Zielscheibe Wolf

Der Schutz des Raubtiers soll gelockert werden, obwohl die Zahl der Nutztierrisse sinkt.

Heimisch geworden: Wölfe des Calandarudels unterwegs in Graubünden. Foto: AJF GR

Heimisch geworden: Wölfe des Calandarudels unterwegs in Graubünden. Foto: AJF GR

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Mittlerweile leben etwa 43 Wölfe in der Schweiz. Die meisten von ihnen in den Wäldern der Bergkantone. Zu Gesicht bekommt man die Tiere selten. Dennoch stossen sie auf Ablehnung – besonders bei Bauern und Nutztierhaltern.

Vor ihrer mächtigen Lobby ist der Bundesrat eingeknickt. Er will künftig den Schutz des Wolfes lockern. Bereits Vermutungen, dass ein Tier einen Schaden anrichten könnte, sollen als Grund für einen Abschuss genügen. Zudem soll die Regulierung nicht mehr in der Hoheit des Bundes liegen, sondern bei den Kantonen.

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Diese Woche hat die Umweltkommission des Ständerats über die Gesetzesrevision debattiert. Ein Entscheid über die Aufweichung des Artenschutzes ist noch nicht gefallen. Dieser wird für den 24. April erwartet. Umweltverbände und Tierschutzorganisationen sind alarmiert. «Der Druck, insbesondere auf die Ständeratspolitiker aus den Bergkantonen, ist gross, vorschnell Abschüsse zu bewilligen», sagt Gabor von Bethlenfalvy, Verantwortlicher für Grossraubtiere beim WWF Schweiz.

Herdenschutzhunde wehren Wölfe effektiv ab

Dabei sei das aktuelle Jagdgesetz ein guter Kompromiss zwischen Schutz, Regulierung und Jagd. «Schon heute ist es möglich, Bestände zu regulieren oder einzelne Schaden stiftende Tiere zu schiessen.» In zehn Fällen war dies nötig. Die Wölfe hatten beispielsweise zu viele Schafe gerissen. «Es ist daher nicht nachvollziehbar, geschützte und gefährdete Arten in Eigenregie der Kantone zu dezimieren.»

Daniel Mettler koordiniert im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt die Herdenschutzmassnahmen und bestätigt: Das heutige Wolfskonzept wirkt. Wie neuste belegte Zahlen zeigen, haben Wölfe vergangenes Jahr 187 Schafe und Ziegen gerissen. So wenige wie seit Jahren nicht mehr. In der Vergangenheit waren es oft über 300 Nutztiere.

Die positive Entwicklung bei den Nutztierrissen steht in direktem Zusammenhang mit dem Einsatz von Herdenschutzhunden. 221 waren in der vergangenen Weidesaison unterwegs. Das sind mehr als doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren. «Herdenschutzhunde können Angriffe sehr effektiv abwehren», sagt Mettler.

Zu dieser Erkenntnis sind auch verschiedene Forscher aus Europa und den USA gelangt. Wissenschaftlich können sie aufzeigen, dass Nutztierschäden um 80 Prozent abnehmen, sobald speziell ausgebildete Hunde eine Herde sichern.

Umweltverbände erwägen Referendum

Jährlich gehen in der Schweiz 200 000 Schafe «z’Alp». Allerdings hat nur eine Minderheit der Tiere einen Hund als Beschützer zur Seite: rund 20 Prozent. Das soll sich ändern. «Optimal wäre, wenn vor allem in den Gebieten, wo Wölfe dauerhaft bleiben, Hunde möglichst viele Tiere bewachen», sagt Mettler.

Eine dieser Regionen ist der Kanton Graubünden. Herdenschutzhunde behirten dort aber lediglich 15 Prozent der Schafe. Es kam daher auch zu den meisten Rissen. Bevorzugt frisst der Wolf Hirsche und Rehe. Bietet sich jedoch die Gelegenheit, schnappt er auch Nutztiere. Ein ausgewachsener Wolf frisst rund vier Kilogramm Frischfleisch oder Aas pro Tag.

Grossraubtierexperte von Bethlenfalvy setzt sich vehement gegen die vom Bundesrat initiierten «Abschüsse auf Vorrat» ein. Der Griff zur Flinte sei häufig kontraproduktiv. «Der Verlust eines Rudelmitglieds destabilisiert die Familienstruktur und verändert das Jagdverhalten.» Der WWF hofft nun auf «die Vernunft der Umweltkommission des Ständerats». Sollte die Aufweichung des Artenschutzes des Wolfes, aber auch des Bibers oder des Höckerschwans trotzdem durchkommen, erwägen Umweltverbände, das Referendum zu ergreifen.

Von Bethlenfalvy sagt: «Es braucht kein neues Gesetz, sondern eine Diskussion zum Abbau von Ängsten.» Denn die Einwanderung des Wolfs lässt sich nicht aufhalten. In der Schweiz haben sich bisher drei Rudel gebildet. Und bei mehreren Paaren könnte es demnächst Nachwuchs geben.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 24.03.2018, 22:41 Uhr

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