Hunderte Gemeinden suchen ihren Präsidenten

Rentner und Lehrlinge retten ­derzeit das Milizsystem Schweiz.

<i>Auf der Suche nach Politpersonal gezielt junge Kandidaten gesucht: Gemeinde Gänsbrunnen im Kanton Solothurn. Foto: Commons Wikipedia</i>

Auf der Suche nach Politpersonal gezielt junge Kandidaten gesucht: Gemeinde Gänsbrunnen im Kanton Solothurn. Foto: Commons Wikipedia

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«Frag nicht, was deine Gemeinde für dich tun kann, frag, was du für deine Gemeinde tun kannst»: Diese frei nach John F. Kennedy zitierte Aufforderung müssen dieses Jahr viele Gemeinden an ihre Einwohner richten. Laut ersten Zahlen des Schweizerischen Gemeindemonitorings 2017 fehlt es an Schweizerinnen und Schweizern, die sich in Exekutivämter für ihren Wohnort engagieren. 40,3 Prozent der befragten Gemeinden beschreiben die Personalrekrutierung für den Gemeinderat und das Gemeindepräsidium als «schwierig», 9,3 Prozent gar als «sehr schwierig».

Dies ist besonders gravierend, wenn man sich vor Augen führt, wie viele Posten besetzt werden müssen: 82 000 Personen haben ein Amt in einer kommunalen politischen Behörde, 12 990 davon sind Exekutivpolitiker, wie das Schweizerische Institut für öffentliches Management in Zusammenarbeit mit der Universität Lausanne im Monitoring aufzeigt.

40- bis 60-Jährige sind beruflich ausgelastet

Der Schweizerische Gemeindeverband bestätigt den Negativtrend: «Das Problem der fehlenden Exekutivpolitiker hat sich in den letzten Jahren zugespitzt», sagt Direktor Reto Lindegger. Doch gebe es regionale Unterschiede: «Kantone wie der Aargau, die ein mehrheitlich reines Milizamt kennen, haben es schwieriger als jene, bei welchen das Amt des Gemeindepräsidenten einer Teil- oder Vollzeitstelle entspricht», sagt Lindegger. So gebe es in Ostschweizer Kantonen, beispielsweise in St. Gallen, und in der Romandie weniger Rekrutierungsprobleme.

Derzeit besetzen vor allem 40- bis 60-Jährige das Präsidentenamt. Da diese Gruppe aber oft mit ihrer beruflichen Karriere ausgelastet ist, setzt Lindegger auf Rentner und die Jungen, um den Notstand zu beheben.

Einer der ältesten Gemeindepräsidenten: Dieter Wissler, 78, nahm die Dorfkernentwicklung von Blauen BL an die Hand. Foto: Gabi Vogt

Die Gemeinden Blauen BL und Gänsbrunnen SO haben bei der Rekrutierung ihrer Präsidenten auf genau diese Zielgruppe gesetzt: In den beiden Dörfern amtieren der jüngste und einer der ältesten Kleingemeindepräsidenten der Schweiz. Trotz ihrer 52 Jahren Altersunterschied verbindet die beiden die Begeisterung für ihren Job – und das Wissen, das Gemeindepolitik weniger im Sitzungsraum als beim Dorfspaziergang geschieht.

Er wollte mehr, als die Gemeinde zu verwalten

Wer mit Gemeindepräsident Dieter Wissler durch Blauen fährt, dem wird das Entwicklungspotenzial des Baselbieter Dörfchens mit 690 Einwohnern vor Augen geführt: Hier eine Wiese, die sich optimal für Terrassenhäuser eignen würde; da eine Scheune, die um­gebaut werden könnte. Der deutsch-schweizerische Doppelbürger ist 78 Jahre alt. Den Ruhestand hätte der ehemalige Novartis-Manager längst verdient. 2004 ging er in Pension, doch muss man Wissler nicht lange kennen, um zu erahnen, dass ein entspanntes Rentnerleben nicht ganz zu ihm passt: «Ich habe die ersten freien Monate mit Rasen­mähen und Einkaufstouren zum Dorflädeli verbracht», sagt er mit seiner tiefen, klaren Stimme und lacht herzlich. «Doch bald vermisste ich die berufliche Herausforderung.» Als ihn der damalige Gemeindepräsident für ein Amt im Gemeinderat anfragt, sagt er ohne Zögern zu und übernimmt ein halbes Jahr später sogleich das Präsidium.

Von da an zieht ein ungewohnter Wind durch das Dorf oberhalb der Stadt Basel: Wissler macht erst mal eine businessmässige Standortbestimmung. «In meinem ehemaligen Beruf habe ich stets analysiert, wie die Firma positioniert ist und wo sie in zehn Jahren sein soll. Diese Fragen stellte ich nun auch im Bezug auf Blauen», sagt Wissler und ergänzt: «Auch, weil mir das blosse Verwalten einer Gemeinde zu wenig gewesen wäre.» Die grösste Schwäche war schnell gefunden – Blauen droht, wie so vielen Kleingemeinden, die Überalterung. Ein neues Zielpublikum wird definiert: gutbürgerliche Familien, die beispielsweise in der boomenden Basler Pharmaindustrie arbeiten und sich ein Einfamilienhaus im Grünen wünschen. Doch wie finden diese den Weg ins eher abgeschiedene Blauen?

Gegen die Überalterung kämpfen

Anhand eines Dorfentwicklungsplans gehen Wissler und die Gemeinde an die Arbeit: Im leer stehenden ­alten Schulhaus werden Seniorenwohnungen eingebaut; durch eine Umzonung können längst baufällige Gebäude im Dorfkern abgerissen und neu ­gebaut werden, und wegen der schlechten ­ÖV-Verbindungen gibt es neben einer Carsharing-App auch ein «Mitfahr-Bänkli», wo Autostopper beim Dorfausgang eine Fahrgelegenheit ergattern können.

Das Herzstück von Wisslers Vision bildet aber das neue Begegnungszentrum. Der 1,8 Millionen Franken teure Bau wird diesen August eingeweiht und bietet neben einer Kindertagesstätte und einer Mietwohnung Platz für den Dorfladen und einen Gemeinschaftsraum. Beim Planen dieses Hauses im Dorfkern lernt Wissler die Kernkompetenzen des Gemeindepolitikers: «Geduld, Ausdauer, Kompromissbereitschaft und viele Gespräche – sei es nun am Gartenhag oder am Dorfbrunnen.» Dieser Austausch war immer dann zentral, wenn es Kritik und Einsprachen vonseiten der Bevölkerung gab – ob nun wegen der Kindertagesstätte oder der falschen Farbe der Ziegel. «Eine Gemeinde lässt sich nicht wie eine Firma führen. Ich bin kein CEO, der Befehle von oben herab gibt, sondern versuche, zusammen mit dem Gemeinderat, die Bevölkerung im Dialog zu gewinnen», sagt Wissler und rückt die markante Brille zurecht.

Wie lange er Gemeindepräsident bleiben will, lässt er offen: «Meine Amtsperiode dauert bis 2019. Bis dahin möchte ich diese erste Phase der Dorfkernentwicklung abschliessen. Doch vielleicht juckt es mich, und ich mache noch weiter.» Auch wenn die ­vergangenen Investitionen bereits erste Familien und viele Kinder nach Blauen gelockt haben, gäbe es noch Projekte genug.

Der angehende Bauer will etwas zurückgeben

Wissler ist durch eine stille Wahl Gemeindepräsident geworden, bei der nur so viele Kandidaten wie Ämter aufgestellt wurden. Die neusten Zahlen des Schweizerischen Gemeindemonitorings zeigen, dass dies kein Einzelfall ist: In jeder fünften Gemeinde war die letzte Wahl mangels Auswahl still, bei Gemeinden mit weniger als 3000 Einwohnern gar in jeder vierten Gemeinde.

Auch der jüngste Kleingemeindepräsident der Schweiz wurde still gewählt. Stephan Joray ist einer von 92 Bewohnern von Gänsbrunnen im Kanton Solothurn – man findet ihn auf seinem Hof am Obere Schafmatt. Nach Abschluss seiner Lehre zum Landwirt will er hier Tiere halten, doch noch ist der Stall leer.

Mit 26 Jahren der jüngste Kleingemeindepräsident: Stephan Joray tritt sein Amt in Gänsbrunnen SO im August an und glaubt, dass das eine «gesunde Herausforderung» werde. Foto: Gabi Vogt

Mit dem legeren T-Shirt und den kurzen Shorts wirkt der 26-Jährige nicht wie der mächtigste Mann des Dorfs. Und doch ist er es bald – im August wird er vereidigt. Lange haben die Gemeinderäte nach einem Ersatz gesucht, als die Gemeindepräsidentin nach 28 Jahren ihren Rücktritt bekannt gab. «Als sich niemand für das Amt meldete, haben wir bewusst eine junge Person angefragt», sagt der Gemeindeschreiber Christian Nydegger, «denn wir glauben, dass wir so längerfristiger eine Lösung finden können.» Der parteilose Joray räumte sich eine Woche Bedenkzeit ein, doch dann war für ihn klar: «Ich möchte meiner Gemeinde etwas zurückgeben.» Ausser der gelegentlichen Bike-Tour verbringt Joray seine Freizeit bis zum Amtsantritt nun mit Einlesen und Einarbeiten. Noch sei viel zu tun, denn die Dorfpolitik habe ihn während der Ausbildung in Freiburg kaum beschäftigt. Gemeindeschreiber Nydegger hilft ihm heute dabei: Fein säuberlich liegen die an der langen Kante aufgeschlitzten Briefe vor den beiden Männern. Zusammen gehen sie jeden einzeln durch und stapeln sie passend: ein Haufen für die Informationen des Kantons, einer für die Rechnungen, einer für die Informations-Flyer.

Zum Thema Gemeindefusion hat er noch keine Meinung

In seinem Notizbüchlein schreibt Joray feinsäuberlich auf, welche der Informationen er an seiner ersten Gemeinderatssitzung wann weitergeben will. Macht ihn diese erste Sitzung nervös? «Nein, ich glaube, es wird eine gesunde Herausforderung», sagt Joray grinsend.

Neben neuen Abwasserleitungen, Tunnelumbau und Kantonsbeiträgen wird ihn ein Thema während der Amtszeit besonders begleiten, das auch andere Gemeindepräsidien schweizweit beschäftigt: In Gänsbrunnen gab es immer wieder Stimmen, die für eine Fusionierung mit der Nachbargemeinde Welschenrohr plädierten. «Ich weiss noch nicht, wie ich dazu stehe», sagt Joray, «zuerst möchte ich mich einlesen und im Dorf umhören.»

Zuhören und kompromissbereit sein, rät der Ältere dem Neuen

Seine Freunde hätten positiv reagiert, als sie von seiner neuen Aufgabe hörten. Einzig von seinen Lehrlingskollegen sei hin und wieder ein Spruch gekommen: «Ja, was meint denn der Herr Gemeindepräsident zum heutigen Wetter, haben Sie mich einmal gefragt», sagt Joray und lacht. Auch die Mutter, deren Vater bereits Gemeindepräsident gewesen war, zeigte sich erst besorgt: «Die Arbeit auf dem Hof darf dann nicht liegen bleiben.» Das habe er ihr versprochen.

Auf die Frage, ob er einen guten Rat für den jüngeren Gemeindepräsidenten Joray habe, sagt der 78-jährige Amtskollege Wissler aus Blauen: «Hören Sie der Bevölkerung zu, und glauben Sie nicht, dass Sie für alles eine ­Lösung parat haben müssen. Seien Sie stets kompromissbereit, und entwickeln Sie für Ihre Gemeinde eine längerfristige Perspektive.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 30.07.2017, 12:46 Uhr

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