Voll elastisch

Mit «Incredibles 2» kommt der erfolgreichste Pixar-Film in die hiesigen Kinos. Ein Studiobesuch.

Starke Familie: Bob, Helen, Dash, Jack-Jack und Violet Parr (v.l.). Bild: Disney

Starke Familie: Bob, Helen, Dash, Jack-Jack und Violet Parr (v.l.). Bild: Disney

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Einige Kilometer östlich von San Francisco liegt ein 10'000-Seelen-Ort, entzweigeschnitten von einem zehnspurigen Highway. Wir sehen Industriebrachen, bunte Wohnblocks, Outlets und eine schier endlose Zeltstadt von Obdachlosen. Es gibt einen Gratis-Shuttlebus sowie ein Einkaufszentrum mit einem 16-Saal-Multiplexkino. Aber kaum jemand käme auf die Idee, in Emeryville das Epizentrum des modernen Animationsfilms zu vermuten: die Pixar Animation Studios.

23 Jahre sind seit deren erstem abendfüllenden Animationsfilm «Toy Story» vergangen, Pixar ist das Mass der Dinge geblieben. Und das, obwohl inzwischen fast jedes Hollywoodstudio eine eigene Animationsfilm-Abteilung hat. Was Pixar von der Konkurrenz unterscheidet, ist die scheinbar mühelose Verbindung von Kunst und Kommerz, die Liebe zum Detail, die Unterhaltungsgarantie für Jung und Alt, wobei der jüngste Film «Incredibles 2» bereits jetzt der erfolgreichste des Studios ist.

Trailer zum Film «Die Unglaublichen 2». Video: Youtube/KinoCheck

Als Pixar im Mai seine Türen öffnet, um erste Einblicke in den noch unfertigen Film zu gewähren, ist dieser Box-Office-Hit nicht absehbar. Man hat andere Sorgen. Zum Beispiel, dass John Lasseter, Kreativchef von Pixar und Disney, Mitarbeiterinnen belästigt haben soll. Lasseter bezieht daraufhin eine sechsmonatige Auszeit, amtiert nur noch als externer Berater und verlässt die Firma auf Ende Jahr. Was bleibt, ist ein Studio, das die Aufmerksamkeit wieder auf seine Filme lenken muss.

Motorradstudien: Pixar zeigt, wie mans macht. Bild: Alex Kang / Disney

Das Pixar-Anwesen mitten in Emeryville erinnert an eine grosszügige Universität. Vorbei an Grünflächen, Fussball- und Tennisplätzen führt eine Allee zum gigantischen Steve-Jobs-Gebäude, benannt nach dem einstigen Mitgründer und CEO. In der lichtdurchfluteten Lobby steht ein Schrank mit sämtlichen Oscar-Trophäen, daneben thronen mannshohe Erfolgsfiguren wie Buzz Lightyear oder Cowboy Woody aus «Toy Story». Es gibt ein Café und eine Küche, in denen sich die rund 1200 Mitarbeitenden austauschen und rund um die Uhr verpflegen können. Morgens um 8 Uhr gleicht die Lobby bereits einem Bienenkorb. In der ersten Etage, wo die Büros sind, hängen in den Gängen ausschliesslich gerahmte Zeichnungen und Skizzen des aktuellen Films, also von «Incredibles 2». Verpflichtung, Selbstverständnis, Ansporn, Rückversicherung – das alles begleitet die Mitarbeiter auf Schritt und Tritt.

Flexibles Motorrad und ein feministischer Dreh

«Incredibles 2» erzählt von Helen und Bob Parr, die einst Superhelden waren. Seit diese jedoch verboten sind und ihr Haus am Ende von Teil 1 zerstört wurde, müssen sie mit ihren drei Kindern in einem Motel hausen, einer trostlosen Bleibe, wie sie auch in Emeryville stehen könnte. Die Familie droht in einer Zeltstadt zu enden, wie sie ein paar Hundert Meter neben dem Studio steht. Doch in letzter Minute findet sich ein Mäzen, der Superhelden rehabilitieren und wieder legalisieren will. Er bestimmt Helen alias Elastigirl für eine erste Mission, wofür sie ein dehnbares Motorrad bekommt und eine ausser Kontrolle geratene Hochbahn-Metro stoppen soll, während Bob zu Hause auf die Kinder aufpasst. Das zieht innerfamiliäre Turbulenzen nach sich. Und einen Kampf mit einer cleveren Hypnotiseurin.


Die Filme von Pixar – das sind unsere Favoriten Tabelle vergrössern


Hat Regisseur Brad Bird mit «Incredibles 2» den Feminismus für sich entdeckt? «Mir war immer klar, dass Frauen dasselbe können wie Männer», sagt Bird mit donnernder Stimme. «So wurde ich von meiner Mutter erzogen. Ich mag starke Frauenfiguren, deshalb sind sie in meinen Filmen präsent.» Kommt hinzu, dass bereits eingeführte Charaktere wie Tochter Violet oder Modedesignerin Edna in «Incredibles 2» neue Facetten ihrer Persönlichkeit entfalten dürfen. Und dann gibt es eine neue Figur, das Technikgenie Evelyn Deavor. «Evelyn ist eine schillernde Persönlichkeit, eine Künstlerin», sagt Kostümdesignerin Bryn Imagire. «Ihr Aussehen sollte wie ein Mix aus Yoko Ono, Annie Lennox und Diane Keaton wirken.» Evelyn trägt Strubbelfrisur und gestreifte Hemden, das wirkt vertraut und doch modern.

Experimente mit brennenden Babys

Es ist diese stilistische Präzision, gepaart mit erzählerischer Kühnheit, die den Pixar-Filmen einen aussergewöhnlichen Touch verleiht. Das gilt auch und vor allem für die Hauptfiguren: «Die Superkräfte der Familienmitglieder sind ja Erweiterungen ihres Charakters», sagt Regisseur Bird. «Helen alias Elastigirl wird als Mutter von drei Kindern in alle Richtungen gezogen, deshalb muss sie elastische Kräfte haben.»

Was fürs Grosse gilt, muss auch im Kleinen stimmen. Da zerbrechen sich dann Effekttechniker den Kopf darüber, wie schnell Helens Motorrad fahren soll, wann es dehnbar wird, wie viel Rauch es absondert und wie stark die Explosion sein darf, als es zerstört wird. Oberstes Credo: Die Effekte dürfen nicht von der Story ablenken. Die Story ist Pixars Heiligtum. Ideen werden jahrelang ausschliesslich inhouse entwickelt und münden dann in so sprühend kuriosen Filmen wie «Inside Out» über die emotionalen Turbulenzen im Kopf einer 11-Jährigen.

Regisseur Brad Bird. Bild: Alex Kang / Disney

Eine spezielle Herausforderung wurde in «Incredibles 2» Effekt-Supervisor Bill Watral zuteil, der eine Superkraft von Baby Jack-Jack designte: Der Winzling fängt Feuer, wenn er nicht kriegt, was er will. «Es gibt viele Arten von Flammen», erklärt Watral, «aber ich musste aufpassen, dass das süsse Baby nicht plötzlich aussieht wie Chucky, die Mörderpuppe.» Man habe mit Dutzenden brennenden Babys und ebenso vielen glühenden Augen experimentiert. «Das Ziel war, es Jack-Jack von innen heraus lodern zu lassen, die Flammen als Ausdruck seiner Kraft zeigen, wobei der unterhaltende Grundton des Films beibehalten werden musste.» Das funktioniert im Kino. Man kann sich höchstens fragen, warum Jack-Jacks Windel nicht brennt. «Da haben wir geschummelt», gibt Watral zu. «Wir fanden keine Lösung.»

Ein Glück, muss man fast sagen. Denn so erscheinen die Perfektionisten bei Pixar, die selbst edelste Möbelstücke bewusst nicht zu perfekt aussehen lassen, wieder menschlich. Fehler darf man sich trotzdem keine erlauben. «Fail fast», lautet das Motto. Irre dich schnell, denn Zeit ist knapp, und Animationsfilme sind etwas vom Aufwendigsten, das es gibt. Kein Zufall, dass man hier immer wieder denselben Satz hört: «We built it from scratch.» Wir haben bei null angefangen. Mit dem Unterschied, dass man sich heute nicht mehr den Kopf zerbrechen muss, ob etwas technisch machbar ist. «Davon konnten wir beim ersten ‹Incredibles›-Film nur träumen», sagt Brad Bird. «Mehr als eine kleine Zahl von Menschen und Autos aufs Mal schafften die Computer nicht. Wir hatten kaum mehr Rechenpower als in meinem aktuellen Smartphone.»

«Incredibles 2»: ab 27. 9. im Kino. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.09.2018, 21:33 Uhr

Artikel zum Thema

#MeToo: Pixar-Mitbegründer tritt zurück

Walt Disney's Animationschef John Lasseter hat Fehlverhalten gegenüber Mitarbeitenden eingeräumt. Er will sein Amt bis Ende Jahr niederlegen. Mehr...

Attraktive Frauen wurden von ihm ferngehalten

Pixar-Chef John Lasseter ist die einflussreichste Figur in der Animationsfilmbranche. Nun kündigte er eine Auszeit an, um eine «bessere Führungspersönlichkeit» zu werden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder 733. Caption Competition

History Reloaded Der missverstandene Imperialist

Die Welt in Bildern

Trägt ein aufwändiges Kostüm: Ein maskierter Mann posiert bei einer Kundgebung des senegalesischen Präsidenten in Dakar für Fotografen. (21. Februar 2019)
(Bild: MICHELE CATTANI) Mehr...