Miserable Mundhygiene in Pflegeheimen

Die Mundgesundheit von Betagten ist meist «schlecht bis sehr schlecht» – das hat mitunter fatale Folgen.

So liessen sich Komplikationen vermeiden: Eine Prophylaxe-Assistentin besucht eine Seniorin und entfernt Plaque und Zahnstein

So liessen sich Komplikationen vermeiden: Eine Prophylaxe-Assistentin besucht eine Seniorin und entfernt Plaque und Zahnstein

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Verfaulte Zähne, übersät mit Plaque, einem weisslich filzigen Belag, und unter den Prothesen vermoderte Speisereste. «Es war schlimm», erinnert sich Sila Clavadetscher. Während ihrer Ausbildung zur Dentalhygienikerin besuchte sie Demente in einem Schweizer Alters- und Pflegeheim. Was sie dort antraf, schockierte sie.

Fast immer können betagte Menschen ihre Zähne und Prothesen nicht mehr selber putzen. Vom Pflegepersonal wird das aber wegen Unwissen oder wegen Zeitmangel häufig nicht wahrgenommen – mit teilweise schwerwiegenden Folgen für die Betroffenen: Geraten Kariesbakterien in die Lunge, kann es zur Lungenentzündung kommen.

«Die Mundgesundheit von Betagten ist schlecht bis sehr schlecht.»Giorgio Menghini

Giorgio Menghini von der Klinik für Präventivmedizin des Zentrums für Zahnmedizin der Universität Zürich kennt die Missstände. Er hat über 500 Senioren in verschiedenen Pflegezentren untersucht. Sein Fazit: «Die Mundgesundheit von Betagten ist schlecht bis sehr schlecht.» Nur fünf Prozent aller Bewohner haben saubere Zähne. Jeder zweite hat nicht behandelte Löcher, bei drei Vierteln lagert auf Prothesen Plaque und Zahnstein.

Im Fokus stand bis jetzt die Zahngesundheit von Kindern und Jugendlichen, ältere Menschen gingen schlicht vergessen. «Doch das Beispiel der Kinder verdeutlicht, was mit täglichem Zähneputzen möglich ist», sagt Menghini. Trotz Soft- und Energydrinks habe sich bei ihnen der Kariesbefall um 90 Prozent reduziert. Mehr als 60 Prozent der 12-Jährigen haben keine Löcher, bei den Jüngeren sind es noch mehr.

Mit Medikamenten ruhiggestellt statt Zähne geputzt

Gemeinsam haben kleine Kinder und Pflegebedürftige, dass sie Hilfe bei der Mundhygiene brauchen. Erhalten sie diese nicht, ist das fatal. Befragungen des Bundesamtes für Statistik haben ergeben, dass fast jeder zweite Heimbewohner Mühe beim Kauen, Schmerzen im Mund oder sonst Probleme beim Essen hat. «Weil viele Betroffene dement sind, können sie aber nichts sagen und erhalten stattdessen einfach Medikamente», sagt Menghini.

Ist die Unterlassung so schlimm, dass es zu Infektionen kommt, müssen die Betagten schliesslich notfallmässig mit dem Krankenwagen zur Zahnklinik gefahren werden. Das verursacht nicht nur hohe Kosten, sondern ist auch für die Menschen im hohen Alter belastend. Menghini ist überzeugt: «Das wäre alles nicht nötig, wenn sie die Hilfe bekämen, die ihnen zusteht.»

Elsbeth Luginbühl ist Geschäftsführerin von Concret, sie überprüft Heime und vergibt Zertifikate für Pflegequalität. Sie sagt: «Mundhygiene gehört zur allgemeinen Körperpflege und ist somit Pflicht im Pflegealltag.» Doch auch Luginbühl stellt fest: Die Zähne gehen gern unter. Morgens und abends muss es oft schnell gehen. Waschen, anziehen, eventuell Essen geben – und schon geht es ins nächste Zimmer. «Daher ist es zentral, dass die Pflegenden gut instruiert sind, dass dokumentiert ist, was bei den einzelnen Bewohnern zu tun ist, und dass die Stationsleitung dies auch überprüft.»

Einmal pro Tag die verbliebenen Zähne bürsten

Luginbühl geht davon aus, dass sich die Problematik in den Pflegeheimen noch verschärfen wird. Denn die Pflege der Zähne wird komplexer. So haben heute immer mehr ältere Menschen noch eigene Zähne. Und viele haben die Lücken mit Implantaten gefüllt. Dadurch steigt die Häufigkeit und Schwere von Karies und Entzündungen. Denn die Pflege von Implantaten erfordert Kenntnis. Der Zahnersatz kann nicht wie ein künstliches Gebiss einfach herausgenommen und geputzt werden.

Die Schweizerische Zahnärzte-Gesellschaft hat deshalb unter der ­Leitung von Präventivmediziner Menghini eine Anleitung zur zahnmedizinischen Betreuung im Pflegeheim erarbeitet. So sollen Pflegende den Bewohnern mindestens einmal pro Tag die verbliebenen Zähne bürsten. Und wenn das nicht geht, dann zumindest einmal pro Woche mit einer hoch dosierten Fluorid-Zahnpasta. Zudem besuchen alle zwei, drei Monate Prophylaxe-Assistentinnen die Institutionen. Sie entfernen bei den Heimbewohnern Plaque und Zahnstein, und sie kontrollieren und schulen die Pflegenden. «Damit wären 80 Prozent der Zahnkomplikationen zu verhindern», sagt Menghini. Einen Zahnarzt oder eine Dentalhygienikerin brauche es nur selten.

Behandlungen gehen rasch ins Geld

In Zürich arbeiten mittlerweile alle städtischen Pflegezentren nach diesem Standard, und es kommen laufend neue dazu. Eines davon ist das Pflegezentrum Bruggwiesen in Effretikon ZH. «Auch wir hatten uns in der Vergangenheit zu wenig auf die Mundhygiene fokussiert», sagt Heimleiterin Margrit Lüscher. Die Erfahrungen im Alltag zeigen aber: Der Aufwand lohnt sich. «Die oralen Verhältnisse der Patienten sind seither deutlich besser.»

Die Kosten für zahnärztliche Behandlungen gehen rasch ins Geld. Insgesamt beliefen sich die Zahnkosten letztes Jahr auf vier Milliarden Franken. Die Krankenkassen zahlen nur selten, zeigt eine Auswertung der Helsana. Zahlen müssen die Behandlungen die Patienten fast immer selber. Bei einkommensschwachen Pensionierten, die nicht in der Lage sind, die Rechnung zu bezahlen, evaluieren die Stellen für Ergänzungsleistungen (EL) eine Vergütung. Die EL der Stadt Zürich hat extra eine Vertrauenszahnärztin damit beauftragt, geplante teure Eingriffe zu überprüfen. Denn gewisse Zahnärzte haben die ältere Klientel für sich entdeckt und versuchen nicht selten, bei den dritten Zähnen Luxuslösungen zu verkaufen. «Wir bezahlen aber nur, was einfach, wirtschaftlich und zweckmässig ist», sagt Ernst Reimann, Direktor des Amts für Zusatzleistungen der Stadt Zürich.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.01.2019, 08:24 Uhr

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