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Armee muss Bauern Wasser bringen

Wenn die Kühe fast verdursten: Die herrschende Trockenheit führt zu einer prekären Situation für Alphirten.

Die Luftwaffe flog bisher an fünf Orten Wasser auf die Alpen, weil es dem Vieh ausging.
Die Luftwaffe flog bisher an fünf Orten Wasser auf die Alpen, weil es dem Vieh ausging.
Schweizer Armee
Mit einem sogenannten Bambi-Bucket transportiert der Superpuma das Wasser und lässt es auf eine dafür vorbereitete Blache fallen.
Mit einem sogenannten Bambi-Bucket transportiert der Superpuma das Wasser und lässt es auf eine dafür vorbereitete Blache fallen.
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Auch am Rheinufer fordert die Dürre ihren Tribut : Die Birken haben bereits ihre Blätter abgeworfen. Soweit ist in dieser Region üblicherweise erst im Oktober.
Auch am Rheinufer fordert die Dürre ihren Tribut : Die Birken haben bereits ihre Blätter abgeworfen. Soweit ist in dieser Region üblicherweise erst im Oktober.
Stefano Schröter
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Gleich kommt er wieder: der Helikopter, der vor wenigen Minuten den Mann in Leuchtorange abgesetzt hat. Aufgeregt stehen zwei Knirpse in der prallen Sonne. Was für ein Gaudi! Sie ahnen nicht, welches Unheil den Einsatz der Ecureuil-Maschine von Heli-Linth im Chueboden bei Unterwasser SG nötig macht.

Bereits zum dritten Mal befestigt der Flughelfer in Leuchtorange in der sengenden Hitze einen grossen Wassertank an die Transportleine. Weitere 800 Liter nimmt der Helikopter mit hoch zur Alp auf dem Windenpass. Dort ist dem Bauern das Wasser für seine Tiere ausgegangen – ohne die Hilfe des Helikopters wären sie bei dieser Dürre verloren gewesen.

Seit fast 100 Jahren hat es in der Schweiz zwischen April und Juli nie mehr so wenig geregnet. Es blieben aber nicht nur lang anhaltende Schauer aus. Meteo Schweiz registriert zudem die wärmste April–Juli-Periode seit Messbeginn. In ganz Europa herrscht Dürre, selbst im Wasserschloss Europas ist es zu trocken. Es droht grosse bis sehr grosse Waldbrandgefahr. Viele Gemeinden haben die Dorfbrunnen abgestellt, halten ihre Einwohner zum Wassersparen an.

Die Luftwaffe springt als Wasserspender ein

Das Knattern des Rotors kündigt die Rückkehr des Helis an. «Schau, er bringt den einen Tank wieder mit!», frohlockt der kleinere Knirps. Kaum hat der leere Tank den Boden berührt, hängt bereits ein voller an der Transportleine. Die Zeit drängt. Denn just in der Hochsaison der Helikopterunternehmen häufen sich seit einer Woche die Anfragen der Bauern für Wassertransporte und bringen sie an ihre Kapazitätsgrenzen. Zudem wirkt sich die grosse Dürre auf ihre Flugwege aus: «Wir dürfen nur noch an ganz wenigen Orten ­Wasser aufnehmen», sagt Patrick Rüesch, stellvertretender Geschäftsführer von Heli-Linth. «Statt bis zum nächsten Weiher müssen wir zuweilen bis zum Walen- oder Bodensee fliegen.»

Das verursacht höhere Kosten für die Bauern, die pro Flugminute an die 40 Franken bezahlen. In Härtefällen oder wenn die privaten Unternehmen ausgelastet sind, springt deshalb die Luftwaffe ein – an fünf Orten war sie heuer bereits mit Wassertransporten im Einsatz. Für die Landwirte sind die Flüge der Armee kostenlos. Sie bilden aber die Ausnahme, denn das Militär darf private Unternehmen nicht konkurrenzieren.

«Es kommt vor, dass Helifirmen Aufträge freiwillig an die Armee abtreten, denn die Situation ist für die Bauern auf den Alpen prekär, da wollen wir keine finanziellen Härtefälle provozieren», sagt Martin Candinas, Präsident der Swiss Helicopter Association.

Video: Helikopter bringt Wasser

Der Hubschrauber von Heli-Linth bringt einem Älpler Wasser für das Vieh.

Zwölf Tanks hat der Helikopter an diesem Nachmittag zur Alp geflogen. Noch ein letztes Mal kehrt er zurück. «Er muss den Mann in Leuchtorange holen», belehrt der grössere den kleineren Knirps und wischt sich schnell den Schweiss von der Stirn. Tapfer klammern sich die Buben an ihre Räder, an denen der Abwind der Rotoren rupft. Staub wirbelt auf.

Trockene Erde fliegt auch zig Kilometer weiter südlich durch die Luft. Regionalforstingenieur Matthias Kalberer und Revierförster Mattiu Cathomen beugen sich an einem Hang bei Tamins GR über ein Loch, das sie in ein Wiesenbord geschlagen haben. Ein sogenanntes Bodenprofil. Damit analysieren die Fachleute, wie trocken der Grund ist, und leiten davon die Waldbrandgefahr ab.

«Wenn das Feuer fängt, wirkt es wie Brandbeschleuniger.»

«Mit Beobachtungen an verschiedenen Stellen ergänzen wir seit kurzem die Berechnungsmodelle, die uns zur Verfügung stehen», sagt Kalberer. Denn manchmal versickere das Wasser schneller als erwartet. Er greift in die oberste Schicht mit altem Gras und Laub. «Alles völlig ausgetrocknet.» Sein Gesicht ist ernst. Der Förster neben ihm ergänzt: «Wenn das Feuer fängt, wirkt es wie Brandbeschleuniger.»

Aber auch die unteren Erdschichten enthalten an diesem Ort kein Wasser mehr. Kalberer zerreibt eine Hand voll mit den Fingern. «Wäre da noch etwas Feuchtigkeit, könnte ich Kügelchen formen und bekäme dreckige Hände.» Stattdessen fliegt die trockene Erde durch die Luft. Ein zweites Bodenprofil schlägt der Förster in bewaldetes Gelände. Für gewöhnlich bleibt hier die Streuauflage aus Nadeln und Blättern länger feucht, weil sie vor der Sonne geschützt ist. «Da ist nichts mehr», sagt Cathomen trocken.

Mehr Löschwasserbecken an unwegsamen Hanglagen

Zurück im Büro, legen die beiden Männer ihre Beobachtungen Andrea Kaltenbrunner dar. Beim Bündner Waldbrandkoordinator fliessen alle Informationen zusammen. Er will an diesem Donnerstagnachmittag die Massnahmen für den Nationalfeiertag festlegen: «So können die Leute und die Gemeinden ihre Feiern planen.» Dafür speist er Werte der Wetterstationen wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Niederschlag oder Wind in ein kanadisches Waldbrandindex-System. Dieses berücksichtigt die Daten von 52 Tagen und stuft so die Brennbarkeit von Holzteilen ein. Was wiederum Kaltenbrunner erlaubt, konkrete Rückschlüsse auf die Waldbrandgefahr der Region zu ziehen.

Aufgrund seiner Berechnungen und der Rückmeldungen der fünf Waldregionen hat der Kanton Graubünden vor wenigen Tagen grossräumig ein absolutes Feuerverbot im Wald und in dessen Nähe erlassen. In den Bündner Südtälern ist wie im Kanton Tessin sowie im Wallis ein absolutes Feuerverbot im Freien in Kraft. In den übrigen Deutschschweizer Kantonen sind Feuer in und um Wälder untersagt.

Die Dürre fordert ihren Tribut

Weil die Experten künftig häufiger mit solchen Trockenperioden rechnen, rüstet Graubünden nun auf: An trockenen und unwegsamen Hanglagen entstehen in den kommenden Jahren zusätzliche künstliche Becken, wo Helikopter Löschwasser fassen können. Zwei davon sollen die Schutzwälder der Stadt Chur besser erschliessen.

Matthias Kalberer ist aus seinem Büro heraus auf die Rheinbrücke getreten, blickt zum Ufer, wo die Dürre ihren Tribut fordert: Die Birken haben bereits ihre Blätter abgeworfen. «So weit ist es normalerweise erst etwa im Oktober.»

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