Liebe auf den ersten Blick

Der beste Film des letzten Jahres kommt ins Kino: «If Beale Street Could Talk» nach James Baldwin.

Bist du bereit für das? KiKi Layne als Tish, Stephan James als Alonzo Hunt, genannt Fonny. Foto: Tatum Magnus/Annapurna Pictures

Bist du bereit für das? KiKi Layne als Tish, Stephan James als Alonzo Hunt, genannt Fonny. Foto: Tatum Magnus/Annapurna Pictures

Matthias Lerf@MatthiasLerf

Die ersten Bilder sind fast zu schön. Ein Paar spaziert durch den herbstlichen Park, sattes Gelb, coole Musik und eine ausgeklügelte Kamera, die die Protagonisten von oben erfasst. Dann gehen wir nahe ran. «Bist du bereit für das?», fragt sie. Er: «So bereit war ich noch nie.»

Oh ja, wir sind bereit für «If ­Beale Street Could Talk». Das ist der neue Film von Barry Jenkins, dem Regisseur, der mit «Moonlight» vor zwei Jahren dem Musical «La La Land» den Oscar weggeschnappt hatte. Das tat er mit einer in drei Episoden erzählten harschen Studie über einen jungen Schwarzen, der seinen Weg und seine sexuelle Identität sucht. Auch sie enthielt poetische Passagen. Aber die erste Szene des neuen Films ist so elegant, so altmodisch, so nahe am Kitsch . . .

Offizieller Trailer zum Film «If Beale Street Could Talk». Video: Youtube/Annapurna Pictures

Halt. Schnitt. Plötzlich sind wir raus aus der Herbstidylle. Der Mann – er heisst Alonzo, aber alle nennen ihn Fonny – ist jetzt im Gefängnis. War er für die Haft bereit, in der Frage vom Anfang, und nicht für die Liebe? Die Frau – die 19-jährige Tish – sitzt als Besucherin auf der anderen Seite der Glasscheibe. Die Rede ist von einem Kind, das sie erwartet. Und davon, dass sie ihn rausholen will, bevor das Baby auf der Welt ist.

Sie lieben sich, auch getrennt durch die Scheibe, das sieht man in jedem Blick der Hauptdarsteller KiKi Layne und Stephan James. Zur Bekräftigung halten sie zum Abschied die Hände aufs Glas. Aber bevor das filmisch richtig ausgekostet ist, gibt es einen weiteren harten Schnitt. Es folgen Schwarzweissfotos über die schauerlichen Haftbedingungen schwarzer Gefängnisinsassen in den USA. Dazu ein Kommentar, fein gedrechselt und doch knallhart. So, wie ihn nur James Baldwin schreiben kann.

Der erste englischsprachige Spielfilm nach James Baldwin

«If Beale Street Could Talk» ist die erste englischsprachige Kinoadaption eines Werkes des grossen amerikanischen Schriftstellers (1924–1987). Der Franzose Robert Guédiguian drehte zwar 1998 «Die Farbe des Herzens» nach James Baldwin. Aber sonst haben sich seine Nachlassverwalter stets dagegen gesträubt, Filmrechte zu vergeben. Das ist rückwirkend fast ein Glück, als hätte da jemand auf Barry Jenkins gewartet. Der hält sich einerseits sehr genau an die Vorlage (musste er auch, sonst hätte er die Geschichte niemals verfilmen dürfen). Aber er erzählt eben äusserst filmisch – manchmal scheint die Kamera minutenlang nur das Gesicht der Protagonisten zu betrachten.

Bissig-komödiantische Szenen in der Familie

Natürlich denkt man an Werke anderer, Wong Kar-Wai zum Beispiel; dieser Film könnte ebenso gut «In the Mood for Love» heissen, wie das Meisterwerk des Regisseurs aus Hongkong. Aber auch Douglas Sirk kommt einem in den Sinn, der in seinen Melodramen aus den Fünfzigerjahren wie «All That Heaven Allows» politische Geschichten erzählte, indem er das private Glück seiner Protagonisten ins Zentrum stellte. Das ist auch bei Barry Jenkins so: Es gibt die Liebe zwischen Fonny und Tish. Aber es gibt die Aussenwelt in diesem Harlem der Siebzigerjahre, in dem der Film spielt (die Romanvorlage erschien 1974). Und es fallen Sätze wie: «Jetzt verstehe ich Malcolm X, der sagte, der weisse Mann muss der Teufel sein.»

Politik. Liebe. Aber es gibt auch die Familie. Ein früher Höhepunkt des Films ist, wie Tish zu Hause die Nachricht ihrer Schwangerschaft überbringt. Zuerst der Mutter (wunderbar: Regina King, die dafür für einen Oscar nominiert wurde). Dann der Schwester, dem Vater. Und schliesslich der Familie ihres Partners, die teilweise entsetzt reagiert. Hier wechseln sich Beschimpfungen, Zärtlichkeiten, derbe Witze im Sekundentakt ab. Und zwar so virtuos inszeniert, dass man sich spätestens jetzt in diese Leinwand-«Beale Street» verlieben muss. Es ist der beste Film des Produktionsjahrs 2018. Und mit der fulminanten Vielpersonenszene beginnt er erst richtig.

Gut, Liebe macht blind. Aber auch dieses Gefühl bezieht der Film mit ein. Nach vielen überraschenden Wendungen gibt es eine Schlussszene, die dem nostalgischen Anfang entgegensteht. Sofort wird klar: Da wurden Kompromisse eingegangen, das musste sein, um in der Gesellschaft überleben zu können. Der Alltag hat also auch diese Liebe eingeholt. Aber es ist etwas entstanden, das Bestand haben könnte. Nennen wir es Happy-End.

«If Beale Street Could Talk»: ab 14. Februar in den Kinos

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