«Wir haben den Luxus sozialisiert»

Hotelier Horst Rahe über seine Pläne in Zürich-Altstetten und den kriselnden Tourismus in der Schweiz.

«Die Branche hat nicht begriffen, dass sich die Welt dramatisch verändert»: Unternehmer Horst Rahe. Foto: Nicola Pitaro

«Die Branche hat nicht begriffen, dass sich die Welt dramatisch verändert»: Unternehmer Horst Rahe. Foto: Nicola Pitaro

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Woher nehmen Sie als 78-Jähriger die Energie, ein Unternehmen mit 200 Millionen Euro Umsatz zu führen und jährlich vier neue Hotels zu eröffnen?
Unternehmer zu sein, ist kein Beruf, sondern ein Zustand. Und ich habe das Glück, nicht ganz so schnell zu altern; das Feuer brennt weiter. Den Spruch «Geht nicht» kenne ich nicht.

Wann geben Sie das Amt des Holding-Chefs weiter?
Ein Nachfolger ist nicht in Sicht, aber ich habe in meinen Firmen sehr gute Manager. Die letzte Verantwortung trage ich, auch für die 2500 Leute, die bei uns arbeiten. Ich mache weiterhin, was ich gut kann, nämlich Ideen ­entwickeln und Projekte umsetzen. Laufen diese mal, braucht es mich nicht mehr.

Eben haben Sie Ihr Luxushotel Paradies in Ftan GR auf den Kopf gestellt.
Trotz einmaliger Lage verdiente das Hotel kein Geld. Eine Schliessung kam nicht infrage; deshalb haben wir aus dem Hotel den Club Privé Il Paradis gemacht.

Wie hat man sich das vorzustellen?
Ich bleibe zu 25 Prozent Miteigentümer. Den Rest teilen sich 13 Aktionäre. Jeder kann eine Suite erwerben. Ausserdem werben wir um 150 Clubmitglieder, die sich mit einem fünfstelligen Beitrag das Recht erkaufen, im Il Paradis ­Ferien zu verbringen – in einer Art First Second Home, wo alle Wünsche erfüllt werden.

Wie kommt die Idee an?
Wir haben ab 22. Dezember das Clubkonzept umgesetzt – und ich habe noch nie eine so schöne Ambiance erlebt im Paradies wie über die Festtage. Die Gäste rückten zusammen, brachten Geschirr in die Küche oder holten eine Flasche Wein – wie in einem Privathaus.

Sind in der geschlossenen Gesellschaft des Il Paradis Individualgäste unerwünscht?
Nein. Sie können eine Mitgliedschaft für ein paar Tage erwerben. Ausserdem haben wir Day-Members aus der Region, die bei uns essen und die Wellnesszone benutzen. Der Clubbetrieb bleibt auf sechs Monate begrenzt. In der restlichen Zeit können Gruppen das ganze Hotel buchen, etwa für Familienfeiern oder Seminare.

Wollen Sie dieses Konzept exportieren?
Ich kann mir einen Privatclub an der Algarve oder auf Sylt vorstellen. Aber das hat keine Priorität.

«In der Schweiz bezahle ich einer Serviceangestellten so viel wie einem Hoteldirektor in Deutschland.»

Unter welchen Problemen leidet der Tourismus in den Schweizer Bergen?
Man hat geschlafen und nicht begriffen, dass sich die Welt dramatisch verändert hat. Immer noch fahren Hoteliers und Leistungsträger lieber einen Sonderzug, statt sich grossen Vermarktungseinheiten anzuschliessen.

Aber nach fünf Jahren gibt es endlich Schnee in Fülle – und der Franken hat sich ­abgeschwächt.
Ein Problem bleiben neben dem Vertrieb die Kosten. Ich bezahle hier einer Serviceangestellten mit zehn Dienstjahren so viel wie einem Hoteldirektor in Deutschland. Wir müssten in der Schweiz 150 Prozent der Preise bekommen wie in Deutschland oder Österreich, in der Realität sind es aber nur maximal 110 Prozent.

Mit welchem Rezept wäre der Schweizer Bergtourismus zu heilen?
Er liegt am Boden. Ich kenne kein Rezept. Der Investitionsstau ist einfach zu gross. Viele Hotels sind nicht mehr zeitgemäss. Und die Saisonhotellerie lohnt sich nicht. Auch deshalb stehen unsere A-Rosa-Resorts in Kitzbühel oder auf Sylt, wo fast das ganze Jahr was läuft.

Vor mehr als 20 Jahren ­erfanden Sie das Clubschiff Aida. Was ist vom Konzept übrig geblieben?
Zu 80 Prozent sind die Aida-Schiffe heute noch gleich. Unser Verdienst: Wir haben die Kreuzfahrt im deutschsprachigen Raum entstaubt und für ein grosses Publikum erschwinglich gemacht. Wir haben den Luxus sozialisiert. Das trifft heute durchaus auch auf unsere Hotelresorts der Marken A-Rosa und A-Ja zu.

Sie haben sich längst aus dem Kreuzfahrtgeschäft ­zurückgezogen, trotzdem steht auf Ihrer Visitenkarte ­«Deutsche Seerederei». ­Trauern Sie den Schiffen nach?
Auch die Kreuzfahrt kämpft – wie in Deutschland in verschiedenen TV-Sendungen zu sehen war – ­heute mit grossen Problemen. Der Platz in beliebten Häfen wird eng, die Destinationen platzen aus den Nähten, das Leben an Bord ist nicht besonders gesund: Messungen haben ergeben, dass in Kabinen auf Kreuzfahrtschiffen eine grössere Schadstoffbelastung herrscht als an einer Strassenkreuzung in Stuttgart. Nicht zu vergessen: Die Reedereien haben lange Zeit grosse Gewinne erzielt, weil sie Tieflöhne bezahlten. Das ändert sich gerade, deshalb ist das Cruisegeschäft bald nicht mehr so extrem lukrativ. Ich sehe an Land viel mehr Potenzial als auf dem Meer.

Sind Ihnen schon schwerere Fehler unterlaufen?
Neben der Hotelmarke A-Rosa für gehobene Ansprüche haben wir die Marke A-Ja lanciert. Im ersten A-Ja in Warnemünde an der Ostsee boten wir das Bett für 39 Euro pro Nacht an. Alle anderen Leistungen musste der Gast zusätzlich bezahlen – vom zweiten Bett über das Frühstück bis zum Eintritt in die Wellnessanlage und zum Bademantel. Das Publikum begriff dieses Baukastensystem nicht. Der 39-Euro-Preis sorgte für Verwirrung. Heute arbeiten wir in den A-Ja-Resorts mit normalen Packages und liegen mit 575 Euro im Durchschnitt pro Woche und Person in einem für die Vierstern-Wellness-Hotellerie in Deutschland äusserst günstigen Bereich.

Weshalb ist das Arrangement im A-Ja so günstig?
Wir haben fünf Jahre und zehn Millionen Euro in die Entwicklung von A-Ja gesteckt. Wir haben Betriebsabläufe optimiert und Kosten bei Unterhalt und Energie gespart.

Wird das A-Ja, das Sie im Oktober in Zürich-Altstetten eröffnen, ein Günstighotel?
Wir rechnen mit einem durchschnittlichen Zimmerpreis von 175 Franken, was für Zürich in der Tat günstig ist. Das erste Stadtresort von A-Ja wird über vergleichsweise grosse Zimmer und eine gute Infrastruktur verfügen – vom Buffetrestaurant mit 24-Stunden-Frühstück über ein Lokal mit ­Schweizer Spezialitäten, ein Starbucks-Café bis zu Kneippgarten, Wellnessanlage mit Saunalandschaft und Spa, das wie in allen A-Jas unter der Marke Nivea läuft.

Nivea, Buffetrestaurant: Klingt in der Tat nicht gerade nach Nobelhotellerie.
Gegenfrage: Lassen Sie sich vom Kellner im Frack ein Würstchen servieren – oder holen Sie sich lieber den Hummer selbst am Buffet? Der Kellner kostet. Beim Buffet sparen wir Personalaufwand – und was ist dann wohl «nobler»?

Warum eröffnen Sie ­ausgerechnet im aufgeheizten Zürcher Hotelmarkt ein Haus mit 320 Zimmern?
Die Luxushotellerie in Zürich ist tadellos, aber in der Mittelklasse besteht Handlungsbedarf. Dort stimmt oft das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht.

Wer soll in Altstetten ­nächtigen?
Wir setzen einerseits auf Geschäftsleute, die ein geräumiges Zimmer mit einem tollen Bett, einem schönen Bad, separatem WC und einen kleinen Living Space schätzen. Andrerseits glauben wir an den boomenden City-Event-Tourismus. Dank unserer Preise und unseres Urlaubsangebots werden sich mehr Leute einen Weekendaufenthalt in Zürich leisten können.

Aber die Konkurrenz wird Sie nicht mit offenen Armen ­empfangen.
Die Erfahrungen an unseren andern Standorten zeigen: Unsere Hotels ziehen zu 90 Prozent neue Kundschaft an. Zürich wird von uns profitieren.

Nun stehen die drei Türme der Vulcano-Überbauung in ­Altstetten an der ­Stadtperipherie. Ein Nachteil?
Wir setzen einen Shuttle ein, der die Gäste im Halbstundentakt bis Mitternacht in die Altstadt und zum See bringt.

Wann entscheidet sich, ob Sie in Zürich ein zweites Hotel eröffnen?
Wir sind mit dem Immobilienfonds der Credit Suisse im Gespräch. Es geht um eine Liegenschaft, die entweder zum Bürogebäude oder zum Hotel wird. Falls wir den Zuschlag kriegen, eröffnen wir in Zürich ein Hotel der Marke Henry, ein Konzept mit viel Wohnlichkeit, das in Berlin oder Hamburg prima funktioniert. Der Gast lebt hier wie zu Hause – mit Lounge und Wohnküche. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 20.01.2018, 20:11 Uhr

Vollblutunternehmer aus Hamburg

Horst Rahe, 78, ist geschäftsführender Ge­sellschafter und damit Chef der Deutschen Seereederei GmbH. Die Holding umfasst Tochterfirmen in den Bereichen Tourismus, Hotellerie und Immobilien. Für die anspruchsvolle Klientel hat Rahe die A-Rosa-Resorts geschaffen, Standorte sind etwa Sylt oder Kitzbühel. Mit den A-Ja-Resorts gelang dem Hamburger Vollblutunternehmer die Quadratur des ­Kreises: Wellnesshotels zu günstigen Preisen. Den bestehenden A-Jas in Warnemünde, ­Grömitz und Bad Saarow folgen 2018 Neueröffnungen in Travemünde und Ruhpolding. Mit dem A-Ja Zürich eröffnet Rahe das erste Cityhotel der Marke. Dank 320 Zimmern gehört es ab Oktober zu den grössten Hotels Zürichs. Horst Rahe, der einst das Clubschiff Aida ­erfand, lanciert mit Henry einen urbanen Hotelbrand. Zum Portfolio gehören auch «weisse Elefanten» (Zitat Rahe) wie das Louis C. Jacob in Hamburg, das Neptun in Warnemünde und das Paradies in Ftan, das nun in den Club Privé Il Paradis umgewandelt wurde. Rahe betreibt 12 Hotels, 4 weitere sind in Planung.





www.a-rosa.de
; www.ajaresorts.de; www.paradieshotel.ch

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