Vergessen Sie Kokosöl!

Das angebliche Wundermittel gilt als besonders gesund. Oft ist das Gegenteil der Fall.

Kokosnuss: Das Öl besteht zu 90 Prozent aus gesättigten Fettsäuren. Bild: Getty/iStockphoto

Kokosnuss: Das Öl besteht zu 90 Prozent aus gesättigten Fettsäuren. Bild: Getty/iStockphoto

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Früher hielt es als Palmin einen «Kalten Hund» zusammen, einen Cake aus Petits Beurres und Schokolade, und galt als ungesund und sündig. Heute ist Kokosöl gerade für Menschen, die besonders auf ihre Ernährung achten, eine Art Wundermittel. Es soll vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen, beim Abnehmen helfen, die sportliche Leistung erhöhen und sogar Symptome von Alzheimer und Aids abmildern. Viele Veganer verwenden Kokosöl statt Butter oder Rahm, auch zum Anbraten.

Mitten in diesen Hype hinein hat die Epidemiologin Karin Michels von der Uni Freiburg (D) Kokosöl kürzlich als «das reine Gift», etwa für das Herz, bezeichnet. Das Youtube-Video mit ihrem Vortrag wurde hunderttausendmal angeklickt und heftig diskutiert. Mittlerweile hat sich die Wissenschaftlerin zwar für ihre «unglückliche Wortwahl» entschuldigt, gleichzeitig aber in einem Statement auf der Uni-Website noch einmal ausführlich erklärt, warum sie Kokosöl nach wie vor für ungesund hält.

Tatsächlich besteht Kokosöl zu rund 90 Prozent aus gesättigten Fettsäuren, die auch gemäss der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung SGE maximal 10 Prozent der täglichen Energiezufuhr ausmachen sollten. Gesät­tigte Fette, die vor allem in tierischen Lebensmitteln wie Speck und Butter vorkommen, erhöhen nämlich Cholesterinwerte und stehen im Verdacht, das Risiko für Herzkrankheiten zu erhöhen.

Öl nur bei niedriger Temperatur erhitzen

«Es gibt zuverlässige Hinweise aus Studien am Menschen, dass ein hoher Anteil an gesättigten Fettsäuren wirklich gesundheitsschädlich für das Herz ist», sagt Stefan Lorkowski, Ernährungswissenschaftler an der Universität Jena. Wissenschaftlich gesichert ist, dass der Austausch von gesättigten Fetten, wie sie auch in Kokosöl enthalten sind, durch ungesättigte Fettsäuren etwa in Oliven-, Walnuss-, Lein- oder Rapsöl das Risiko für Herzkrankheiten senkt.

Aus gesundheitlicher Sicht positiv zu werten ist dagegen, dass Kokosöl manchmal in Fertigprodukten eingesetzt wird, um teilgehärtete Fette zu ersetzen und damit den Gehalt an Transfettsäuren zu senken. Denn Transfettsäuren sind bewiesenermassen schädlich für die Arterien. «Der Ersatz von teilgehärteten Fetten ist eine gute Sache, wenn es um kleine Mengen geht», sagt Eric Rimm, Epidemiologe an der Harvard School of Public Health. Wie immer macht also die Dosis das Gift. Unabhängig von den gesättigten Fettsäuren enthält natives Kokosöl aber tatsächlich auch gesunde Begleitstoffe wie Vitamin E und sekundäre Pflanzenstoffe wie Polyphenole.

Beim Braten mit Kokosöl sollte man vorsichtig sein: Natives Öl ist gemäss der Stiftung Warentest nur zum Erhitzen bei niedrigen Temperaturen geeignet. Mit Mass verwendet, ist Kokosöl aber bestimmt nicht giftig. «Der Mensch hat eine hohe metabolische Flexibilität, sonst wäre er längst ausgestorben», sagt Lorkowski. Es gebe aber keinen Grund, Kokosöl in grösseren Mengen zu verzehren.

«Man kann nicht die Wirkung von MCT-Fetten einfach auf Kokosöl übertragen.»Miriam Clegg, Ernährungswissenschaftlerin an der Oxford Brookes University

Doch genau das tun einige Menschen, etwa in der Hoffnung, abzunehmen. Der Grund für die Annahme, dass Kokosöl schlank macht, sind sogenannte mittel­kettige Fettsäuren (MCTs) wie die ­Caprin- und die Caprylsäure. Diese Fette werden anders verstoffwechselt: Beim Abbau dieser Fette werden Ketonkörper gebildet, die Sättigung signalisieren. In Humanstudien mit aufgereinigten MCT-Fetten konnten allerdings keine anhaltenden Schlank­machereffekte belegt werden. Sie sind darum wohl kein geeignetes Mittel, um langfristig Gewicht zu verlieren.

Ein Grund dafür könnte sein, dass Kokosöl nur zu etwa 14 Prozent aus «echtem» MCT-Fett besteht. Die 50 Prozent Laurinsäure, die in Kokosöl enthalten sind, werden ähnlich wie langkettige Fettsäuren verstoffwechselt. Trotzdem wird Laurinsäure häufig chemisch zu den MCT-Fetten gezählt. «Man kann nicht die Wirkung von MCT-Fetten einfach auf Kokosöl übertragen», sagt Miriam Clegg, Ernährungswissenschaftlerin an der Oxford Brookes University. Sie hat 2017 in einer Humanstudie gezeigt, dass Kokosöl nicht dieselbe Wirkung auf Sättigungsmechanismen hat wie reine MCT-Fette.

Nicht mal als Hautpflegemittel geeignet

Auf diesem Missverständnis basieren auch andere dem Öl zugesprochene Effekte. So geht unter Hobbysportlern das Gerücht um, dass Kokosöl wegen der MCT-­Fette schnell Energie liefere, die Zuckerreserven in den Muskeln schone und darum ideal für den Wettkampf sei. Bis dato ist allerdings nicht belegt, dass MCT-Fette, geschweige denn Kokosöl, zu einer längeren Belastbarkeit und damit zu besseren Leistungen führen.

Das Öl soll auch gegen Alzheimer helfen, weil das Gehirn die Ketonkörper angeblich als Energielieferanten nutzen kann. Doch auch hier fehlt es laut der pharmakritischen Zeitschrift «Gute Pillen – schlechte Pillen» an Belegen. Noch weniger Fakten gibt es zu anderen kolportierten Wunderwirkungen des Fettes, etwa als Mittel gegen das Aids-Virus HIV.

Keine Belege gibt es zudem für die Annahme, dass Kokosöl den Körper entgiftet, etwa mit der Folge, dass chronische Müdigkeit oder Migräne seltener werden. Als Mundspülung eignet sich Kokosöl ebenfalls nur bedingt, es kann zwar Bakterien dezimieren, aber ein antibakterielles Mundwasser kann das auch. Nicht einmal als Hautpflegemittel ist das Öl der Kokosnuss besonders geeignet. «Gegen trockene Haut, Neurodermitis oder Falten gibt es wesentlich wirksamere Pflegeprodukte», sagt Christiane Bayerl, Dermatologin an den Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken Wiesbaden. Und bei Akne ist von Kokosöl sogar abzuraten: Laut Bayerl kann es wie andere Öle auch zu mehr Mitessern führen. Das Hautbild wird sogar eher noch verschlechtert.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.09.2018, 18:31 Uhr

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