Verschollen über dem Südpazifik

Amelia Earhart schrieb Luftfahrtsgeschichte – ein Anthropologe will nun ihre Knochen identifiziert haben.

Ihre Welt­umrundung scheiterte 1937: Flugpionierin Amelia Earhart. Foto: PD

Ihre Welt­umrundung scheiterte 1937: Flugpionierin Amelia Earhart. Foto: PD

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Es fehlten nur drei Etappen bis zum Erfolg. Dann hätte es Amelia Earhart geschafft, als erste Frau solo rund um die Erde zu fliegen. Und das erst noch auf einer Route, die deutlich länger war als bei den bis anhin geglückten Versuchen. Earhart war in Kalifornien gestartet, hatte Amerika, Afrika und Asien überquert. Drei Teilstrecken über den Pazifik musste die Amerikanerin noch zurücklegen. Am 2. Juli 1937 hob sie mit ihrer Lockheed Electra 10E in Neuguinea ab, Tagesziel war die kleine Howlandinsel im Pazifik, ungefähr auf halbem Weg nach Hawaii. Doch dort kam Earhart nie an, auch ihr Flugzeug hat man bis heute nicht gefunden.

Umso zahlreicher sind die Theorien, was der damals 40-jährigen Pilotin zugestossen sein könnte. Ein US-Anthropologe ist nun überzeugt, die Knochen Earharts identifiziert zu haben. Gefunden hatte man die Überreste drei Jahre nach dem Absturz auf der kleinen Insel Nikumaroro, die rund 650 Kilometer südöstlich von Howland Island liegt. An der gleichen Stelle entdeckte man die Überreste eines provisorischen Camps. Die Insel liegt auf jener Route, die Earharts Navigator Fred Noonan, der mit an Bord sass, zuletzt durchgegeben hatte.

Einige Historiker sind überzeugt, dass Earhart am Strand von Nikumaroro notlandete. Auf der Insel starb sie möglicherweise an Verletzungen, die sie sich bei der Notlandung zugezogen hatte. Ein britischer Offizier, der Nikumaroro 1940 auskundschaftete, stiess nahe des Camps zudem auf einen Frauenschuh und einen Behälter, in dem sich einst ein Sextant, ein Messgerät, befunden hatte.

DNA-Spuren gibt es in diesem Fall keine mehr

1941 stellte ein Arzt auf Fidschi zwar fest, dass die gefundenen Knochen – ein Schädel, ein Oberarm, eine Speiche, ein Oberschenkel, ein Schien- und ein Wadenbein – von einem Mann europäischer Herkunft stammten. Doch der US-Anthropologe Richard L. Jantz bezweifelt diese Feststellung in seiner neuen Studie.

Die Knochen stammten mit «99-prozentiger Wahrscheinlichkeit» von der verschollenen Pilotin, ist Jantz überzeugt. Das zu beweisen, ist nicht leicht, denn auch die Knochen sind heute verschollen. Überlebt haben nur detaillierte Masse, die der Pathologe 1941 notiert hatte. Diese Masse verglich Jantz mit modernen Datenbanken. Ausserdem liess er Kleider von Earhart, die heute im Museum hängen, von einer spezialisierten Schneiderin vermessen. Und er analysierte die zahlreichen zeitgenössischen Fotografien der erfolgreichen Pilotin, vermass auf ihnen Arm- und Beinlänge. Earhart hatte schon 1932 als erste Frau den Atlantik überflogen.

DNA wurde aus dem Knochenfund keine gewonnen, weil dies in den 1940er-Jahren noch nicht möglich war. Doch selbst Messwerte geben wichtige Informationen. «Auch in unseren Fällen ist längst nicht immer DNA erhalten, um das Geschlecht bei einem Knochenfund zu bestimmen», sagt Sandra Lösch, Anthropologin am Institut für Rechtsmedizin der Universität Bern. Je länger ein Knochen in der Natur gelegen habe, umso schwieriger werde es, brauchbare DNA zu gewinnen.

Die DNA in menschlichen Zellen zersetzt sich nach dem Tod. Bestimmte Umwelteinflüsse wie UV-Licht oder Salzwasser beschleunigen diesen Prozess. Liegen Knochen in der Erde sind die Proben zudem stark mit DNA-Spuren von Pflanzen und Tieren verunreinigt.

Die Studie zu Earhart findet Lösch interessant. «Mithilfe des Beckens ist die Geschlechtsbestimmung am einfachsten», sagt die Forscherin. Aber auch am Schädel könne man verschiedene Regionen wie beispielsweise die Muskelansatzstellen am Hinterkopf oder ein Knochenstück am Ohr untersuchen. «Natürlich gibt es auch kräftig gebaute Frauen und grazile Männer», sagt Lösch. Ein erfahrener Anthropologe könne aber auch ohne DNA gute Trefferquoten erzielen.

Earharts Flugzeug könnte auch ins Meer gestürzt sein

Nicht alle Aviatikhistoriker glauben, dass Earhart notgelandet ist. Auch die Theorie, dass ihr der Sprit ausging und sie mitsamt ihres Flugzeugs ins Meer stürzte, hat viele Anhänger. Auf Nikumaroro fand man kein Flugzeugwrack. Das könne jedoch, glauben die Anhänger der Notlandungstheorie, von den Gezeiten ins Meer gespült worden sein. Auch die These, dass Earhart auf einer japanischen Insel notlandete und in Kriegsgefangenschaft geriet, hat einige Anhänger. Erst kürzlich behauptete eine Dokumentation im amerikanischen History Channel, Earhart sei auf Fotografien von den Marshall Islands zu sehen. Allerdings konnte ein japanischer Forscher kurz darauf beweisen, dass die fraglichen Aufnahmen von 1935 datieren.

Sehr lange kann Earhart, falls sie tatsächlich auf der Insel Nikumaroro landete, nicht überlebt haben. Im Oktober 1937 umrundete eine Gruppe auf der Suche nach möglichen Siedlungsplätzen die gesamte Insel. Auf andere Menschen stiessen die Entdecker dabei nicht.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.03.2018, 19:33 Uhr

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