«Wir müssen die arroganten Säcke blossstellen»

Ex-Monty-Python Michael Palin über Lachen in verrückten Zeiten, die ­Komödie «The Death of Stalin» und ­seine Liebe zum SBB-Kursbuch

«Humor kann dich zwar ins Grab bringen, ist aber vielleicht der einzige Weg, mit all dem Horror umzugehen»: Michael Palin, 74. Foto: ITV

«Humor kann dich zwar ins Grab bringen, ist aber vielleicht der einzige Weg, mit all dem Horror umzugehen»: Michael Palin, 74. Foto: ITV

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Einen toten Papagei verkaufen in der Tierhandlung? Kein Problem für Michael Palin, 74, der mit solchen Nummern der britischen Komikergruppe Monty Python berühmt wurde. Nach deren Ende 1989 arbeitete er als Schauspieler und hauptsächlich als Reiseschriftsteller. Jetzt ist er wieder in einer Komödie zu sehen: Er spielt den russischen Politiker Molotow, einen engen Vertrauten des Diktators Stalin. Um zu erklären, was darin lustig sein soll, hat er sich am Telefon Zeit genommen.

Ist es nicht eine bizarre Idee, einen lustigen Film über den Tod von Stalin zu drehen?
Wenn man einen Wettbewerb veranstalten würde, welches der schlechteste Titel für eine Komödie sein könnte, wäre «The Death of Stalin» bestimmt oben auf der Liste. Aber genau diese provokative Seite hat uns interessiert.

Es hat etwas Makabres.
Natürlich. Als Stalin starb, auf seiner Datscha, ist Panik ausgebrochen unter der Politkaste des Landes. Das begann schon damit, dass sich keiner ins Zimmer traute, in dem er lag. Er hat seine Leute so eingeschüchtert, dass einfach alle warteten, bis am nächsten Morgen nach Protokoll das Zimmermädchen das Frühstück brachte. Stalins Leben hätte wohl verlängert werden können, wenn jemand früher gehandelt hätte.

Alle fürchteten sich?
Es herrschte ein totales Klima der Angst, des gegenseitigen Betrugs. Das ist selbstverständlich Stoff, aus dem Komödien sind. Regisseur Armando Iannucci hat bereits in seinen früheren Politsatiren gezeigt, dass er das bestens kann. Bei ihm geht es um mächtige Menschen, die sich wie Kinder im Sandkasten verhalten. Das ist heute nicht anders als zu Stalins Zeiten.

Sie meinen bei Trump oder Putin?
Bei Donald Trump sieht es aus, als befänden sich alle in seiner Umgebung an der Grenze des Wahnsinns. Und ihm gelingt es hervorragend, das auszureizen, bis es kaum mehr geht. Ähnliches geschieht im Kreml . . . Hoppla, da war ein Piepsen in der Telefonleitung, haben Sie es auch gehört?

Es hat geknackt, ja.
Well, kein Wunder, wir sprachen ja über Putin. Im Ernst: Es ist ja offensichtlich, dass im Kreml ein strenges Regime herrscht, das keine Opposition zulässt. Wohin ich schaue, scheint mir die Welt verrückter zu werden.

Komödien können da helfen?
Bestimmt. Ihre Aufgabe ist es, zu zeigen, dass diese Politiker keine Gott-ähnlichen Figuren sind, denen man alles abkaufen muss. Putin, Trump oder Theresa May sind auch nur Menschen. Die putzen sich die Nase und gehen auf die Toilette am Morgen. Da beginnt die Komödie.

Das Regime von Stalin hat Millionen umgebracht.
Das ist zum Heulen, aber vielleicht doch auch zum Lachen? Es gibt ja immer wieder Diskussionen, ob man zum Beispiel Komödien über Hitler drehen darf. Die Antwort ist doch klar, Charlie Chaplins «The Great Dictator» gehört zu den besten Filmen der Geschichte. Wo das Verhalten der Menschen schockierend ist, kann es eine gute Waffe sein, das lächerlich zu machen. Humor kann dich in gewissen Situationen zwar ins Grab bringen, ist aber vielleicht der einzige Weg, mit all dem Horror umzugehen.

Stalin . . .
. . . Entschuldigung, aber da ist wieder dieses Knacken in der Leitung.

Ich höre es auch.
Vielleicht ist es ja der russische Geheimdienst, der sich einmischen will? Die haben bei uns in England Menschen vergiftet. Jetzt sind sie weitergezogen, Richtung Schweiz. Seien Sie also vorsichtig!

Michael Palin (l.) mit John Cleese im Monty-Python-Sketch «Toter Papagei». Foto: PD

Sie selber müssen vorsichtig sein, schliesslich spielen Sie Molotow in einem Stalin-Film, der den Russen nicht gefällt. Haben Sie keine Angst, ­radioaktiven Tee serviert zu bekommen?
Wenn schon müsste es ein Molotow-Cocktail sein . . . Wir haben selbstverständlich alle ein wenig gezittert, wie die russische Reaktion auf den Film ausfallen würde.

Er wurde einfach verboten.
Leider ja. Es gibt absurde Theorien in Moskau, dass wir Teil eines Komplottes seien, um den Staat zu destabilisieren. Es erinnert mich ein wenig an die Zeiten des Jesus-Films «Life of Brian». Da wurde uns auch vorgeworfen, wir wollten mit dieser kleinen Komödie eine Weltreligion schwächen.

Haben Komödien wirklich Macht?
Es gibt auf jeden Fall immer wieder Menschen, die sie als Bedrohung ansehen. Und es stimmt, in einer guten Komödie lacht man zuerst und denkt danach tatsächlich über das Gesehene nach.

Wie wahrheitsgetreu ist «The Death of Stalin», stand Molotow zum Beispiel tatsächlich auf Stalins letzter Todesliste?
In groben Zügen stimmt alles. Aber natürlich wurde übertrieben und die Zeit zusammengezogen. Sicher ist: Molotow war ein total ergebener Bürokrat. Er hat sogar seine eigene Frau denunziert, um seine Linientreue zu beweisen.

Man denkt, sie sei tot, dann taucht sie plötzlich auf im Film.
Ja, und Molotow umarmt sie. Das ist einer der wenigen Momente, in denen einer aus dem Politbüro Gefühle zulässt. Das wäre zum Beispiel Chruschtschow nie passiert. Mein amerikanischer Kollege Steve Buscemi spielt diesen grossartig, finden Sie nicht?

Doch. Aber war es bei dieser Ansammlung von Komödianten im Film nicht ein wenig so wie im Politbüro: Jeder achtet eifersüchtig, wer die besten Auftritte erhält?
Nein, da war kein Wettkampf. Wir fühlten uns sofort als Team. Meinem lieben Freund Simon Russell Beale könnte ich zum Beispiel stundenlang zuschauen, wie er als Geheimdienstchef Beria ruhig und düster seines Amtes waltet.

Hat es Sie überrascht, für die Molotow-Rolle angefragt worden zu sein?
Mein Komiker-Hintergrund ist ja offensichtlich der von Monty Python, und damals mussten wir in einer halben Stunde zehn verschiedene Personen spielen. Es ging darum, noch den kleinsten Auftritt so auszufüllen, dass eine unverwechselbare Figur daraus entsteht. Das ist auch in «The Death of Stalin» so. Ich denke, deshalb wurde ich ausgewählt.

Der Film hat tatsächlich Monty-Python-Züge.
Er schaut die Welt ähnlich an wie wir damals. Es geht darum, die Wege der Macht und der Autorität zu verfolgen. Denn dort sitzen viele Idioten.

Sind alle Mächtigen Idioten?
Nein, es gibt verantwortungsbewusste Manager, Politiker, Arbeitgeber, sogar Präsidenten. Aber in ihrer Welt verliert man schnell die Bodenhaftung. Bei Monty Python legten wir uns wirklich mit jeder Art von Establishment an. Wir müssen die arroganten Säcke blossstellen, lautete die Devise, die bis heute gilt. Aber wir sollten uns nicht erhaben fühlen dabei, wir haben uns ja oft auch über uns selber lustig gemacht. Ich erinnere an das «Ministry of Silly Walk». Man kann die albernen Gänge als Satire auf die britische Bürokratie ansehen. Aber wir lachen genauso über uns und unsere Lust, mit irgendwelchen Körperverdrehungen aufzufallen.

Ich habe heute den zeitlosen Sketch vom «Toten Papagei» auf Youtube wieder angeschaut.
Das war am Anfang nur eine kleine Nummer für uns. Aber irgendwie ist sie gewachsen und zum Synonym für unsere Art von Komödie geworden. Wenn etwas lustig sein soll, sagt man bis heute, spielt den Papagei! Das ist aber gar nicht so einfach, was sich 2014 zeigte, als wir in der O2-Arena in London tatsächlich noch einmal als Monty Python auftraten. Es gab so viele Lachsalven, dass wir ständig aus dem Rhythmus fielen. John Cleese hat dann gemerkt, dass es noch mehr Lacher gibt, wenn er die Zeilen vergisst und improvisiert.

Das wirkte auf dem Clip ­erfrischend.
Finden Sie? Natürlich kamen die Leute, um unsere alten Nummern zu sehen. Aber sie sollten auch etwas Neues bekommen. Es ist ja bizarr, wenn Siebzigjährige Sketche vortragen, die sie schrieben, als sie noch nicht dreissig ­waren.

Stimmt es, dass Sie es waren, der nach diesen Auftritten sagte, jetzt sei endgültig Schluss mit Monty Python?
Well, ich hatte das schon vorher dann und wann gesagt, aber es hat bekanntlich gar nichts genützt.

Jetzt ist endgültig Schluss?
Ich denke schon. Niemand wusste bei der Wiedervereinigung, ob es funktionieren würde, geplant waren zwei Vorstellungen. Wir haben das Programm dann zehnmal gespielt. Die Nachfrage war so gross, dass wir entweder einen Schlussstrich ziehen mussten oder uns die nächsten drei Jahre dazu verpflichten, auf der ganzen Welt aufzutreten. Darum war für mich klar: London ist die Stadt, in der die Gruppe entstanden ist, da soll es enden. Alle waren einverstanden. Man hat mir auf jeden Fall nicht zu verstehen gegeben, ich hätte jemanden im Stich gelassen.

Michael Palin als Molotow (2. v. l.) in «The Death of Stalin». Foto: PD

Die ursprüngliche Formulierung war ja, dass Monty Python nie mehr auftreten wollten, «solange Graham Chapman tot ist» . . .
Eigentlich ist es schon so. Es ist wie ein Tisch mit sechs Beinen, sägt man eines ab, wackelt er gewaltig. Was sich geändert hat seit dieser Aussage, ist die Technologie. Sie ist jetzt so gut, dass wir Graham trotzdem dabei haben konnten, auf dem grossen Bildschirm. Es war schweineteuer, diese Show aufzuziehen. Aber ich gestehe, sie hat auch einiges eingespielt.

Ihr Geld verdienen Sie sonst als Reisefilmer. Waren Sie auch in Russland?
Mehrmals, ja. Darum wäre ich so gespannt, was die Leute mit «The Death of Stalin» anfangen könnten. Ich denke, der Film würde ihnen gefallen, es gibt eine wunderbare subversive Tradition in diesem Land. Auf der anderen Seite muss man auch sehen: Stalin wird an gewissen Orten immer noch als Held gefeiert, viele sehnen sich nach seiner harten Hand. Niemand verehrt zum Beispiel Michail Gorbatschow.

Haben Sie eigentlich auch in der Schweiz gearbeitet?
Schon lange nicht mehr. Ich drehte vor langer Zeit einen Film namens «American Friends» in Ihrem Land, der die Geschichte meines Urgrossvaters nachzeichnete. Der lernte seine Frau nämlich in der Schweiz kennen, beim Wandern in den Bergen. Den Film drehten wir zu Beginn der Neunzigerjahre, und zwar im Rhonetal. Oder wie heisst das bei euch?

Wallis.
Genau. Mein Urgrossvater war zu Fuss unterwegs und hat Tagebuch geschrieben. Er war 39, Junggeselle, Vizepräsident der Universität Oxford. Den Lehrern dort war es damals verboten zu heiraten, aber er lernte zwei Amerikanerinnen kennen, eine junge und eine alte. In die 17-Jährige verliebte er sich. Das filmten wir. Die Dreharbeiten waren wunderbar.

Sie sollten zurückkommen.
Das würde ich gerne. Wissen Sie, eines meiner liebsten Bücher ist der Schweizer Eisenbahnfahrplan, ein wunderbares Werk. Ihr Schweizer seid ja ausgezeichnet im Betreiben von Bahnen, noch die kleinste Ortschaft ist irgendwie ans Netz angebunden. Einfach herumzureisen, aus dem Fenster zu schauen und nichts zu tun, würde mir grösste Freude bereiten. Absolutes Nichtstun. Das symbolisiert dieses Kursbuch für mich.

Es wird kaum noch gebraucht.
Die Smartphones zerstören auch diese Magie, ich weiss. Und doch. Ich würde die Schweizer Kurorte besuchen, die ich aus Büchern kenne. Davos wegen Thomas Manns «Zauberberg» zum Beispiel. Und ich bin grosser Fan von Vladimir Nabokov, der ja auch in der Schweiz lebte. In Montreux war ich allerdings bereits einmal, für das TV-Festival um die Goldene Rose, das wir für die BBC bestritten.

Mit den Monty Python?
Ja, wir verloren 1971 gegen eine österreichische Show, die ein ziemliches Plagiat unserer eigenen war. Aber egal. Wir haben darüber gelacht.

Ihr ehemaliger Kollege Terry Gilliam versucht ja seit fast zwanzig Jahren, seinen Don-Quijote-Film zu drehen. Hätten Sie nicht auch einmal die ­Titelfigur spielen sollen?
Er hat mich gefragt. Das heisst, gefragt hat er nicht direkt, er hat mir einfach einen Bart angeklebt und mich gefilmt. «Bedeutet das, dass ich diese Rolle spielen soll?», wollte ich wissen, und er hat dann schon etwas Zustimmendes gemurmelt. Ich nahm auf jeden Fall Reitstunden.

Wieso hat es am Ende nicht geklappt?
Er bekam, wie schon so oft mit diesem Projekt, Schwierigkeiten mit einem Produzenten. Ich wollte mich aber nicht so lange hinhalten lassen und sagte: «Entschuldigung, Terry, ich muss mir eine andere Arbeit suchen.» Schliesslich hat ­Jonathan Pryce die Rolle übernommen. Und der Film soll tatsächlich fertig sein.

Glauben Sie daran?
Vielleicht läuft er im Mai in Cannes, wir werden sehen. Um meinen Freund Terry ist es ziemlich ruhig geworden. Ich hoffe, es ist ein gutes Zeichen.

Haben Sie noch Kontakt mit den andern der alten Truppe?
John Cleese sehe ich ab und zu, wenn er in der Stadt ist, was leider nur noch selten der Fall ist. Eric Idle lebt in den USA. Am häufigsten sehe ich Terry Jones, aber ihm geht es nicht gut, er ist schwer an Demenz erkrankt. Ich besuche ihn, erzähle ihm Dinge von früher. Ab und zu reagiert er ein wenig, oder ich bilde es mir wenigstens ein.

Sie selber sind gut in Form und voller Pläne . . .
. .. ich mache einfach weiter. Meist führt das eine zum andern, aber ich habe immer versucht, meine Unabhängigkeit zu bewahren. So konnte ich mein Leben lang auslesen, was ich tun möchte. Jetzt habe ich gerade ein Buch geschrieben, über eine Polarexpedition. Es erscheint im Herbst. Grundsätzlich will ich einfach Ungewöhnliches tun, wie diesen Stalin-Film.

Das nächste Ungewöhnliche?
Ein paar Dinge liegen in der Luft, aber ich darf nicht darüber sprechen. Ich will ja nicht geheimnisvoll klingen, aber in dieser Sache muss ich es.

Vielleicht finden Sie ja vorher Zeit für die Schweizer Zugreise?
Möglich, aber es ist zweischneidig: Sollte ich sie wirklich einmal unternehmen, wäre sie kein Traum mehr. Und ich hätte eine Illusion weniger.

Wäre das schlimm?
Je näher ich dem Tod komme, desto wichtiger ist es für mich, eine Liste von Dingen zu haben, die ich noch tun könnte. Deshalb stelle ich mir lieber einfach vor, wie ich durch die Alpen fahre. Aber ich versichere Ihnen, ich geniesse es.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 31.03.2018, 20:35 Uhr

Palin und Stalin

Er war auch in den wildesten Monty-Python-Tagen bekannt für seine Ruhe: Der unerschütterliche Michael Palin, 74, studierte in Oxford, wo er auch Schauspielerfahrung sammelte. Nach dem Tod von Graham Chapman 1989 und dem Ende des Flying Circus spielte er in Filmen seiner Ex-Kollegen mit, war der Stotterer in «A Fish Called Wanda». Ganz in dieser Tradition ist die rabenschwarze Komödie «The Death of Stalin» von Armando Iannucci. Ein Feuerwerk der unkorrekten Sprüche, in der britische und US-Komiker wie Steve Buscemi sowjetische Politbüro-Prominenz mimen. (ab 12. April im Kino)

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