Ist Speckessen das neue Rauchen?

Studien versprechen ein längeres Leben bei Genuss von Kaffee oder Haselnüssen. Absurd, sagt Epidemiologe John Ioannidis.

Laut Studien vergeht einem mit Speck und Eiern das Lachen früher als ohne. Alles Humbug, sagt nun ein Forscher. Bild: Shuttersock

Laut Studien vergeht einem mit Speck und Eiern das Lachen früher als ohne. Alles Humbug, sagt nun ein Forscher. Bild: Shuttersock

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es muss eine unglaubliche Kraft sein, die in Haselnüssen steckt. Wie anders lässt es sich sonst ­erklären, dass sie uns zwölf Jahre Lebenszeit zu schenken vermögen, wenn wir täglich zwölf von ihnen essen? Wer nicht an Wunderkräfte glaubt, hat seine Zweifel. Doch die Zahl hat nichts mit Zauberei oder Esoterik zu tun. Sie widerspiegelt den aktuellen Stand ernsthafter Ernährungswissenschaft, wie er im vergangenen Jahr in einer Metaanalyse von wichtigen Studien veröffentlicht wurde – allerdings hochgerechnet auf eine Lebenserwartung von 80 Jahren.

Haselnüsse sind dabei nur eines von vielen Beispielen. Drei Tassen Kaffee täglich würden uns ebenfalls das Leben um zwölf Jahre verlängern. Mit einer Mandarine kämen fünf weitere hinzu. Andere Lebensmittel sind hingegen erstaunlich tödlich. Ein Ei täglich müsste unsere Lebenserwartung um sechs Jahre verkürzen, zwei Scheiben Speck um ein Jahrzehnt – mehr als Rauchen.

Berechnet hat diese Zahlen John Ioannidis, weltweit der vielleicht angesehenste Epidemiologe und einer der meistzitierten Wissenschaftler überhaupt. In einem ­Meinungsbeitrag im «Journal of the American Medical Association» (Jama) illustrierte er unlängst, wie absurd die Resultate der Ernährungsforscher oft sind, wenn man sie zu Ende denkt.

Vier von fünf Zutaten sollen krebserregend sein

In Studien haben viele der untersuchten Nahrungsmittel einen markanten Effekt auf die Sterblichkeit. Für den Forscher von der Stanford University in Kalifornien (USA) ist dies nicht plausibel. «Können kleine Unterschiede in Bezug auf Nährstoffe, Lebens­mittel oder Ernährungsmuster das Überleben wirklich ursächlich, ausgeprägt und fast allgegenwärtig beeinträchtigen?», fragt er ungläubig. Klar würden Mangelernährung und Fettleibigkeit die Sterblichkeit negativ beeinflussen. Abgesehen davon ist für Ioannidis jedoch offensichtlich, dass mit den Studien der Ernährungsepidemiologen einiges nicht stimmt, und er fordert: «Das Forschungsfeld muss radikal reformiert werden.»

Kritik und polemische Angriffe sind sich Ernährungswissenschaftler gewohnt. Wenn es ums Essen und Trinken geht, lassen sich die Menschen nicht gern reinreden. Ratgeber und vermeintliche Experten, die jeweils genau das Gegenteil behaupten, finden sich zuhauf. Bei John Ioannidis liegt die Sache jedoch anders. Seine ­Kritik hat Gewicht.

Das eigentliche Forschungs­gebiet des in Athen aufgewachsenen Epidemiologen ist die Forschung selber. Ioannidis analysiert die Qualität von Studien und wie nachhaltig deren Erkenntnisse sind. So wie jetzt um die Ernährungswissenschaft kümmerte er sich unter anderem um die Genetik und die klinische Forschung. Eine seiner meistbeachteten Veröffentlichungen stammt von 2005 und trägt den Titel «Why Most ­Published Research Findings Are False». 2013 untersuchte er 50 häufige Zutaten eines Kochbuchs und kam zum Schluss, dass 40 davon gemäss Studien krebserregend sein müssten. Im Interview mit dem «Tages-­Anzeiger» betonte Ioannidis damals, dass die Risiken schlecht belegt seien, die Menschen durch die Studien jedoch verwirrt würden. «Viele wissen nicht mehr, was die entscheidenden Risiken sind.»

«Ein einzelner Artikel über eine signifikante Wirkung einer Nahrungskomponente mag isoliert betrachtet plausibel erscheinen.»John Ioannidis

Ioannidis kritisiert, dass die Studien von der Machart her kaum je in der Lage sind, komplexe Einflüsse wie die Genetik oder das Verhalten der Menschen auseinanderzuhalten. Vor allem aber stünden die meisten Bestandteile der Nahrung und deren Wir­kungen ohnehin in irgendeiner Form miteinander in Beziehung. Besonders in grossen Datensätzen fänden sich deshalb letztlich zu praktisch allen Nahrungsmittel­variablen sämtliche denkbaren ­Assoziationen – oft ohne dass sie von Bedeutung wären. Jeder kann finden, wonach er sucht.

Nicht nur deswegen zeigen gemäss Ioannidis die veröffentlichten Forschungsresultate ein völlig verzerrtes Bild. Ein anderer Grund sind Langzeitstudien, die Daten von grossen Personengruppen über längere Zeit erfassen. Bei diesen veröffentlichen unterschiedliche Forschungsgruppen oft zu Einzelaspekten immer neue Studien. «Ein einzelner Artikel über eine ­signifikante Wirkung einer Nahrungskomponente mag isoliert ­betrachtet plausibel erscheinen», so Ioannidis. «Er kann aber unhaltbar werden, wenn alle Ergebnisse einbezogen werden.»

Fehlerhafte Empfehlungen können auch schaden

Bedenklich findet Ioannidis auch, dass Forscher sich immer wieder dazu hinreissen lassen, einer Nahrungskomponente eine bestimmte Gesundheitswirkung zuzuschreiben, obwohl die Daten nur eine Korrelation zeigen. Wenn die Forscher tatsächlich Vorbehalte formulieren, gehen sie in den ­Medien oft unter.

Ioannidis macht sich Sorgen: «Die Ernährungswissenschaften haben möglicherweise zu einem negativen Bild der Forschung in der Öffentlichkeit beigetragen.» Und fehlerhafte Empfehlungen könnten die öffentliche Gesundheit schädigen. Ioannidis fordert deshalb, dass Forscher bessere ­Studien durchführen, publizierte Fehler korrigieren und Rohdaten gegenseitig für erneute Analysen zugänglich machen – so, wie dies in anderen Forschungsgebieten ­üblich sei. Die Besten unter den Ernährungswissenschaftlern sollen als gutes Beispiel vorangehen und dafür mit Forschungsgeldern belohnt werden.

Die happigen Vorwürfe stossen in der Schweiz nicht nur auf Ablehnung. Charlotte Weidmann von der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung räumt ein: «Die Aussagekraft von Einzelstudien muss immer kritisch hinterfragt werden.» Beatrice Baumer, Präsidentin der Eidgenössischen Ernährungskommission, findet die Diskussion, die Ioannidis angestossen hat, «zum Teil gerechtfertigt». Die Forscher seien sich der Schwierigkeiten durchaus auch bewusst: «Deswegen werden in jeder Publikation die jeweiligen Vor- und Nachteile des Studiendesigns ­diskutiert.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.09.2018, 21:12 Uhr

Artikel zum Thema

Black Bacon: Nordirlands kulinarische Wurzel

SonntagsZeitung Speck von schwarzen Schweinen beschert Bacon-König Pat O’Doherty ein glückliches Leben. Mehr...

«Wer Kinder so ernährt, spielt mit ihrer Gesundheit»

Mangelernährung in der Schweiz: Experte Hans Biesalski spricht im Interview über den «versteckten Hunger». Mehr...

Die Angst vor brasilianischen Rindern

Schweizer Bauern befürchten einen Preiszerfall wegen eines Freihandelsdeals mit Südamerika. Ohne Grund, sagt eine Studie. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...