«Statt neue Grenzen zu errichten, sollte man alte niederreissen»

Die Spanierin Isabel Coixet wird wegen ihrer Ansichten zum Katalonien-Konflikt hart angegriffen. Ihr neuer Film ist eine Hymne auf das Lesen.

In der Schweiz würde Isabel Coixet einen Film über die Region Genf drehen – «mit vielen Motorradszenen».

In der Schweiz würde Isabel Coixet einen Film über die Region Genf drehen – «mit vielen Motorradszenen». Bild: PD

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Bücher, Bücher, Bücher – «The Bookshop» erzählt eine bittersüsse Geschichte über die Liebe zum Lesen und zu schön gebundenen Druckerzeugnissen. Inszeniert hat sie die Spanierin Isabel Coixet, 58, die schon überall auf der Welt gedreht hat. Die Romanvorlage von Penelope Fitzgerald lässt Coixet, getreu dem Buch, in einer englischen Küstenstadt im Jahr 1959 spielen. Der Film wirkt im besten Sinn so, als ob er aus einer anderen Zeit stammen würde.

Trailer «The Bookshop». Video: Youtube

Ist es ­beleidigend, zu sagen, Ihr Film sei ­altmodisch?
Wissen Sie was? Man muss das tun, was man tun muss. Aber mir war sofort klar, dass diese Geschichte eine getragene Erzählweise braucht. Ob das altmodisch ist? ­Bücher lesen, behauptet man im digitalen Zeitalter, sei ebenfalls ­altmodisch. Aber für mich ist das richtige Wort eher zeitlos.

Sie sind Leserin, nicht wahr?
Und wie! Ich verschlinge alles. Aber seltsamerweise kannte ich Penelope Fitzgerald, von der die Romanvorlage stammt, lange nicht. Dann stiess ich auf ein Zitat von J. D. Salinger, der sie zu den Besten zählte, die in englischer Sprache schrieben. Ich vermute gar, es war die einzige Schriftstellerin, die er respektierte. Ich kaufte das Buch sofort, als ich es sah, wegen des Titels «The Bookshop» und liebte es gleich über alles. Die Filmrechte werde ich niemals bekommen, sagte ich mir.

Aber es war anders.
Ja, sie waren erstaunlicherweise nicht vergeben, wie es sonst selbst bei den allermeisten mittelprächtigen Büchern der Fall ist. Vielleicht, weil Penelope Fitzgerald ein sehr zurückgezogenes Leben führte, obwohl sie in England viele Preise bekam.

«Die ­Romane mussten so authentisch sein wie die Schauspieler. Die Cover sowieso.»

Sie schrieb eigentlich eine Hymne auf das Lesen.
Genau. Und ich wusste vom ersten Augenblick an, dass ich mich nicht begnügen durfte, in den Film-Buchladen irgendwelche ­Attrappen zu stellen oder billige Kopien alter Bücher.

Sondern?
Ich liess die Bücher aus demselben Material herstellen, aus dem sie in den 1950er-Jahren waren. Die ­Romane mussten so authentisch sein wie die Schauspieler. Die Cover sowieso. «Lolita» sieht in meinem Film wirklich genauso aus wie damals die britische Erstausgabe, die drei Jahre nach der amerikanischen erschienen ist. Und in Paris gedruckt werden musste, weil das Buch in England verboten war.

Warum wollten Sie «Lolita» im Film haben?
Ich habe das Buch als Teenager gelesen, mit einem Wörterbuch, da ich noch nicht so gut Englisch konnte. Und ich fand nichts Anstössiges darin. Vielleicht habe ich es falsch verstanden, aber ich dachte, da werde nichts verherrlicht. Das ist doch kein Lobgesang auf die Pädophilie.

Heute ist der Roman deswegen teilweise in Verruf geraten.
Ich bleibe dabei: Vladimir Nabokov war ein Genie, und «Lolita» ist ein Meisterwerk. Es ist beängstigend, was jetzt da und dort geschieht. Nehmen wir Pablo Picasso. Der war ja wohl wirklich nicht ein besonders netter Kerl, richtig garstig zu vielen Frauen. Zum Freund möchte ich den niemals ­haben, aber seine Bilder liebe ich. Es berührt mich, was er gemalt hat. Das geht mir bei vielen anderen so. Balthus abhängen im Museum, Kevin Spacey ausradieren aus Filmen? So ein Blödsinn.

Man soll die Künstler nicht mit dem Werk verwechseln?
Natürlich muss man ein wenig an die Intelligenz der Betrachter ­appellieren, diese Werke stehen nicht nur für sich, sondern auch für die Person, die sie schuf. Aber deswegen nach der Zensur schreien – wo soll das enden?

«Lesen macht einen immer gescheiter.»

Können Menschen durch Bücher besser werden?
Daran glaube ich schon. Ich denke, man kann einen Funken zünden. Und Lesen macht einen immer gescheiter. Auch wenn ich akzeptieren muss, dass es Menschen gibt, die das nicht wollen. Mein Bruder ist zum Beispiel kein Leser, überhaupt nicht. Bei uns zu Hause gab es viele Bücher, ich war fasziniert davon. Ich glaube, ich nahm sie in die Hand und tat so, als ob ich lese, bevor ich einen einzigen Buchstaben entziffern konnte. Ich war Leserin, indem ich andere imitierte. Meinen Bruder aber hat es wohl eher abgeschreckt.

Ich kenne jemanden, der an Büchern riecht, weil er das mag.
Kann ich gut verstehen. Mir gefällt alles, der Geruch, aber auch die Art, wie sie beschaffen sind, die Textur des Umschlags. Mir gefällt sogar der Staub, den sie ansammeln. Ich besuche auch in jeder Stadt, in der ich bin, ein Buchantiquariat. Das Blöde: Ich kann keinen dieser Läden verlassen, ohne etwas zu kaufen. Und frage mich dann: Wieso willst du diese Romanze in einer Edition aus den 1930er-Jahren besitzen? Noch dazu auf – sagen wir mal – Rumänisch? Egal, ich kaufe es.

Apropos Rumänisch: Sie ­stammen aus Barcelona, Ihren ersten Film drehten Sie in Portland an der Ostküste der USA, andere in Japan oder auf einer Ölplattform im Atlantik . . .
. . . ja, ich kann mich offenbar recht schnell anpassen. Sollten Sie mich mal in der Schweiz brauchen, könnte ich da problemlos einen Film drehen.

Aber Sie arbeiten kaum in Ihrer Heimat Spanien.
Stimmt nicht. Jetzt beginne ich dann mit den Dreharbeiten in einem kleinen Kaff in Galicien. Es geht um zwei Frauen, die heirateten, die eine als Mann verkleidet. Der Bischof selber vollzieht die Trauung. Sie können sich ja vorstellen, was für ein Geschrei losgeht, sobald der Schwindel entdeckt wird. Es ist eine spezielle Geschichte und ich freue mich.

Sie haben sich sehr engagiert in den Auseinandersetzungen um Katalonien.
Ungewollt. Ich habe einfach offen gesagt, was ich dachte, nämlich, dass die beide Seiten auch mal miteinander reden könnten. Das ist nicht gut angekommen.

«Ich wurde sehr hart angegangen, im Internet, öffentlich, auch persönlich.»

Sie haben nur gesagt, man solle reden?
Nun gut, ich habe die Separatisten-Bewegung auch ein wenig kritisiert, habe zum Beispiel die scheue Frage gestellt, ob es sinnvoll ist, neue Grenzen zu errichten, wenn man doch eher alte niederreissen sollte. Und auch, dass das katalanische Problem vielleicht nicht gerade das wichtigste ist, das wir derzeit haben. Ich habe gesagt, was ich zu sagen habe. Und musste die Konsequenzen tragen.

Was waren diese?
Das letzte Jahr war eines der traurigsten in meinem Leben. Ich dachte, ich hätte meine Sache sehr respektvoll klargemacht, aber die Antwort war überhaupt nicht so. Ich hatte wirklich zu leiden, wurde sehr hart angegangen, im Internet, öffentlich, auch persönlich.

Bereuen Sie etwas?
Nein.

Wenn Sie jetzt einen Film in der Schweiz drehen könnten, was würden Sie machen?
Ich habe tatsächlich schon daran gedacht, bei Ihnen zu drehen. Und zwar immer, wenn ich den Schriftsteller John Berger besuchte, der im französisch-schweizerischen Grenzgebiet bei Genf lebte. Er war wichtig für mich, ihm habe ich «The Bookshop» auch gewidmet. Es würde vermutlich ein Film über diese Grenze werden. Und es gäbe viele Motorradszenen darin. John Berger ist noch im hohen Alten mit dem Töff herumgefahren. Er war eine Naturkraft. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.05.2018, 16:43 Uhr

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