Unschuldig ist hier gar nichts

Zu heiter, zu kommerziell: Abba wurden lange nicht ganz ernst genommen. Aber eigentlich waren sie schon immer die Erwachsenen des Pop. Dazu passt auch ihr Comeback.

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Spektakulär auf der Insel Djurgården mitten in Stockholm gelegen, steht das Abba-Museum. Und dort – mit Blick in einen Fjord, auf Wasser, Felsen und alte Bäume – eine kleine Bühne. Ihr ist eine der letzten Stationen des Rundgangs gewidmet, auf dem man zuvor schon die Instrumente der beiden männlichen Bandmitglieder gesehen hat, das Telefon des Managers, die hautengen Lycra-Anzüge für die beiden Sängerinnen, einen alten Tourbus und den schlichten Küchentisch, auf dem etliche der bekanntesten Lieder dieser Gruppe geschrieben worden waren. Die Gegenstände, die auf dieser Bühne zu sehen sind, sind allerdings von weniger sinnlicher Art: Es sind die vier Musiker selber, als Hologramme in den leeren Raum projiziert. Die Luftbilder gehören zu einer Art Jukebox, und wenn dann ein Song ertönt, «Waterloo» zum Beispiel oder «Dancing Queen», dann kann der ambitionierte Besucher auf die Bühne steigen, vor den Mikrofonständer (der existiert physisch) treten und mitsingen.

Freitagnachmittag gab das offenbar immer noch existierende Management der Gruppe bekannt, die vier Musiker hätten, nach zahllosen Dementis, 35 Jahre nach der Auflösung wieder zusammengefunden: Es gebe zwei neue Lieder, von denen eines sinnigerweise «I Still Have Faith in You» heisse. Die beiden Songs würden zum ersten Mal in einer zuvor geplanten Show aufgeführt, die von zwei angelsächsischen Fernsehsendern, der britischen BBC und dem amerikanischen NBC, für den Herbst produziert wurde.

«Jeder der vier Musiker hatte eine Laufbahn in kleinen ­Orchestern hinter sich.»

Allerdings werde auch dort die Band nicht leibhaftig auftreten. Die Musiker liessen sich durch «Avatare» vertreten, worunter vermutlich besonders naturgetreue und aktualisierte Varianten der Luftbilder zu verstehen sind, die schon in Stockholm zu sehen sind. «Wir mögen alt geworden sein, aber das Lied ist neu», liess die Band in einer Pressemitteilung erklären. Aus dem Alter scheint die Band keinen Hehl machen zu wollen: Denn für die «Avatare» seien die Körper der Musiker in ihrem heutigen Zustand vermessen worden.

Diese Musik ist seltsam lebendig geblieben

Das Spiel mit den Luftbildern ist nicht ohne Ironie. Zwischen den Jahren 1972 und 1982 eine der beliebtesten Popgruppen überhaupt, mit Verkaufszahlen, die sich mit denen von Led Zeppelin oder Queen messen konnten und diejenigen der Rolling Stones oder von AC/DC weit übertrafen, wurden Abba selten ernst genommen. Die anderen Gruppen machten Rock, Abba aber betrieben Pop, im leichten, kommerziellen, allseits wohlgefälligen Sinn des Wortes. Abba – das schien Industrieproduktion zu sein, während die Kollegen von den härteren Fraktionen ihre Seelen und ihre ­Lebern hingaben. Und tatsächlich: Das schreiende Gitarrensolo erschien bei den Schweden nur in sozialverträglicher Form.

Video: Abba feiern Comeback!

Bisher waren die vier Stars der legendären Popgruppe Abba lediglich in einer Ausstellung vereint, doch das hat sich nun offenbar geändert. Video: Reuters

Die Dämonen, die Mick Jagger die Mundwinkel herunterzogen und ihn zum Bellen und Kreischen brachten, sangen scheinbar fröhlich und intonationssicher Trallala. Dass sich zwei Paare zu dieser Musik zusammengefunden hatten, zunächst wenigstens, schien nur den Eindruck zu bestätigen, hier sei der musikalische Aufstand, der die Rockmusik einmal war, von wohlgesinnten, freundlich lächelnden Sozialingenieuren entworfen worden, Avatare gleichsam von vornherein.

Doch ist diese Musik seltsam lebendig geblieben. Sie wird immer noch gespielt, in Schweden und in der Schweiz, vor allem aber in Grossbritannien. Das liegt daran, dass sie Qualitäten besitzt, die sich den Verächtern scheinbar offen kommerzieller Musik in den Siebziger- und Achtzigerjahren nicht erschlossen.

«1979 füllten sie an sechs Abenden hintereinander das Wembley-Stadion.»

So liegen zum Beispiel ihre Quellen weniger im Blues als vielmehr in der skandinavischen Volksmusik, im protestantischen Choral und in der Polka. Oder in den kleinen musikalischen Bühnenformen wie dem Vaudeville, in Musical und Operette. Und dann gerieten der Rockabilly hinein, die frühen Beatles (bis «Revolver») und der vor allem amerikanische Schlager. Jeder der vier Musiker hatte eine Laufbahn in den kleinen Orchestern der schwedischen Tanzmusik hinter sich, als Abba gegründet wurde, eine gründliche Erfahrung mit den Ballsälen kleiner Städte und den Sommerbühnen am Waldrand, wo sich die Jugend der Provinz bei Kochwurst, Leichtbier und Zigaretten zusammenfand. Diese Erfahrung hört man der Musik an, obwohl, oder gerade: weil sie so unbefangen wohlgestimmt daherzukommen scheint.

Zugleich dürfte Schweden das Land in Europa sein, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg zuerst und mit den geringsten Vorbehalten einer Modernisierung nach amerikanischem Vorbild öffnete – im Übergang zu Grossindustrie und Serienfertigung, in der Erschliessung der Landschaft durch das Automobil, aber auch in der Selbstverständlichkeit, in der alle Handlungen nach den Kriterien von Kapital und Kapitalverwertung behandelt wurden. Abba sind ein Ausdruck solcher Verhältnisse, und wenn die Musik der Gruppe kommerziell wirkte, dann war sie es auch, weil die Band den (zudem oft geheuchelten) Idealismus des Nichtkommerziellen nicht teilte.

Abba waren erwachsen, als die meisten ihrer Kollegen noch Widerstand spielten. Und wer genau hinhörte und vor allem darauf achtete, wie sich die Texte zu den heiter dahinhüpfenden Akkorden verhielten, dem konnte nicht entgehen, wie gebrochen die Musik war und immer noch ist: in «The Winner Takes It All» zum Beispiel, dem Klagelied einer von ihrem Mann verlassenen Frau, oder in «Lay All Your Love on Me», einem Song, in dem es darum zu gehen scheint, ob man sich als erwachsener Mensch ohne grossen Widerstand einem sexuellen Impuls hingeben soll.

Nach der Auflösung sind sie getrennte Wege gegangen

Unvorbereitet, ja unschuldig ist hier gar nichts, und wenn es manchmal den Anschein hat, Abba hätten auch dazu gedient, die erotische Zweideutigkeit von Glamrock, Funk und Disco auf familienfreundliches Niveau herunterzubringen, so ist das vielleicht nicht ganz falsch, doch ist diese Zweideutigkeit keineswegs verloren. Und erstaunlicher als der Umstand, dass es diese Zweideutigkeit einst in so offensiver Form gab, mag am Ende sein, dass sie fortlebte. Dass das Exotische und Extra­vagante eine Zukunft mitten in der ­Gesellschaft hat, auch von dieser Errungenschaft berichtet die Musik von Abba. Und wenn sich, im Jahr 1979, Hunderttausende Briten versammelten, um diese Gruppe im Stadion von Wembley zu erleben, an sechs Abenden hintereinander, so handelt es sich dabei zumindest nicht ganz um eine Sinnesverwirrung.

Nach der Auflösung der Gruppe sind die vier Musiker getrennte Wege gegangen: die beiden männlichen Mitglieder, Björn Ulvaeus und Benny Andersson, teilweise mit grossem Erfolg, die beiden weiblichen, Agnetha Fältskog und ­Anni-Frid Lyngstad, mit deutlich minderen und zudem eher wechselhaften Ergebnissen. Zumindest die beiden Frauen schienen sich, vielleicht aus diesem Grund, in den vergangenen Jahren ins Private zurückgezogen zu haben. Dennoch ist es eigentlich keine grosse Überraschung, dass es diese Gruppe nun wieder geben soll: Denn in mancherlei Hinsicht war sie schon immer erwachsen genug, um nicht nur zurück, sondern auch nach vorn zu blicken. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 29.04.2018, 10:47 Uhr

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