsstudien, die bloss statistische Zusammen­hänge herstellen. So generiert man viele Hypothesen, aber keine evidenzbasierten Fakten.»

«Ein Veganer oder Clean-Eater glaubt genau zu wissen, was richtig und was falsch ist. Dadurch fühlt er sich erhabener als die Normalos.»Uwe Knop, Ernährungswissenschaftler

Offensichtlich dringt diese Botschaft nicht durch. Jüngere Generationen sind geradezu versessen darauf, gesund zu leben. Fast die Hälfte der Schweizer Bevölkerung ergänzt ihre Mahlzeiten mit Vitaminen oder Mineralstoffpräparaten, und jeder Dritte schwört inzwischen auf eine spezielle Ernährungsdoktrin: vegetarisch, vegan, fettreduziert, energiearm, lactose- oder glutenfrei. Hauptsache, man lässt etwas «Böses» weg. Denn Verzicht ist gerade hip – quasi das neue Statussymbol für Konsumüberdrüssige.

«Mit speziellen Ernährungsweisen kann man sich heutzutage vom Mainstream abgrenzen», sagt Knop. «Ein Veganer oder Clean-Eater glaubt genau zu wissen, was richtig und was falsch ist. Dadurch fühlt er sich erhabener als die Normalos.» Essen sei ausserdem sehr praktisch, wenn man sich profilieren oder optimieren wolle. Wer auf seinen Speiseplan achtet, gewinnt nicht nur die Kontrolle über einen Teil seines Lebens, sondern auch die vermeintliche Gewissheit, etwas für sein Wohlbefinden zu tun. Lob und Aufmerksamkeit hat man damit auf sicher.

Die vielen selbst auferlegten Regeln zeigen durchaus Wirkung: Wie aus dem eben erschienenen Schweizer Ernährungsbulletin hervorgeht, essen wir gesünder als noch vor zehn Jahren. Der Pro-Kopf-Verbrauch von Zucker, Schweinefleisch, Getreide, Milch und Alkohol ist deutlich zurückgegangen. Die Sache hat jedoch einen grossen Haken: In derselben Zeit ist die Schweizer Bevölkerung nicht schlanker, sondern dicker geworden. Der Anteil von Übergewichtigen und Adipösen ist von 37 auf 42 Prozent geklettert. Und nicht nur das: Das Diktat der gesunden Verpflegung hat einen Anstieg von krankhaftem Essverhalten bewirkt.

Die Angst, etwas Falsches zu essen, macht krank

Im engen Sinn sind zwar lediglich 3,5 Prozent der Schweizer Bevölkerung davon betroffen. «Es gibt aber viele Verkrampfungen und Zwänge, die sich hinter all den Food-Trends verstecken», sagt ­Erika Toman, Leiterin des Zürcher Kompetenzzentrums für Essstörungen und Adipositas. Gemäss einer Studie des Bundes ist die übermässige Beschäftigung mit gesundem Essen relativ verbreitet.

Fast jeder Dritte befolgt strikte ­Regeln und vermeidet ungesunde Lebensmittel. Im Extremfall kann dieses Verhalten zu einer sogenannten Orthorexie führen, einer Ess- und Angststörung. Die Betroffenen fürchten sich, ihrem Körper mit «falscher» Nahrung zu schaden. Mahlzeiten bereiten sie deshalb nach sehr strengen Vorschriften zu, was zu Mangelerscheinungen und zur Beeinträchtigung ihres Alltags führt.

Essen verkommt immer mehr zum Stressfaktor, weil niemand all den No-Gos und Empfehlungen gerecht werden kann. «Es besteht ein gesellschaftlicher Druck, sich gesund zu ernähren, doch je nach Trend und Ratgeber bedeutet es etwas vollkommen anderes», sagt Experte Uwe Knop. Ernährung sei so kompliziert geworden, dass sie primär verunsichere.

 Insta­gram-Nutzer weisen häufiger orthorexische Symptome als die Normalbevölkerung auf.

«Die Leute versuchen es mit mehr Gemüse, mehr Vollkorn, weniger Fleisch oder ohne Kohlehydrate, obwohl sie solche Diäten vielleicht gar nicht so gut vertragen.» Wer gegen sein natürliches Empfinden esse, zwinge dem Körper aber etwas auf. «Das Gewissen mag einen Salat mit Vollkornbrot am Mittag toll finden, doch der Körper verlangt eigentlich nach Schnipo. Dieser ständige Konflikt kann zu Ess­störungen führen», so Knop.

Noch sind Food-Trends eine weitgehend urbane Erscheinung und vor allem bei jüngeren und mittleren Generationen populär, sofern sie sich den vermeintlich gesunden Lifestyle leisten können. Schaut man sich in den sozialen Medien um, wird es einem schier schwindlig ob der kulinarischen Dauerberieselung.

Eine Studie der Universität London konnte 2017 denn auch belegen, dass Insta­gram-Nutzer, meist junge Menschen, häufiger orthorexische Symptome aufweisen als die Normalbevölkerung. Der Grund: Food-Influencer spornen ihre Fans zu immer strengeren Regeln an. Und sie lehnen bestimmte Lebensmittel wie Zucker oder tierische Produkte kategorisch ab, was bei manchen Followern zu zwanghaftem Verhalten führt.

Die Psychologin Erika Toman beobachtet, dass neben Teenagern auch Frauen in den Wechseljahren und mehr Männer anfälliger sind als früher. «Ein relativ neues Phänomen sind leistungsorientierte Herren zwischen 40 und 55, die sich dick fühlen, obwohl sie eine völlig normale Figur haben», so Toman.

Was uns schmeckt, bestimmen Marketingexperten

Wie aber soll man sich im Fitness-Zeitalter entspannen? «Es gibt so viele gesunde Ernährungen, wie es Menschen gibt», sagt Uwe Knop. «Man muss aber statt auf selbst ernannte Food-Gurus auf den eigenen Körper hören, denn dieser weiss intuitiv, was ihm guttut.» Klingt einfach, ist es aber nicht.

Unsere Intuition ist laut Erika Toman durcheinandergeraten. «Bei Kleinkindern funktioniert das natürliche Essver­halten noch einwandfrei», sagt sie und zitiert eine US-Studie, gemäss der zehn Monate alte Kinder Lebensmittel aus den Supermarkt­regalen selber greifen durften. «Mal nahmen sie zu viel Brot, mal zu viel Süsses, aber im Schnitt verpflegten sie sich sehr ausge­wogen.» Bloss: Unsere Sinne werden durch die industrielle Veränderung von Lebensmitteln, durch Geschmacksverstärker und nicht zuletzt durch diverse Rat­geber manipuliert. Was uns schmeckt, bestimmen Marketingexperten und Nahrungsmittelkonzerne.

Und jetzt? Vielleicht würde etwas Entspannung schon helfen. Praktischerweise liegen Achtsamkeit und Selbstwahrnehmung ja gerade im Trend. Statt nur bewusst also lieber selbstbewusst essen.

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