«Übertreibungen sind in der Krebsforschung verbreitet»

Die Entwicklung von Krebsimmuntherapien stagniert. Wie soll es weitergehen? Der Leiter der Onkologie bei Novartis ordnet ein.

«Wir nehmen die Menschen auf eine konstante Achterbahnfahrt mit»: Krebsforscher Jeff Engelman. Bild: Basil Bornand/13 Photo

«Wir nehmen die Menschen auf eine konstante Achterbahnfahrt mit»: Krebsforscher Jeff Engelman. Bild: Basil Bornand/13 Photo

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Der diesjährige Nobelpreis für Medizin hat die Krebsimmuntherapie ins Rampenlicht gerückt. Die neuartige Behandlung mit sogenannten Checkpoint-Inhibitoren elektrisiert seit einigen Jahren die Onkologen und führt immer wieder zu beeindruckenden Behandlungserfolgen. Jeff Engelman ist seit 2016 Leiter des Bereichs Onkologie an den Novartis Institutes for Biomedical Research (NIBR) und forschte davor am Massachusetts General Hospital in Boston, das der Harvard University angegliedert ist.

Trotz Nobelpreis für die Immuntherapie: Täuscht es oder ist bei den Krebsmedizinern der anfängliche Enthusiasmus wieder etwas verflogen?
Die Wirkung der neuen Checkpoint-Inhibitoren war für alle unerwartet stark und sehr bemerkenswert. Wir hofften, noch aktivere Wirkstoffe aus dieser Medikamentenklasse zu finden. Doch das ist bis jetzt nicht gelungen. Auch dass bei der Mehrheit der Krebspatienten die Krankheit zurückkommt, auch wenn sie anfangs auf Checkpoint-Inhibitoren ansprechen, ist ernüchternd.

Sind keine neuen Wirkstoffe dieser Klasse in Sicht?
Unternehmen führen weltweit zahlreiche klinische Studien dazu durch, auch Novartis. Aufgrund der veröffentlichten Daten scheinen die getesteten Medikamente jedoch nicht sehr wirksam zu sein. Was nicht heissen will, dass dereinst vielleicht nicht doch noch ein besonders aktiver Wirkstoff gefunden werden könnte.

«Meine grösste Sorge ist, dass wir das Vertrauen der Menschen verlieren.»

Beim Krebs folgt der Euphorie über neue Therapieansätze seit Jahren zuverlässig die Ernüchterung. Wieso geschieht dies immer wieder von neuem?
Übertreibungen sind in der Krebsforschung verbreitet. Daran sind alle schuld, Wissenschaftler, Ärzte, Patienten, Medien. Es ist auch nicht einfach, den Fortschritt angemessen zu beschreiben. Denn der ist trotz allem bedeutend. Vielen Patienten geht es heute besser als vor 20 Jahren. Beim Lungenkrebs zweifellos. Dort lebt eine beachtliche Zahl von Menschen heute deutlich länger. Als Akademiker, nicht als Novartis-Forscher, ist meine grösste Sorge jedoch, dass wir das Vertrauen der Menschen verlieren, die eigentlich auf uns zählen. Wir nehmen sie auf eine konstante Achterbahnfahrt mit, statt die Dinge nüchtern zu erklären.

Hat die derzeitige Stagnation damit zu tun, dass alle Pharmafirmen auf die gleichen Medikamente setzen, statt neue Ansätze zu entwickeln?
Ja und nein. Es gibt eine beträchtliche Überlappung bei den Ansätzen, die derzeit verfolgt werden. Das ist fraglos so. Es herrscht daneben aber eine unglaubliche Lebendigkeit bei Biotechfirmen, die brandneue Ideen verfolgen.

Novartis ist bei den Checkpoint-Inhibitoren eher spät dran und versucht nun, einen eigenen zur Zulassung zu bringen. Braucht es den noch?
Novartis braucht einen eigenen Checkpoint-Inhibitor, um neue Ideen und Kombinationen zu testen. Wir wollen dabei nicht einfach eine Kopie eines bestehenden Wirkstoffs entwickeln. Unser Inhibitor ist nicht als Einzelmedikament in einer Zulassungsstudie, sondern in einer neuen Kombination mit einer sogenannten Targeted Therapy, die beim Hautkrebs zum Standard gehört.

Sind solche kombinierten Therapien die Zukunft?
Ja. Es zeigt sich immer wieder, wie schwierig es ist, Krebs lange Zeit unter Kontrolle zu halten. Um zu einer Verbesserung zu kommen, müssen wir mehrere Ansätze kombinieren. Das wird derzeit in vielen Studien versucht. Wenn zwei Medikamente alleine gut wirken, ist es eine gute Idee, beide zusammenzubringen – solange es keine Probleme mit der Toxizität gibt.

«Es ist wichtig, dass Therapien einen Preis erhalten, der ­bezahlt werden kann.»

Und es zahlbar ist.
Absolut. Es ist wichtig, dass diese Kombinationstherapien einen Preis erhalten, der von der Gesellschaft bezahlt werden kann. Ich sage das allerdings als Laie, über Preisgestaltungs-Strategien weiss ich nicht Bescheid.

Sie können bei Novartis bei den Preisen nicht mitreden, denken aber sicher darüber nach.
Ich spreche mit meinen Kollegen darüber, um zu erfahren, was für Implikationen Entwicklungen wie Kombinationstherapien haben könnten. Aber letztlich möchte ich Medikamente entwickeln, die funktionieren. Ich verlasse mich auf meine Kollegen, diese dann so vielen Patienten wie möglich zugänglich zu machen.

Noch teurer ist die CAR-T-Zell-Therapie. Novartis hat als erste Firma eine Zulassung für die Behandlung einer seltenen Form von Blutkrebs erhalten. Wird es eine Nischen-Therapie bleiben?
Es wird in Zukunft sicher noch weitere, breitere Anwendungen geben. Wie breit, ist offen. Es gibt jedenfalls grosse Anstrengungen in dem Bereich. Wenn mit CAR-T nicht nur Blutkrebs, sondern auch feste Tumore behandelt werden sollen, kommen zusätzliche Herausforderungen hinzu. Aber es lohnt sich sicher, das ernsthaft zu untersuchen.

Novartis will jeden achten Arbeitsplatz in der Schweiz streichen. Inwiefern ist Ihr teilweise in Basel angesiedelter Forschungsbereich tangiert?
Er ist von den Umstrukturierungen in der Schweiz nicht betroffen.

Bevor Sie zu Novartis kamen, waren Sie Forscher am Massachusetts General Hospital. Wie war der Wechsel?
Es war hart, aber auch aufregend. Ich vermisse die Menschen, mit denen ich sehr eng zusammengearbeitet habe, und den Patientenkontakt. Dieser war nicht sehr häufig. Doch es erfüllt einen, wenn man jemandem direkt helfen kann. In der Forschung ist dies nicht so unmittelbar spürbar. Novartis ist aber ein guter Ort, wo Forschung in etwas umgesetzt wird, was Patienten wirklich helfen kann.

An der Uni hatten Sie sicher mehr Freiheiten.
Die NIBR-Forschungszentren sind eine besondere Umgebung, wie es sie meines Erachtens in anderen Unternehmen selten gibt. Wir versuchen hier das Gleichgewicht zwischen der Entwicklung von neuen Medikamenten und dem Erkunden neuer biologischer Zusammenhänge zu halten. Wir wollen Neues. Und das findet man nur, wenn man spielen kann, ohne vorher zu wissen, ob etwas dabei rauskommt.

Am Ende müssen Sie dennoch Resultate liefern.
Diesen Druck gibt es natürlich. Aber eben, wir versuchen, die Balance zu halten. Wenn wir dann das Gefühl haben, ein gutes Medikament entwickelt zu haben, versuchen wir, so schnell wie möglich damit zu den Patienten zu kommen. Drei oder vier Monate früher kann für Krebskranke über Leben und Tod entscheiden.

Dann begrüssen Sie das verkürzte Zulassungsverfahren für aussichtsreiche Arzneimittel in den USA, das zusätzlich beschleunigt werden soll?
Ich finde es gut, wenn Patienten möglichst rasch Zugang zu solchen Krebsmedikamenten haben. Grundlage für eine beschleunigte Zulassung sind spektakuläre Studiendaten und keine oder nur seltene schwere Nebenwirkungen. Solche Informationen hat man bereits nach rund hundert Patienten. Dann kann es tatsächlich sinnvoll sein zu sagen: Ich brauche keine weitere grosse Studie, um zu sehen, dass das funktioniert. Die Hürden dafür sind immer noch sehr hoch.

Besteht nicht die Gefahr, dass Patienten wegen unausgereifter Therapien die letzten Wochen ihres Lebens auf der Intensivstation verbringen statt zu Hause mit den Angehörigen?
Das kann aber auch bei Medikamenten passieren, die schon jahrelang auf dem Markt sind. Dieses Risiko gibt es. Deshalb muss jeder neue Wirkstoff einzeln beurteilt werden. Die Patientenperspektive sollte immer unser Leitprinzip sein. Es geht nicht um Geld. Es geht um die Frage: Was ist fair für die Patienten? (SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.10.2018, 17:28 Uhr

Neue Ideen gegen Krebs

Neue Therapien verändern derzeit die Krebsbehandlung. Soeben mit dem Nobelpreis geehrt wurde die Immuntherapie mittels Checkpoint-Inhibitoren. Diese blockieren sogenannte Checkpoints (zum Beispiel CTLA-4, PD-1) und ermöglichen es dem Immunsystem so, Krebszellen zu bekämpfen. Das erste Medikament kam 2011 auf den Markt. Etwas älter ist die ­Targeted Therapy. Hier binden ­Moleküle gezielt an Strukturen von Tumorzellen und stören so etwa deren Wachstum. Bei der CAR-T-Zell-Therapie werden Immunzellen eines Patienten genetisch so verändert, dass sie Krebszellen bekämpfen. Novartis erhielt 2017 die erste Zulassung für eine seltene Form der Leukämie. Die Behandlung kostet 450'000 Franken.

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