Jede Rolle ein Treffer

Max Hubacher spielt den schwulen Fussballer in «Mario». Und die Hauptrolle in drei weiteren Filmen. Dabei steckt er noch mitten in der Ausbildung als Schauspieler.

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Er dribbelt. Er rennt. Er küsst einen Mitspieler. Max Hubacher steht als Mario ganz im Zentrum des gleichnamigen Films. Er spielt das grossartig. Aber zur Premiere letzte Woche an den Solothurner Filmtagen durfte er nicht kommen. Kein Urlaub in Leipzig. Denn ja, der Stürmerstar aus «Mario» geht noch zur Schule.

«Für jede Abwesenheit muss ich einen Urlaubsschein ausfüllen», erzählt der 24-Jährige drei Tage nach der Premiere in Solothurn, wohin er zur zweiten Vorstellung doch noch anreisen konnte. Er ist im vierten Jahr an der Schauspielschule Leipzig, hat dort einen Praktikumsvertrag am Theater und stand während der «Mario»-Premiere in «König Ubu» auf der Bühne. Seine Ausbildung ist im Sommer zu Ende, aber bis dann gibt es keine Extra-Abwesenheiten mehr. Dieses Konto hat er im letzten Jahr strapaziert, als er nicht weniger als vier Filme und eine Fernsehserie drehte.

Ermöglicht hat ihm dies eine Ausnahmeregelung der Schule, die es ihm nach zwei Jahren Unterricht erlaubte, nicht – wie vorgesehen – auf der Leipziger Bühne praktisch zu arbeiten, sondern im Film. Was ihn sofort in zwei Welten katapultierte: «Für eine Premiere war ich am Filmfestival von San Sebastian, wo mir Fans zujubelten und meinen Namen riefen», erzählt Max Hubacher, «dann war ich wieder zurück an der Schule, wo dir in den Arm gekniffen wird, wenn du ‹kommen› nicht richtig aussprichst.»

Für den «Verdingbub» gabs den Schweizer Filmpreis

Die Frage ist schon, wieso Hubacher sich das antut, schliesslich war er bereits vor der Schule seinem Traum, Schauspieler zu werden, äusserst nahe: Seit frühster Kindheit spielt er Theater, zuerst in einem Ferienprojekt auf dem Schützenweg-Spielplatz im Berner Breitenrainquartier, wo er aufwuchs, dann in ambitionierteren Truppen. 2010 hatte er seine erste Filmhauptrolle in «Stations­piraten», wo er als fussballverrückter Krebskranker überzeugte. Ein Jahr später war er die Titelfigur im «Verdingbub» und gewann dafür den Schweizer Filmpreis. Weitere Filmrollen folgten, zum Beispiel die eines autoverrückten Rasers in «Driften».

Aber eben. «Bei diesem Film spürte ich, dass ich noch wahnsinnig viel lernen konnte, aber ich wusste nicht recht, woher ich das nehmen sollte», erzählt Hubacher. Das war für ihn der Moment, sich bei Theaterschulen im deutschsprachigen Raum zu bewerben. Drei davon hätten ihn aufgenommen, er entschied sich für Leipzig: «Alte DDR-Schule, viel Sprecherziehung, es gibt im Wesentlichen nur richtig und falsch. Das ist ­sicher nicht immer ideal, aber für mich war es perfekt.»

Leipzig hat ihm auch in seinem Filmzwischenjahr das Feld geöffnet. Er spielte die Hauptrolle in «Der Hauptmann» aus der Feder des sonst in den USA arbeitenden Regisseur Robert Schwentke. Der Deutsche dreht für Hollywood Dinge wie den Flugzeugthriller «Flightplan» mit Jodie Foster oder die Agentenkomödie «R.E.D.» mit Bruce Willis. Für den Schwarzweissfilm mit Max Hubacher ist er nach Deutschland zurückgekehrt, um – «ein Herzensprojekt von ihm» – die wahre Geschichte des Soldaten Willi Herold zu erzählen, der in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs desertiert, gejagt wird, eine Offiziersuniform findet und sich darin zum Kriegsverbrecher wandelt.

Vom gehetzten Tier zum dekadenten Prinzen – der Film bietet dem Schweizer Schauspieler einen anspruchsvollen Part, in dem er alle Facetten zeigen kann. Erhalten hat er die Rolle in einem normalen Casting, seine Sprachschulung aus Leipzig hat ihm dabei nicht nur geholfen: «Sprich nicht so deutsch!», sei ihm ab und zu zugerufen worden. Worauf er von der erlernten perfekten Aussprache sofort zum Strassendeutsch wechseln konnte, «das ich auch labbern kann».

Bärndütsch dagegen war gefragt in «Lasst die Alten sterben». In diesem Film beeindruckt er mit seiner Wut als Aktivistenkopf einer WG, die alles Moderne über den Haufen wirft und im Stil der revolutionären Achtzigerjahre zu leben beginnt – eine Rolle, in der Hub­achers Improvisationstalent gefragt war und in der er voll aus sich herausgehen konnte. Sehr zurücknehmen muss er sich dagegen in «Der Läufer», einem Drama – wieder nach einem wahren Fall – über einen introvertierten Langstreckenläufer, der Frauen mit einem Messer anfällt. «Diese Dreharbeiten waren eine krasse Zeit, hauptsächlich wegen all des Negativen, das diese Figur verkörpert», sagt Hubacher rückblickend.

Er beherrscht auch das Spiel mit dem Ball

Naziverbrecher, Revoluzzer, Frauenmörder – «danach war ich froh, in ‹Mario› eine normale Liebesgeschichte zu spielen», erzählt der Schauspieler. Ganz ohne Konflikte ist diese allerdings nicht angelegt, der Stürmer verliebt sich darin in einen Mitfussballer, was in diesem Milieu immer noch ein Karriererisiko ist. «Ich habe im Lauf der Recherchen einen einzigen schwulen Fussballer kennen gelernt und darf nicht sagen, wer das ist», sagt Max Hubacher. Zugute kam ihm dabei, dass er nicht nur das Schauspiel, sondern auch dasjenige mit dem Ball beherrscht. Das sind keine Filmtricks, wenn er zum Beispiel ein schön herausgespieltes Volleytor erzielt: «Ich wollte einmal Profifussballer werden. Jetzt habe ich mir das als Schauspieler erfüllen können.»

Max Hubacher weiss mit seinen 24 Jahren genau, was er kann und will. Wenn man ihm sagt, er wähle nur extreme Rollen, erwidert er sofort: «Sagen Sie mir einen Film über einen jungen Menschen, dem es einfach gut geht.» Das ist einleuchtend, ausser in Liebeskomödien gibt es das nicht. Verrechnet hat sich der Schauspieler nur am Ende seines Filmjahres, als er noch ein Engagement in der zweiten Staffel der europäischen Krimiserie «Das Team» annahm, für die er mit Jürgen Vogel und Melanie Winiger in Hamburg ermittelt. Die Dreharbeiten dauerten etwas länger als sein Schulurlaub. Weshalb er sich in Sachen Abwesenheit wirklich gar nichts mehr erlauben kann.

Darum geht es jetzt zurück nach Leipzig, wo er noch ein paarmal auftreten wird. Darunter in «Little Shop of Flowers», einem interaktiven Theater. Und an einem Soloabend nach der Erzählung «Bartleby» des «Moby Dick»-Autors Herman Melville («Uff, so lange Sätze»). Zwischendurch muss er noch die Masterarbeit schreiben (Thema: «Vorbereitung und Spontanität – Wege der Figurenfindung»). Und im Sommer ist er frei.

Frei? Er wird mit Angeboten überschüttet werden. Weiss aber auch hier ziemlich genau, was er will: in einem Stück pro Jahr als Gast Theater spielen. Sonst filmen. «Vielleicht auch mal eine Komödie», sagt er. Und blinzelt dabei aus seinen blauen Augen, die sofort auffallen, wenn man ihm gegenübersitzt.

Aber blauäugig ist Max Hubacher nicht. Sondern ein Mann, von dem man – nicht nur im Filmjahr 2018 – noch viel hören wird.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.02.2018, 18:51 Uhr

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