«Die Schweiz wird 727 Jahre alt? Da komme ich mir jung vor»

Hollywoodstar Willem Dafoe über Vorfahren aus der Romandie, politisierende Schauspieler, sein Gesicht als kubistische Maske und die Nervosität vor einer Lesung in der Fondation Beyeler.

«Klar weiss ich, dass ich ein markantes Gesicht habe»: Willem Dafoe, 63, in der «Bacon - Giacometti»-Ausstellung. Bilder: ­Sebastian Magnani

«Klar weiss ich, dass ich ein markantes Gesicht habe»: Willem Dafoe, 63, in der «Bacon - Giacometti»-Ausstellung. Bilder: ­Sebastian Magnani

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Juli, Sommerferien. Zahlreiche Besucherinnen und Besucher im ­Beyeler-Museum, wo Werke des Bildhauers Alberto Giacometti mit solchen des Malers Francis Bacon konfrontiert werden. Aber halt, der Mann dort zwischen den berühmten dünnen Figuren ist doch Willem Dafoe? Tatsächlich, der Star aus Hollywood-Blockbustern wie «Spider-Man» ist nach Riehen gekommen, um Texte zu den beiden Künstlern vorzulesen. Vorher setzt er sich aber auf ein Sofa im Wintergarten und nimmt sich Zeit für ein Gespräch.

Sie sind einer der ­erfolgreichsten Schauspieler. Wieso lesen Sie im Museum?
Hm. Weil ich gefragt wurde.

Bestimmt lehnen Sie aber viele Anfragen ab.
Klar. Aber ich bin vertraut mit den Werken von Francis Bacon und Alberto Giacometti, diese Konfrontation interessiert mich. Und ich war bereits einmal hier, für eine Darbietung mit der Performance-Künstlerin Marina Abramovic. Ein wunderschöner Ort. Schauen Sie diese Aussicht, die Wolken, das Licht, die Nuancen der Farben!

Jetzt sprechen Sie selber wie ein Maler.
Nicht ganz zufällig. Ich habe gerade Vincent van Gogh gespielt, für einen Film von Julian Schnabel, der bald in Venedig Premiere haben wird. Dabei habe ich viel über den Entstehungsprozess von Bildern nachgedacht. Diese Interviewtexte mit Giacometti und Bacon kamen also gerade recht. Beide artikulieren hervorragend, ich könnte nie so über meine Arbeit sprechen. Als Vincent van Gogh habe ich diese Aussagen aufgesogen.

Ich mach jetzt keine Bemerkung zu Van Goghs Ohr . . .
. . . Oh, ich habe alle Witze dazu gehört. Glauben Sie mir, wenn man ihn spielt, kommt man nicht darum herum. Zeig her, ist dein Ohr noch dran und solches Zeugs.

Ihr eigenes Gesicht wird ­dagegen gerne mit einem Kunstwerk ­verglichen.
Inwiefern?

Die «New York Times» schrieb, Sie sähen aus wie ein Demiurg, der von einem Kubisten gemalt wurde.
Was heisst das? Ich verstehe es nicht einmal.

Ich musste es auch ­nach­schlagen: Ein Demiurg ist eine Art Weltenschöpfer, oft mit dunklen Absichten.
Na ja, ich habe ja schon ein paar Bösewichte gespielt, mit Genuss. Tönt also gut. Aber für mich bedeutet es nichts. Klar weiss ich, dass ich ein markantes Gesicht habe. Aber ich vergesse das sofort wieder. Man denkt ja, Schauspieler drückten alles über das Gesicht aus. Das stimmt einfach nicht. Der Körper ist genauso wichtig. Und überhaupt, am allerwichtigsten ist es, nicht darüber nachzudenken. Du machst es dann schon.

Intuitiv?
Exakt. Dazu braucht es Übung. Instinkt auch.

Lesen Sie denn die Dinge, die über Sie geschrieben werden?
Manchmal kann ich nicht widerstehen, aber ich versuche, es nicht zu tun. Wenn ich mag, was da steht, hilft es mir nicht viel weiter. Wenn ich es nicht mag, hilft es erst recht nicht weiter. Und eben: Ich versuche, mich selber sowieso zu vergessen, wenn ich spiele.

Wie ist das zu verstehen?
Ich spiele ja immer etwas Neues. Das will ich nicht belasten mit dem, was vorher war und mit dem, was andere über mich denken.

Mit Verlaub, Sie haben in so vielen Filmen gespielt. Da muss sich doch Routine einstellen!
Niemals. Das wäre das Ende. Natürlich können sich gewisse Dinge wiederholen. Aber ich gehe alles offen an, als ob es neu für mich wäre. Egal ob ich jetzt in einem Hollywood-Blockbuster mitspiele. Oder eine kleine Lesung für 200 Leute in einem Kunstmuseum halte. Ich bin gleich nervös.

Sie sind wirklich nervös vor dieser Lesung?
Selbstverständlich. Ich will den Texten gerecht werden. Da brauche ich eine gewisse Anspannung. Ich will mich ja nicht mit Giacometti vergleichen, aber ich habe vorhin in der Ausstellung einen Satz von ihm aufgeschnappt, wo er sagt: «Ich will weiterarbeiten, es gibt noch viel zu lernen.» Da war er schon viel älter als ich jetzt mit meinen 63 Jahren.

Giacometti war nie ­zufrieden mit seiner Arbeit. Sind Sie es?
Nein.

Nein?
Niemals. Aber das ist schon in Ordnung so. Es gibt kleine Teilchen, mit denen ich zufrieden bin, da eine Bewegung, dort ein Satz. Mehr ist vermutlich nicht möglich. Ich brauche einfach genug Befriedigung, um weiterzumachen. Die habe ich. Und klar bin ich auf Lob angewiesen, auf Applaus.

Giacometti liess die Menschen, die für ihn Modell sassen, ­tagelang sitzen, um ihnen die Posen auszutreiben.
Richtig.

Es gibt Filmregisseure, die deswegen die gleichen Szenen 30- bis 40-mal wiederholen lassen.
Stanley Kubrick war so einer. Ob das gut ist? Als Schauspieler kennt man alles, die Magie der ersten Aufnahme. Aber auch den Reiz der endlosen Repetition, die alles aufs Wesentliche reduzieren kann, weil man zu müde ist, um noch etwas vorzumachen. Aber Filmen ist ja nicht nur ein Akt zwischen dem Regisseur und dem Schauspieler. Da sind viele beteiligt. Ich kann lange denken, ich hätte etwas genial gespielt, in der zweiten Aufnahme, aber dann war etwas mit der Kamera falsch oder mit dem Licht. In diesem Fall muss man nochmals ran.

Zuletzt waren Sie in «Mord im Orientexpress» zu sehen, wo Sie einen Österreicher spielten.
Haha. Eigentlich war es jemand, der vorgab, Österreicher zu sein.

Stimmt. Aber Sie spielten schon öfter Deutsche.
Ich trug dafür so wunderbare Namen wie Klaus Daimler. Und Max Schreck.

Letzteres war in «Shadow of the Vampire», wo Sie als bisher einziger Vampir der ­Kinogeschichte eine ­Oscarnominierung ergatterten.
Genau. Jetzt wollen Sie bestimmt wissen, ob ich jemals einen Schweizer gespielt habe. Ich fürchte, da kann ich nicht dienen. Ihr seid alle zu brav.

Sind wir das?
Nein. Das war ein Witz. Ihr seid Banker und Gauner. Das ist auch ein Witz. Sie sehen, ich kenne nur die Klischees über Ihr Land. Ich bin auch schon mit meiner Theatertruppe The Wooster Group in Zürich aufgetreten. Und in Locarno habe ich vor Jahren einen Ehrenpreis erhalten, es war ein Tier, ein . . ., ein . . .

Leopard.
Ja. Ich kann also nur das Beste sagen über Ihr Land. Die lassen mich auftreten und geben mir Preise.

Auf der Filmdatenbank IMDb steht gar, Sie hätten auch Westschweizer Vorfahren.
Tatsächlich? Ich weiss nichts davon. Aber es ist möglich. Mein Name existiert nirgendwo in Europa, es ist jedoch klar, dass er von da stammt, vielleicht waren es Hugenotten. Die Vorfahren sind sehr früh in Kanada eingewandert und haben bei dieser Gelegenheit auch die Schreibweise geändert. Meine Assistentin hat eine Schwester, die sich brennend für Genealogie interessiert. Die hat wohl entschieden, dass ich auch Schweizer Wurzeln habe. Und weil meine Assistentin in dieser Hinsicht sehr offensiv ist, hat sie es vermutlich selber auf die Datenbank gestellt.

Ich insistiere ein wenig zur Schweiz, weil in der Woche, in der dieses Interview erscheint, der Geburtstag des Landes gefeiert wird.
Wie alt wird es?

Da muss ich rechnen: 2018 minus 1291, das macht 727 Jahre.
Was, die Schweiz wird 727 Jahre alt? Da komme ich mir wieder jung vor. Ich wünsche alles Gute zum Geburtstag. Mir scheint, das Land hat die Probleme, die alle Länder haben, gut gelöst.

Besser als Ihr Land, die USA?
Bestimmt. Aber über Politik spreche ich nicht. Ich hasse es, wenn Schauspieler das Gefühl haben, sie könnten die Welt mit Worten verändern. Ausgerechnet Schauspieler . . . Fragen Sie mich etwas zu den Filmen.

Sie haben mehr als 100 davon gedreht.
Manchmal glaube ich es selber nicht. Gut, ein paar beschäftigten mich nur zwei, drei Drehtage lang, andere jedoch fünf Monate. So erinnere ich mich an mein Leben: Bei diesem Film war ich da, bei jenem dort und dachte das.


«Ich hasse es, wenn Schauspieler das Gefühl haben, sie könnten die Welt mit Worten verändern. Ausgerechnet Schauspieler . . . »

Sie sagten vorhin, Sie seien niemals zufrieden. Kommt Ihre ­Obsession, so oft zu drehen, von da?
Nein. Ich arbeite gerne, und ich denke auch, Schauspieler sollten nicht knausrig sein mit dem, was sie geben. Drehen ist für mich entspannend. Meine Arbeit war stets auch in mein Leben integriert. Jahrelang war ich in der Theatertruppe, die erwähnte, lebte mit der Regisseurin zusammen, habe ein Kind mit ihr. Und vor dreizehn Jahren heiratete ich eine italienischen Frau, ebenfalls eine Regisseurin.

Sie brauchen wohl eine Regie, auch im Privaten . . .
Offensichtlich. Ich gehe gerne raus, reise herum, mache etwas und komme zurück. Dieses Muster passt mir. Die 100 Filme sind natürlich nicht alles Meisterwerke. Aber sie sind sehr verschieden. Und ich habe das Glück, ein Grenzgänger zu sein. Hollywood weiss nichts über die Independent-Filmszene. Und die Independent-Szene kümmert sich nicht um ­Hollywood. Ich kann da hin und her wechseln. Als Undercover-Agent, sozusagen.

Sie arbeiten gerne mit ­sogenannt schwierigen ­Regisseuren zusammen, Lars von Trier zum Beispiel.
Ich liebe es, ein Puzzlestein ihrer, manchmal zugegeben, schrägen Welt zu sein. Und ihnen zu helfen.

Auch wenn Ihnen wie in von Triers Horrorfilm «Antichrist» ein ­Mühlstein an die Hoden ­gehängt wird und diese ­zerquetscht werden.
Auch dann. Ist ja nur Film. Und nicht der schlechteste. Manchmal kapiere ich, was die Regisseure mit solchen Szenen wollen, manchmal nicht. Aber auch beim Misslingen habe ich es immer noch lieber als eine Fliessbandproduktion. Ich kenne einige Leute, nicht nur Schauspieler, die so alt sind wie ich und ihre Arbeit überhaupt nicht mehr lieben, einfach ihre Zeit absitzen. Mir geht es nicht so. Ich weiss, dass ich privilegiert bin. Aber ich kann immer den nächsten Film drehen.

Kann das auch eine Flucht sein?
Nein. Bei mir nicht. Die Arbeit ist eine Bereicherung. Es müssen übrigens auch nicht Filme sein. Die Hauptsache ist, sich zu bewegen, zu reisen, neue Dinge zu erfahren. Das gilt für alle Menschen.

Das ist allerdings schwer für jemanden, der den ganzen Tag im Büro zu sitzen hat.
Well, man kann im Kopf reisen. Das genügt manchmal schon. Ich mache es schon seit der Kindheit so.

Sie sind das siebte von acht Kindern, haben zwei Brüder und fünf Schwestern.
Ja, meine Frau dagegen ist ein Einzelkind. Schwierig, ihr zu erklären, was bei uns abging.

Was ging ab?
Es war ein Chaos. Meine Eltern arbeiteten viel, er als Arzt, sie als Krankenschwester. Meine fünf Schwestern haben mich erzogen. Der Nachteil: Man kriegt nicht so viel Aufmerksamkeit. Der Vorteil: Man hat sehr viel Freiheit.

Stimmt es, dass Sie sich einmal zwei Tage lang in einem Schrank eingeschlossen haben, um aufzufallen?
Richtig, aber nicht, um aufzufallen. Hat eh keiner bemerkt, dass ich nicht da war. Das war eher ein Experiment für mich. Vielleicht stand dies schon am Anfang meines mir damals noch nicht bekannten Wunsches, Schauspieler zu werden. Ich wollte etwas ausserhalb der normalen Strukturen tun. Es war eine Art Performance, einfach für mich selber. Ein Experiment. Ich will das nicht überinterpretieren. Am Ende hatte es auch mit dem Mond zu tun.

Dem Mond?
Ja, als ich aufwuchs, begann das Weltraumprogramm der Nasa. Ich stellte mir vor, wie es in einem Raumschiff sein könnte, eng und dunkel. Ich wollte wohl auch testen, wie tapfer ich war. Abgesehen davon komme ich aus Appleton, Wisconsin, wo auch der Entfesselungskünstler Harry Houdini seine Kindheit verbracht hat. All das muss in meinem Kopf gewesen sein.

Francis Bacon war überzeugter Atheist, hat aber auch Päpste gemalt. Sie haben Jesus ­gespielt und den Teufel. Wie haben Sie es mit der Religion?
Unser Haushalt war protestantisch, mit eher humanistischem Zugang. Wir gingen ab und zu in die Kirche, aber das Hauptanliegen meiner Eltern war, anständige Kinder aus uns zu machen.

Das ist geblieben?
Anständig zu sein schon. Und ich habe meine Rituale, die privat sind. Aber ich würde sie nicht als Religion bezeichnen. Mich interessiert der Impuls der Menschen, an etwas Überhöhtes zu glauben. Und ich denke, dass die meisten Religionen das bedienen, aber es höchst unterschiedlich ausdrücken. Die Versuche der Menschen, mit der Endlichkeit des Lebens umzugehen, sind jedoch ähnlich.

Es gibt Schauspieler, die davon träumen, auf der Bühne zu sterben. Sie auch?
Ich denke schon. Ich hoffe aber, das ist nicht morgen oder übermorgen der Fall. Wäre ja seltsam, wenn ich etwas anderes sagen würde.

Es gibt Kollegen, die tatsächlich den Rücktritt erklärt haben und nie mehr spielen wollen.
Dafür mag ich den Beruf zu sehr. Aber ich mache mir nicht zu viele Gedanken. Zuletzt habe ich so viele Filme gedreht, dass ich sowieso nur an den Moment denken kann. Heute. Jetzt. Rausschauen in diese Landschaft. Es ist ein ganz anderes Licht als vor einer halben Stunde, nicht wahr? (SonntagsZeitung)

Erstellt: 28.07.2018, 19:14 Uhr

Über 100 Filme

Willem Dafoe, 63, war Jesus in «The Last Temptation of Christ» von Martin Scorsese, ein psychopathischer Vergewaltiger in «Wild at ­Heart» von David Lynch, ein bekiffter Soldat in «Platoon». Eine seiner schönsten von über 100 Rollen spielte er aber kürzlich: die des Managers eines heruntergekommenen Motels in «The Florida Project». Sie brachte ihm die dritte Oscarnominierung ein. Der in New York lebende Amerikaner dreht oft in Europa, mit seiner Frau, der Regisseurin Giada Colagrande, hat er auch einen Wohnsitz in Rom. Die aufschlussreiche Ausstellung «Bacon - Giacometti» in der Fondation Beyeler, wo Dafoe auftrat, ist noch bis zum 2. September zu sehen.

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