«Wir sind mit dem Achtelfinal nicht zufrieden»

Vladimir Petkovic wagt eine klare Ansage vor dem Schweizer WM-Start heute gegen Brasilien (20 Uhr).

Die Schweizer während ihrem Training in Rostow am Don. Video: Tamedia
Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Die Bühne ist hergerichtet, 300 Millionen Franken teuer und fein herausgeputzt. Die Sonne brennt mit über 30 Grad auf Rostow nieder, als die Schweizer in das Stadion hinausgehen, in dem es heute Abend um 20 Uhr MEZ für sie endlich losgeht.

Brasilien - Schweiz: die Mannschaft aus dem Sehnsuchtsland des Fussballs gegen jene, die in der Weltrangliste auf Platz 6 gelandet ist. Neymar allein hat mit 222 Millionen Euro mehr an Ablöse gekostet als alle Schweizer der heutigen Startaufstellung, die zusammen auf rund 150 Millionen kommen.

Brasilien hat Neymar, der bei seinem Comeback nach einer Verletzung Kroaten und Österreicher schwindlig dribbelte, aber es hat auch Coutinho, Gabriel Jesus, Willian, Casemiro, Marcelo. «Wir müssen nicht nur Neymar stoppen», sagt darum Ricardo Rodriguez, «wir müssen alle stoppen.» Dafür braucht es vieles, Organisation, Disziplin, Mut, Kraft, vor allem eine immense Laufbereitschaft.

So könnte es etwas werden mit dem Sieg gegen Brasilien. Video: Tamedia

Als Vladimir Petkovic seine Spieler im März erstmals in diesem Jahr um sich versammelte, scherzte er noch: Normalerweise müssten die Brasilianer gegen sie mit einem Bein gewinnen, «mit dem linken Fuss», so hat er es formuliert.

Ja, normalerweise, aber seit vier Wochen arbeitet der Coach daran, seine Spieler starkzureden. In Feusisberg, während eines kurzen Trainingslagers, sagte er: «Wir spielen nie ‹auf die Null›, auch gegen Brasilien nicht. Wir müssen zeigen, dass wir nicht nur gleichwertig sind, sondern besser.»

Rostow am Don ist bereit für das grosse Spiel. Video: Tamedia

Am Samstag hat er im Stadion von Rostow Platz genommen. Äusserlich ist ihm nicht anzumerken, dass er nicht mehr in einer entspannten Runde sitzt. Jetzt sagt er: «Wir sind mit dem Achtelfinal nicht zufrieden. Wir wollen so weit wie möglich kommen.»

Das sind neue Töne, forsche und ungewohnte für einen Mann, der sonst so vorsichtig abwägt, was er von sich gibt. Und weil er für seine kalkulierten Kommentare bekannt ist, ist ihm in diesem Moment nicht einfach etwas Unbedachtes herausgerutscht. Er will ein Zeichen setzen und mutig sein, damit auch seine Spieler mutig sind, wenn sie heute ins Turnier eintauchen.

«Das eine oder andere Tor machen» – bloss wie?

Petkovic beruft sich darauf, dass die Schweiz in den letzten 22 Spielen nur einmal besiegt worden ist, im Oktober in Portugal. Das verlorene Elfmeterschiessen an der EM gegen Polen wertet er statistisch nicht als Niederlage. «Wir bauen auf das Positive», sagt er, als er gefragt wird, welche Lehren er aus dem Rückschlag in Portugal gezogen habe. Auch hier wieder: nur nichts Negatives an sich und die Mannschaft heranlassen.

Zur Choreografie seines Auftritts passt einzig nicht, was Stephan Lichtsteiner über die Rollenverteilung von heute denkt: «Wenn man die Mannschaften eins zu eins vergleicht, weiss jeder, dass Brasilien klarer Favorit ist.»

Da muss Petkovic noch ein wenig mit seinem Captain arbeiten. Er tut das, indem er von seiner Vorstellung redet, wie das heute ablaufen soll. Sie wollen den Gegner verwirren, unberechenbar sein. Die Formulierung, die ihm dazu einfällt, heisst: «Wir müssen probieren, das organisierte Chaos zu finden.» Er weiss, sie müssen das Glück provozieren, und er glaubt nicht, dass das mit einer defensiven Einstellung gelingt: «Wir müssen klar im Kopf sein. Wir müssen das eine oder andere Tor machen, wenn wir gewinnen wollen.»

Die Schweiz hat da nur ein ­Problem. Ihr Stürmer heisst nicht Neymar.

Video: Brasilien im Video-Porträt

Nach dem desaströsen WM-Aus 2014 mit 1:7 gegen Deutschland, will Brasilien 2018 alles besser machen. Video: sda/Tamedia

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