«Bonus für das Versagen»

Die Managerlöhne überborden wieder, auch wenn es den Firmen schlecht läuft. Die SP droht mit einer neuen Initiative.

CS-Chef Tidjane Thiam (links) verdient 12,7 Millionen, ein Plus von 30 Prozent. Und Sergio Ermotti ist mit 14,1 Millionen der bestbezahlte Schweizer Bankmanager. Fotos: AFP/Getty Images

CS-Chef Tidjane Thiam (links) verdient 12,7 Millionen, ein Plus von 30 Prozent. Und Sergio Ermotti ist mit 14,1 Millionen der bestbezahlte Schweizer Bankmanager. Fotos: AFP/Getty Images

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Nach dem Absturz kam die Demut: 2006, auf dem Höhepunkt der Abzockerdiskussion, liessen sich die Chefs der grössten Schweizer Unternehmen Fantasielöhne auszahlen. Daniel Vasella von Novartis kassierte 44 Millionen, Marcel Ospel von der UBS 27 Millionen und Franz Humer von Roche 16,5 Millionen Franken. Bei den Grossbanken wurde nicht nur ganz zuoberst zugelangt, bei UBS und Credit Suisse verdiente die ganze Konzernleitung im Schnitt mehr als 18 Millionen Franken.

Dann kam die Finanzkrise, und die Chefs übten sich in Bescheidenheit. Es gab Lohnverzicht, und Gehälter über 10 Millionen waren bald ebenso selten wie verpönt. Spätestens nachdem 2013 die Abzocker-Initiative des Schaffhauser Unternehmers Thomas Minder angenommen wurde, war Mässigung angesagt.

Doch damit ist es vorbei: Humers Nachfolger Severin Schwan verdient mit gut 15 Millionen fast so viel wie sein Vorgänger. Aber immerhin erzielte er einen Gewinnsprung von 23 Prozent, erhöhte den Gewinn auf 11 Milliarden Franken, und der Roche Genussschein stieg um 23 Prozent.

Ganz anders bei den beiden Grossbanken. Deren Chefs, Tidjane Thiam und Sergio Ermotti, verdienen mit 13 beziehungsweise 14 Millionen Franken fast gleich viel wie Schwan, ihre Aktien brachen aber um einen Viertel ein. Mit 2 respektive 4 Milliarden erzielten ihre Banken auch nur einen Bruchteil des Gewinns von Roche.

Im internationalen Vergleich erscheint die Vergütung der beiden Schweizer Banker ebenfalls sehr hoch. Mit rund sechs Millionen Franken verdiente HSBC-Chef John Flint nicht einmal die Hälfte. Der Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing bekam ein Gesamtgehalt von knapp 8 Millionen Franken. Am Freitag machte die Credit Suisse öffentlich, dass ihr Chef eine Gehaltserhöhung von 30 Prozent bekommt. Dies, weil sie angeblich erfolgreich saniert wurde. Ein Blick in die Konzernbuchhaltung zeigt etwas anderes. Laut Segmentrechnung macht die Credit Suisse Schweiz mit 2,1 Milliarden Franken praktisch den ganzen Reingewinn alleine. Die Investmentbank und der Auslandteil bringen unter dem Strich bis heute praktisch nichts. Eine erfolgreiche Sanierung sieht anders aus.

Nicht gesund ist auch die Bank Julius Bär. Der Lohn des Chefs Bernhard Hodler stieg ebenfalls um 30 Prozent, während der Aktienkurs etwa in der gleichen Grössenordnung fiel. Bei Bär drücken vor allem die Rechtsrisiken , auf den Kurs, für die Hodler früher direkt verantwortlich war.


Leistung und Löhne bei Banken klaffen auseinander


Noch weniger als Thiams und Hodlers Lohnsprung ist Ermottis Vergütung zu verstehen. Im Februar urteilte ein Gericht in Frankreich anders über ihre Vergangenheit, als sich die UBS erhofft hatte. Die Busse von 5,1 Milliarden Franken führte drei Wochen später zu einer Korrektur des Gewinns um 400 Millionen Franken nach unten. Damit rächt sich der harte Kurs der Bank gegenüber der Justiz in Frankreich. Doch hätte die UBS in einen Vergleich eingewilligt und eine Busse von einer Milliarde bezahlt, hätte das Folgen für den Jahresabschluss und eben auch für den Bonus gehabt.

So werden es die Nachfolger ausbaden müssen. Verantwortlich sind Präsident Axel Weber, Sergio Ermotti und Rechtschef Markus Diethelm. Alle drei betonen zwar, dass man den Fall gewinnen werde. Keiner der drei überweist jedoch seinen Bonus auf ein Sperrkonto und lässt sich ihn erst auszahlen, wenn der Sieg Realität ist.

«Im Fall der UBS ist es nicht einzusehen, warum die Busse in Frankreich nicht in die Berechnung des Lohns von Herrn Ermotti einbezogen wurde», sagt Vincent Kaufmann, Chef der Anlagestiftung Ethos. «Bis das Verfahren durch die Instanzen gefochten ist, geht es noch ein paar Jahre , dann ist es im Fall einer Niederlage zu spät, die ungerechtfertigten Boni wieder einzuziehen.»


Toplöhne vor der Abzockerinitiative


Bei der UBS kam vergangene Woche die Ankündigung hinzu, dass das erste Quartal sehr schlecht läuft. Die Erträge der Investmentbank gingen um einen Drittel zurück, sagte Ermotti an einer Finanzkonferenz von Morgan Stanley. Ganz nebenbei wurde ein Sparprogramm von 300 Millionen Franken aus dem Hut gezaubert, und Ermotti kündigte in einem Nebensatz an, dass das Aktienrückkaufprogramm entschleunigt werde.

Vincent Kaufmann: «Die UBS und die Credit Suisse sollten ihre Aktienrückkaufsprogramme stoppen.» Dass sie das bisher nicht tun, hat laut Kaufmann einen Grund: «Die Aktienrückkaufsprogramme dienen nur dazu, die Eigenkapitalrendite und damit den hohen Lohn der Manager zu unterstützen.»

Damit spielt Kaufmann auf die Tatsache an, dass sich die Rendite des Eigenkapitals und somit der Lohn des Konzernchefs auch bei gleich bleibendem Gewinn steigern lässt, wenn ein Unternehmen Aktien zurückkauft. «Mich erinnert das an die Situation von 2007. Auch damals wurden hohe Löhne ausbezahlt und das Eigenkapital heruntergefahren.»

Kaufmann kritisiert, dass auch bei der Bank Bär die Vergütungen sehr hoch sind. Zudem sei der Zuteilungsplan für Aktien so, dass die Manager in drei Jahren selbst dann Aktien bekommen, wenn ihre Aktien 22 Prozent schlechter laufen als die der Konkurrenz. «Bonus für das Versagen nennen wir das», sagt Kaufmann. «Bei der UBS ist es noch schlimmer, dort hat die Aktienrendite gar keine Auswirkung auf den Bonus.» Das alles wird wohl dazu führen, dass Ethos die Vergütungsberichte der Grossbanken ablehnt. Kaufmann: «Wir haben noch nie Entschädigungen von über 10 Millionen Franken akzeptiert».

Politische Linke droht mit zweiter 1:12-Initiative

Auch bei kleineren Firmen kommt es zu Lohnexzessen auf der Chefetage. Vor zwei Wochen wurde bekannt, dass Ernst Tanner als exekutiver Verwaltungsratspräsident des Schokoladeherstellers Lindt & Sprüngli für das vergangene Jahr gut 4 Millionen Franken erhielt. Tanner verdient damit mehr als sein eigener Konzernchef – und mehr als der Präsident des 20-mal grösseren Nahrungsmittelkonzerns Nestlé, Paul Bulcke. Dieser gibt sich mit 3,5 Millionen Franken zufrieden. Tanners hohe Vergütung stösst auf Kritik von Aktionärsvertretern.

Ernst Tanner, Präsident von Lindt & Sprüngli, erhält mit gut 4 Millionen Franken mehr als der Präsident der 20-mal grösseren Nestlé. Foto: Keystone

Wegen ihres Lohn in der Kritik steht auch Suzanne Thoma, die Chefin des Berner Stromkonzerns BKW. Sie verdiente im vergangenen Jahr mehr als 2 Millionen Franken, wie diese Woche bekannt wurde. Das ist so viel wie der siebenköpfige bernische Regierungsrat zusammen. Gegenüber dem Vorjahr stieg Thomas Lohn um mehr als 50 Prozent. Politiker von links bis rechts kritisieren die Höhe ihres Gehalts. Dies, weil der Kanton Bern Hauptaktionär der BKW ist.

Suzanne Thoma, Chefin des Stromherstellers BKW, verdient mit 2 Millionen so viel wie alle sieben Berner Regierungsräte zusammen. Foto: Fabian Hugo / 13 Photo

Um Lohnexzesse zu stoppen, droht SP-Nationalrat Cédric Wermuth eine zweite 1:12-Initiative an. Vor gut fünf Jahren war ein Volksbegehren der Jungsozialisten abgelehnt worden, das forderte, dass niemand mehr als zwölfmal soviel verdienen darf wie die schlechtestbezahlten Mitarbeiter im selben Unternehmen. Nun sagt Wermuth: «Eine Neuauflage der 1:12-Initiative ist nicht ausgeschlossen.» Entsprechende Gespräche mit Vertretern von SP, Grünen und weiteren Vertretern der politischen Linken seien bereits am Laufen. Wermuth: «Für mich ist klar, dass wir die Frage der Lohnunterschiede wieder prominent aufs Tapet bringen müssen.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 23.03.2019, 21:09 Uhr

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