«Ich könnte sterben. Aber ich werde es nicht tun»

Nach einer Arbeitszeit von 25 Jahren bringt Terry Gilliam seinen Don-Quijote-Film ins Kino. Ein Gespräch übers Weitermachen, das Schicksal und eine blockierte Arterie.

«Es ist jetzt der viel, viel bessere Film als der, den ich ursprünglich machen wollte»: Terry Gilliam, 77. Bild: Getty Images

«Es ist jetzt der viel, viel bessere Film als der, den ich ursprünglich machen wollte»: Terry Gilliam, 77. Bild: Getty Images

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Endlich. «The Man Who Killed Don Quixote» ist im Kino. Vor mehr als 25 Jahren hat Terry Gilliam, 77, mit der Arbeit an diesem Film begonnen. Erste Aufnahmen fanden im Jahr 2000 statt, mit Jean Rochefort und Johnny Depp in den Hauptrollen. Es waren die desaströsesten Dreharbeiten der Filmgeschichte, verewigt im Dokumentarfilm «Lost in La Mancha». Aber das Ex-Monty-Python-Mitglied gab nicht auf und konnte den Film schliesslich dieses Jahr in Cannes präsentieren. Auch wenn er ihn fast ins Grab gebracht hat.

Woher stammt Ihre Obsession für Don Quijote?
Keine Ahnung, ich analysiere nie, was ich tue. Es gibt aber eine Zeile im Film, die mir wichtig ist. Don Quijote bekommt den Vorschlag, zur Polizei zu gehen, um eine bestimmte Sachlage zu erklären. Er aber sagt: «Erklären? Glaubst du wirklich, Erklärungen würden etwas erklären?» Das entspricht meiner Haltung. Ich bin nicht Woody Allen, der wöchentlich zum Psychoanalytiker rennt, um mehr über sich zu wissen. Ich will mir selber ein Geheimnis bleiben, auf alle Fälle ein bisschen.

Kam Ihnen die Herstellung des Films nicht manchmal vor wie ein Kampf gegen Windmühlen?
Natürlich. Aber als wir endlich ein zweites Mal zu drehen begannen, wusste ich, dass ich etwas in der Hand haben würde. Selbstverständlich hatte ich mehr Druck, ganz einfach, weil so viele Leute schon so lange auf diesen Film gewartet haben.


Bilder: Terry Gilliams Don Quijote Film ist im Kasten


Hat sich das Projekt im Lauf der Jahre stark verändert?
Es ist jetzt der viel, viel bessere Film als der, den ich ursprünglich machen wollte.

Denken Sie?
Oh ja. Im Film, den ich zuerst zu drehen begann, war die Figur von Johnny Depp ein Werbefilmer, den es tatsächlich ins 17. Jahrhundert verschlug, zum richtigen Don Quijote. Jetzt ist es viel komplexer. Und damit interessanter, finde ich. Ich bin froh, dass ich es durchgestiert habe.

Wieso haben Sie nie aufgegeben?
Weil mir die Leute ständig gesagt haben: Stopp, lass es bleiben, das alles hat dich genug Nerven, Zeit und Geld gekostet. Das funktioniert immer. Wenn man will, dass ich etwas tue, muss man mich inständig bitten, es nicht zu tun. Ich danke all diesen wirklich vernünftigen Menschen, die versucht haben, mich zu bremsen. Wegen ihnen habe ich nicht aufgegeben.

Was war, neben dem Finanziellen, die grösste Hürde?
Die Schauspieler auszuwählen. Es gibt so viele gute davon.


Trailer zum Film «The Man Who Killed Don Quixote». Video: Youtube/ONE Media


Adam Driver spielt jetzt den Johnny-Depp-Part.
Ja, meine Tochter sagte mir, schau dir den mal an, der ist in «Star Wars». Ich kannte ihn nicht, sah die TV-Serie «Girls» nie. Aber ich war gleich begeistert, weil er ganz anders ist als all die Kerle, die mir sonst durch den Kopf gingen. Vielleicht bin ich pervers: Taucht jemand auf, der das pure Gegenteil von allem ist, was ich erwartet habe, nehme ich ihn sofort.

Wieso das pure Gegenteil?
Weil er nicht wie ein Filmstar aussieht.

Wirklich nicht?
Nein, schauen Sie ihn richtig an. Der sieht ja fast normal aus, nicht so perfekt wie all die Hollywood-Schönlinge.

Sie widmen den Film Jean Rochefort und John Hurt, die ursprünglich den Don Quijote hätten spielen sollen . . .
. . . ja, zwei Menschen, die ich liebte und die starben. Wissen Sie, was ich verrückt finde? Alle Don Quijotes, die irgendwie involviert waren, heissen Jean oder John. Bizarr, was bedeutet es? Keine Ahnung.

Ich sprach kürzlich mit Ihrem Monty-Python-Kollegen Michael Palin, der sagte, er habe Reiten geübt für den Film.
Stimmt, ich habe sogar Probeaufnahmen mit Adam Driver und ihm gemacht, er war sehr gut. Vermutlich hat es nicht geklappt, weil sein Name eben nicht John ist. Jonathan Pryce war dann in allen Belangen perfekt.

Hatten Sie keine Angst, dass die Erwartungen an den Film zu gross sein könnten?
Ich zeigte ihn zuerst einem guten Freund, der sehr kritisch ist. Der sagte mir auch, dass er während der ersten 15 Minuten immer gedacht habe, was mache ich verdammt noch mal, wenn das alter Käse ist? Wie sage ich es Terry?


Bilder: Verloren in La Mancha - Terry Gilliam und Don Quijote


Ich fand den Film grossartig.
Danke. Aber als ich den Film zum ersten Mal sah, hasste ich ihn. Was für ein Stück Scheisse, sagte ich mir. Ich habe aus Verzweiflung eine ganze Sequenz rausgenommen und sechs Monate ohne dieses Stück im Schneideraum verbracht. Erst ganz zum Schluss habe ich es wieder eingefügt.

Welche Szene ist es?
Ich denke, ich sollte es nicht sagen. Ach, egal: Es ist die Gasthaus-Szene mit den spanischen Stars Sergi López und Rossy de Palma.

Die funktioniert doch!
Schon, aber ursprünglich war sie 25 Minuten lang. Und ich sah keine Möglichkeit, sie zu kürzen. Irgendwie haben wir es dann geschafft, sie auf 11 Minuten runterzubringen, aber ich habe immer noch gezögert. Schliesslich setzte ich sogar Briefe für die Schauspieler auf, um ihnen mitzuteilen, dass sie nicht im Film sind. Dann ging ich ein letztes Mal in den Schneideraum und fand eine Lösung.

Ist es am Ende gar kein Film über Don Quijote, sondern einer über Sie und das Filmemachen?
Well, ich weiss nicht. Es geht um sehr viel. Aber alles ist schon bei Cervantes angelegt: Er schrieb einen zweiten Band, weil der erste so erfolgreich war. In diesem tummeln sich mehrere falsche Don Quijotes, es ist auch ein Buch über das Schreiben. Da war es nichts als logisch, dass mein Film einer über das Filmemachen wurde. Eigentlich hat sich mein Film schlussendlich selber gemacht, auch mit all den grossen Umwegen, die er nahm.

Ein Umweg war Ihr Konflikt mit den portugiesischen Produzenten Paolo Branco, der offenbar immer noch nicht beendet ist, selbst nach der Premiere.
Der kann einfach nicht kapieren, dass er den Film nicht produziert hat. Sein Ego ist riesig, ich musste oft an Harvey Weinstein denken, für den ich bei «Brothers Grimm» ja auch gearbeitet habe. Beide sind ähnlich in ihrer Megalomanie, sagen «ich bin der grösste Produzent der Filmgeschichte, ich kann nehmen, was mir zusteht.» Gut, bei Harvey waren das auch Frauen, das will ich Paolo nicht unterstellen. Aber es ist nicht sein Film. Fuck you.

Man schaut jetzt im fertigen Film die Entstehungsgeschichte mit, wenn zum Beispiel blauer Himmel zu sehen ist…
… denkt man sofort, wo sind die Düsenflugzeuge, die die Filmaufnahmen beim ersten Versuch behindert haben? Ich weiss. Aber der Film soll auch für diejenigen funktionieren, die von all dem nichts wissen.

Gab es beim zweiten Mal keine Probleme mit dem Wetter?
Das war bizarr. Wir waren ständig draussen, ich hatte immer Angst, dass es stürmen könnte oder hageln. Aber das Wetter hat mitgemacht, dieses Mal. Und uns den Arsch gerettet.

Glauben Sie an Schicksal?
Nein, nein, bewahre. Sagen wir es so: Dass es diesen Film doch noch gibt, kommt am nächsten zu meinem Glauben an Gott. Ich habe Witze darüber gemacht, dass ich jetzt, wo er fertig ist, wohl von einem Auto überfahren werde. Und dann erwachte ich plötzlich tatsächlich im Spital.

Sie hatten einen Schlaganfall, kurz vor der Premiere in Cannes?
Es war ein wenig komplizierter, als überall zu lesen war. Die richtige Schlagzeile hätte gelautet «blockierte Arteria basilaris», das wäre nicht so knackig gewesen. Aber es stimmt schon, es sind ähnliche Symptome. Möglicherweise ist es ein grösseres Problem. Ich weiss einfach: Dieser Film bringt mich nicht ins Grab. Vielleicht sollte ich zur Schonung nur noch Werbefilme drehen, wie es die von Adam Driver gespielte Figur Tobey tut.

Sie haben lange für die Werbung gearbeitet.
Ja, aber meinen letzten Spot habe ich 2002 gedreht, für Nike. Für diese zehn Tage Arbeit bekam ich mehr Lohn als für ein ganzes Jahr bei Don Quijote. Aber ich will doch nicht den Rest des kleinen Talentes, das ich habe, damit vergeuden, Hundefutter zu verkaufen. Werbung verkauft Träume, aber ich bin lieber selber derjenige, der träumt.

Was kommt in diesem Fall jetzt – die grosse Leere?
Eher der grosse Tod. Hähä. Ich könnte sterben. Aber ich werde es nicht tun. Versprochen.

Versprochen?
Klar. Stanley Kubrick ist das passiert, er hat in England «Eyes Wide Shut» fertiggestellt und den Film zur Begutachtung nach Los Angeles geschickt. Alle Beteiligten liebten ihn, es ist ein Meisterwerk. In der Nacht darauf ist er entspannt eingeschlafen. Das kann mir nicht passieren. Ich entspanne mich nie. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.09.2018, 17:47 Uhr

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Wie ist das jetzt genau? Die Ideen übersprudeln im Don-Quijote-Film, den Terry Gilliam jetzt doch noch fertiggestellt hat. Es gibt darin die aus der Buchvorlage bekannten Kämpfe gegen Windmühlen, aber es gibt auch moderne Werbefilmer, ein verwunschenes Schloss, zahlreiche Figuren. Der Film ist ausufernd, unkontrollierbar, wie seine Entstehungsgeschichte. Aber dann ist er wieder ganz einfach und rührend. Der Regisseur von «Monty Python’s Life of Brian» und «Brazil» zeigt darin noch einmal alles, was er kann. «The Man Who Killed Don Quixote»: ab 13. 9. im Kino

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