Tanz am Rande eines Vulkans

Markus Somm über das neue Jahrzehnt und die alten Eliten.

Ohne Lernbereitschaft dürften sie bald nicht mehr viel zu lachen haben: Tony Blair, Gerhard Schörder und Queen Elizabeth II. 2005 in Schottland. Foto: Reuters

Ohne Lernbereitschaft dürften sie bald nicht mehr viel zu lachen haben: Tony Blair, Gerhard Schörder und Queen Elizabeth II. 2005 in Schottland. Foto: Reuters

Markus Somm@sonntagszeitung

Sie gehört zu den dümmsten Versuchungen, denen ein Journalist erliegen kann, und doch verfallen ihr jedes Jahr zum Kalenderwechsel viele meiner Kollegen: Sie machen sich öffentlich und schriftlich Gedanken zum kommenden Jahr, worauf man sie noch lange, lange Zeit später behaften kann. Meistens werden sie dann ausgelacht. Sie sagen die Zukunft voraus, sie spekulieren, sie warnen, sie hoffen. Und wenn gar ein neues Jahrzehnt ansteht, wie jetzt, dann türmen sich die prognostischen Leitartikel, die im schlimmsten Fall schon im Februar widerlegt sind, im besten im Mai. ­Deshalb habe ich mir vorgenommen, ebenfalls einen solchen Leitartikel zu schreiben, weil ich es nicht besser weiss als die Kollegen, zumal ich als Historiker noch die eine oder ­andere Anekdote beizusteuern vermag, die sich am Ende als irrelevant herausstellen wird.

2020 ist ein besonderer Termin, weil vor genau hundert Jahren eine der berühmtesten, weil verruchtesten Dekaden begann: Die Goldenen Zwanzigerjahre, the Roaring Twenties, wie sie in Amerika hiessen, bedeuteten eine sonderbare Mischung von Aufstieg und Desaster, als eine verwundete Welt sich vom Grossen Krieg zu erholen versuchte. Zu Beginn herrschten Arbeitslosigkeit und Not, zum Ende ebenfalls, nachdem 1929 einer der grössten Börsen-Crashs der ­Geschichte die Wirtschaft zerstört hatte. Doch dazwischen leuchteten glückliche Jahre des Massenkonsums, der überschäumenden Kreativität, der Demokratisierung und Emanzipation, eines ausgelassenen Tanzes am Rande eines Vulkans. Denn die Menschen ahnten, wie fragil ihr Glück war. Sehen wir heute einer ebenso gefährlichen Epoche entgegen?

Der Klimawandel lenkt auch ab von Problemen, die das Establishment partout nicht lösen will.

Wenig deutet darauf hin. Kein Krieg hat uns im Westen versehrt, die Wirtschaft blüht – mehrheitlich, sicher in der Schweiz –, kulturell regt sich wenig, weder Aufregendes noch Dumpfes. Und doch – hier setzt die Prognose ein – habe ich den Eindruck, eine neue Epoche sei längst angebrochen, ohne dass wir uns dessen ausreichend bewusst wären. ­Selten haben so viele Menschen im Westen das Vertrauen verloren in die Berufspolitiker und in deren Verbündete oder gar heimliche Vorgesetzte, die Beamten in der staatlichen Bürokratie. Eine Elite unter Beobachtung.

Das ist bekannt. Weniger bekannt sind die Folgen. Manche, vor allem, wenn sie im sogenannten Establishment zu Hause sind, einer breiten Allianz von Akademikern in Politik, Medien, Kultur und zum Teil auch der Wirtschaft, machen sich gerne etwas vor und glauben daran, dass das Fieber des Populismus, wie sie diese neue Krankheit nennen, wieder zurückgeht. Bitte nicht stören, der Patient braucht Ruhe. Und sollte das nicht helfen, rechnen sie damit, dass die Klimajugend, eine Art radikale Juniorenabteilung des Establishments, den Populisten die Schau stiehlt und sie zum Verstummen bringt. Der Klimawandel – abgesehen von den realen Herausforderungen, die er durchaus stellt – lenkt auch ab von Problemen, die das Establishment partout nicht lösen will: wie Immigration, wie ruinierte Industrien in verelendeten Provinzen, der Euro und sein harsches Regime, eine schwache EU in Auflösung, die autoritäre Grossmacht China.

Andere, weniger optimistische Beobachter – ich zähle mich dazu – sind überzeugt, dass dieses Fieber bleibt, wenn nicht zunimmt, solange sich die alten Eliten an der Macht halten. Wir erleben nicht die letzten Tage der Menschheit, aber die letzten Stunden einer linksliberalen, technokratisch und internationalistisch gestimmten Generation, die nach 1989 an die Macht gelangt ist und die Welt verändert hat. Die Blairs, Schröders, Clintons und Leuenbergers. Nicht alles war falsch, vieles gut gemeint, manches hat sich bewährt, genauso vieles aber als untauglich erwiesen. Die politische Globalisierung im Zeichen des Multilateralismus hat die Erde nicht sicherer gemacht und die Menschen nicht zufriedener. Aus der wirtschaftlichen Globalisierung, so sehr ich sie begrüsse, haben nicht alle den gleichen Nutzen gezogen. Die Verlierer hat man vergessen oder verlacht. Deshalb hängen die Menschen am Nationalstaat, nicht weil sie sentimental oder weniger klug als die Eliten wären, sondern weil die Alternativen, ob UNO oder EU, nicht gebracht haben, was man sich von ihnen versprochen hatte. Es sind Tiger aus Papier.

Ohne Politikwechsel, ohne Lernbereitschaft, ohne Demut dürften die Berufspolitiker, die uns derzeit regieren, kaum überleben. Stattdessen werden sie von der Geschichte verschluckt, wie jene Leute in den Zwanzigerjahren, einer ­Epoche, die sich so gut anfühlte und so bös endete.



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