«Glück in der Liebe zu suchen, ist der beste Weg ins Unglück»

Philosoph Wilhelm Schmid über unsere Wohlfühl-Diktatur, die richtige Menge Geld, sinnvolle Beziehungen und Anti-Aging.

«Ich beneide niemanden, der mehr hat als eine Million»: Wilhelm Schmid in seiner Studierstube in Berlin. Bilder: Norman Konrad

«Ich beneide niemanden, der mehr hat als eine Million»: Wilhelm Schmid in seiner Studierstube in Berlin. Bilder: Norman Konrad

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Der Philosoph Wilhelm Schmid, 65, befasst sich mit Lebenskunst. Also mit der Frage, wie Menschen das Leben gelingt. Seine Bücher über das Glück und die Gelassenheit sind Bestseller. Zehn Jahre lang arbeitete er nebenberuflich als «philosophischer Seelsorger» in einem Schweizer Spital. Schmid empfängt in seiner Studierstube im Berliner Bezirk Charlottenburg: Bücherwände, ein Stehpult und ein Teleskop, um in die Sterne zu gucken. Er trägt ein weisses Hemd mit Mao-Kragen: sein Markenzeichen.

Was wünschen Sie den Menschen zum neuen Jahr? Viel Glück?
Ich wünsche gerne ein erfülltes Leben. Das ist etwas anderes als Glück. Es beinhaltet, dass auch etwas nicht gut gehen kann im neuen Jahr. Ich wünsche den Menschen, auch damit gut zurechtzukommen.

Der ist der Glücklichste, der sich nicht ständig fragt, ob er glücklich sei. Das sagte schon der römische Philosoph Seneca. Beherzigen heute nicht viele.
Deshalb sind ja so viele Leute unglücklich, weil sie ständig glücklich sein wollen und sich damit verrückt machen.

Es herrscht ja heute eine wahre Glückshysterie, eine Wohlfühl-Diktatur. Trübe Stimmungen sind tabu. Was hat das für einen Effekt?
Nach meiner Beobachtung hat das von Amerika auf Europa übergegriffen. Die sogenannte positive Psychologie möchte den Menschen eintrichtern, immer alles positiv zu sehen. Man kann das machen. Aber diese Lebensstrategie hat zur Folge, mit Negativem nicht mehr gut zurechtzukommen. Man muss alles positiv hinbiegen und kann Negatives als solches nicht mehr akzeptieren, zum Beispiel Ärger, Krach in der Beziehung, möglicherweise schlimmere Dinge. Auch mit dem Unglücklichsein kann man besser umgehen, wenn man akzeptiert, dass es das gibt.

Man kann Ihre Erkenntnisse so zusammenfassen: Tu alles, damit du ständig Spass hast – dann wirst du garantiert unglücklich.
Der Versuch der Moderne, im Leben nur das Positive zu finden, ist gescheitert. Wir müssen uns zurückbesinnen auf das philosophische Glück. Ich nenne es das Glück der Fülle. Es bedeutet: Einverstanden zu sein mit dem gesamten Leben, so wie es nun mal in Erscheinung tritt, in seinen positiven und negativen Zeiten. Fülle kommt nicht nur aus dem Positiven, das ist ein schwerer Irrtum der Gegenwart.

Kann man dieses Glück lernen?
Absolut. Indem man sich für fünf Minuten ein paar Gedanken zum Leben macht. Ist das Leben Freude? Ich hoffe, dass es in jedem Leben ein gewisses Mass an Freude gibt. Aber gibt es nur Freude? In keinem einzigen Leben. Die entscheidende Frage, die jetzt jeder Einzelne beantworten muss, lautet: Bin ich damit einverstanden? Wenn ja, wird mir das Glück der Fülle zuteil. Wenn nein, wird es schwierig.

Lassen wir die Philosophie mal beiseite, reden wir über Geld. Wie viel braucht ein Mensch, um glücklich zu sein?
Eine Million wäre gut.

Wie kommen Sie auf diesen Betrag?
Man kann das gut erklären, auch vor dem Hintergrund der sogenannten Glücksforschung, die sich dieser Frage gewidmet hat. Bis zu einer Million sind die Menschen strebsam, um auf einen grünen Zweig zu kommen. Mit einer Million kann man definitiv seine Rechnungen bezahlen. Man kann Mieterhöhungen wegstecken, auch grössere Reisen unternehmen. Ab einer Million wird es schwierig. Ich muss mich dann zum Beispiel fragen, ob der Mensch, mit dem ich lebe, wirklich mit mir zusammen sein will oder mit meinem Geld.

Gut, man kann diesen Menschen auch schon vorher kennen gelernt haben und wurde erst dann reich.
Es verschiebt diese Frage bloss: Bleibt er bei mir meinetwegen oder wegen des Geldes? Das vergiftet Beziehungen.

Sprechen Sie aus Erfahrung?
Ich sauge mir diese Theorien nicht aus den Fingern. Ich hatte die Gelegenheit, mit solchen Menschen zu sprechen. Meine grosse Überraschung war, dass sich da Probleme stellen, die man sich gar nicht vorstellen kann.

Zum Beispiel?
Zerbrechende Beziehungen, Unzuverlässigkeit von Beziehungen, totale Sinnlosigkeit und fürchterliche Angst. Die Angst desjenigen, der auf der Spitze des Berges steht. Man hat kein Ziel mehr und weiss, nach allen Seiten geht es nur noch bergab. Das ist nicht lustig. Ich beneide niemanden, der mehr hat als eine Million.

Welchen Einfluss hat Schönheit auf die Zufriedenheit im Leben?
Ich kenne keinen nach landläufigen Kriterien schönen Menschen, der sich als solcher bezeichnen würde. Ein schöner Mensch entdeckt an sich viele Unschönheiten. Die Nase ist nicht genau so, wie es eigentlich optimal wäre. Oder es gibt da diese Warze auf dem Rücken, die zwar keiner sieht, man selber auch nicht. Aber man weiss nun mal, dass sie da ist. Selbst das schönste Model zweifelt an der eigenen Schönheit und ist höchst unzufrieden mit sich selbst.

Reden wir über die Liebe. Viele versprechen sich von ihr das grosse Glück. Zu Recht?
Wenn man Glück in der Liebe sucht, ist das der beste Weg ins Unglück. Wenn man Sinn in der Liebe sucht, ist das sicher der beste Weg, eine Beziehung zu gründen und zu pflegen. Jeder Mensch, der schon mal verliebt war und sich daran noch erinnert, wird zustimmen, wenn ich sage: Es gibt eine ganze bestimmte Zeit im Leben, in der ein Mensch nicht nach dem Sinn des Lebens fragt – das ist genau diese Zeit. Daraus ist zu schliessen, dass eine starke Beziehung sehr viel Sinn gibt.

Die Verliebtheit geht vorbei.
Aber die Sinngebung muss nicht vorbeigehen, wenn die beiden darauf achten. Ich bin mit meiner Frau seit 35 Jahren zusammen, und wir sehen nach wie vor sehr viel Sinn in unserem Zusammensein.


«Meine Eltern kannten das Wort Glück überhaupt nicht. Das kam niemals über ihre Lippen. Sie verstanden ihr Leben als reine Pflichterfüllung, und zwar als Gottes Kinder.»

Wie haben sie sich kennen gelernt?
Es war Zufallsglück, für das ich nicht genug danken kann. Wir sind uns in einem Sprachkurs begegnet.

Englisch?
Latein.

Das Zufallsglück, das Sie ansprechen, bringt nicht immer eine glückliche Fügung. Was den französischen Mathematiker und Philosophen Blaise Pascal zur lakonischen Schlussfolgerung brachte: «Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.»
Man könnte auch sagen: Am besten gar nicht erst aufstehen. Allerdings könnte man dann das Unglück eines Herzinfarktes infolge mangelnder Bewegung erleiden. Ich will damit sagen: Das Leben ist so eingerichtet, dass es den Menschen genügend Schwierigkeiten macht, damit sie nicht einschlafen. Es passieren Dinge, die mir gefallen, und andere, die mir nicht gefallen. Darauf habe ich keinen Einfluss. Wer das Zufallsglück abschaffen möchte, der müsste Lotto spielen können und immer gewinnen. Das wird niemals stattfinden.

Ist das Glücksstreben kulturell bedingt oder universell?
Die Glückspropheten behandeln es als universelles Streben. Das ist Unsinn. Es gab reichlich Zeiten in der Menschheitsgeschichte, in denen es nicht um das Streben nach Glück ging. In der deutschen Kultur ging es jahrhundertelang um das Streben nach Pflichterfüllung. Von Glück war überhaupt nicht die Rede. Ich kann das auch persönlich bestätigen. Meine Eltern kannten das Wort Glück überhaupt nicht. Das kam niemals über ihre Lippen. Sie verstanden ihr Leben als reine Pflichterfüllung, und zwar als Gottes Kinder. Das Glücksstreben gibt es in der deutschen Kultur erst seit etwa 20 Jahren. Im Unterschied zu Frankreich, England und Amerika, wo man sich das schon seit rund 200 Jahren auf die Fahnen geschrieben hat.

Sie haben ein Buch mit dem Titel «Gelassenheit» geschrieben. Es stand drei Jahre auf der Bestsellerliste. Wie erklären Sie sich diesen enormen Erfolg?
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass das so ein grosses Thema für so viele Menschen ist. Das liess aber tief blicken und zeigte, dass es eben an Gelassenheit fehlt, in einer Zeit, die alles zu haben scheint.

Sagen Sie es uns: Wie findet man Gelassenheit?
«Gelassenheit» kommt von Lassen. Ich müsste also fähig sein, auch mal Dinge zu lassen. Zum Beispiel es zu lassen, permanent glücklich sein zu wollen. Dann kann ich mehr Glück erreichen als durch dieses verbissene Hinterherrennen. Das erzeugt keine Gelassenheit. Ich könnte es auch lassen, mit anderen Menschen über jede Kleinigkeit zu streiten. Zum Beispiel über die richtige Methode beim Einräumen der Geschirrspülmaschine. Auch Berührung macht gelassener, automatisch. Das kann jeder sofort ausprobieren. Neurobiologen können das messen. Auf der Stelle werden Hormone ausgeschüttet: Serotonin, Dopamin, Noradrenalin, Oxytocin und Prolaktin. Das macht Menschen ruhiger, froher und stärkt übrigens das Immunsystem, was im Winter wichtig ist.

Das ist mal ein neuer Anmachspruch: «Lass uns kuscheln – ist gut für das Immunsystem.»
Deswegen ist der Winter tatsächlich für viele Paare Kuschelzeit. Ohne dass sie sich die Zusammenhänge gross vergegenwärtigen, machen sie das Richtige: Stärken des Immunsystems. Kuscheln ist wie Vitamin C.

Keine Gelassenheit gibt es heute, wenn es um das Älterwerden geht. Altern gilt als sinnlos und als etwas, das man mit Anti-Aging bekämpfen muss. Wie sehen Sie das?
Ich habe Menschen beobachtet, die Anti-Aging machen. Ich habe sie angeschaut. Und nach drei Jahren wieder angeschaut. Ich musste feststellen: Die sind drei Jahre älter geworden. Wir kommen nicht gegen das Älterwerden an. Ich würde mir wünschen, dass wir es nicht Anti-Aging nennen, sondern Best-Aging. Das soll heissen: auf die bestmögliche Art älter zu werden.

Mit welcher Methode?
Indem man mit dem Älterwerden einverstanden ist und die Begleiterscheinungen, die es zweifellos für alle gibt, womöglich abmildert. Ausschalten können wir sie nicht. Ich ging kürzlich zum Arzt und beklagte mich über meine Gelenkschmerzen. Er sagt mir: Versuchen Sie es mal mit Verzicht auf Wurst, Fleisch und Alkohol. Das habe ich gemacht, und ich kann hier öffentlich verkünden: funktioniert. Eines konnte mir mein Arzt nicht nehmen: dass ich älter werde.

Sie haben in der Schweiz zehn Jahre als philosophischer Spitalseelsorger gearbeitet. Wer hatte die Idee dazu?
Die Frau eines Arztes las einen Beitrag von mir, der in der «Basler Zeitung» erschienen war. Es ging um den Sinn von Schmerzen. Jeder kann das selber beobachten, was passiert, wenn man Schmerzen hat. Man stellt Fragen. Warum habe ich diese Schmerzen? Lebe ich falsch? Muss ich etwas ändern? Der Sinn von Schmerzen ist neue Orientierung im Leben.

Das kann man auch ohne Schmerzen.
Ja, das stimmt. Aber das macht niemand, ohne Schmerzen.

Nehmen wir mal an, der medizinische Fortschritt ist unaufhaltsam: Wie lange möchten Sie leben?
500 Jahre.

Im Ernst?
Die könnte ich füllen. Das habe ich auch dokumentiert. In einer Kirche im deutschen Halberstadt wird ein Orgelstück des amerikanischen Künstlers John Cage aufgeführt, das laut seiner Vorgabe «so langsam wie möglich» gespielt werden soll. Nach seinem Tod hat man sich überlegt, was das heisst, so langsam wie möglich. Die Grenze ist, wenn die Orgel aus Altersschwäche auseinanderfällt. Darum baut man sie erst während der Aufführung. Den ersten Ton spielt man mit der ersten Teilorgel. Dann Anbau – zweiter Ton, Anbau – dritter Ton. So ungefähr alle halbe Jahre wird der Ton gewechselt. Bis das ganze Stück gespielt ist. Das dauert dann eben so lange, bis die Orgel aufgebaut ist und vor Altersschwäche auseinanderfällt. Um das Ganze zu finanzieren, wurden Menschen aufgerufen zu spenden, dafür kriegt man ein Eisentäfelchen an der Wand, wo man etwas eingravieren lassen kann.

Quasi für die Ewigkeit.
Mutmasslich. Wenn da nicht gerade eine Atombombe explodiert. Ich habe gespendet und auf mein Täfelchen geschrieben: «Zu meinem 500. Geburtstag am 26. 4. 2453.» Es würde mich schon freuen, wenn ich das noch erleben könnte.

Eher unwahrscheinlich.
Das sagen Sie!

Bleiben wir bei einem überschaubaren Zeithorizont. Was haben Sie sich für 2019 vorgenommen?
Ein Familienmitglied hat eine schwere Krankheit hinter sich. Dem stehe ich dieses Jahr bei – mit allen Kräften, die ich habe.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.01.2019, 08:23 Uhr

Der Erfolgsautor

Wilhelm Schmid ist 1953 in Bayern als Bauernsohn geboren. Nach einer Lehre als Schriftsetzer holte er das Abitur nach, studierte Philosophie und Geschichte an der FU Berlin, der Sorbonne und in Tübingen. Seine Doktorarbeit schrieb er über Michel Foucault. Von 1998 bis 2007 arbeitete er in der Schweiz als «philosophischer Seelsorger» im Spital Affoltern am Albis. Seine Bücher, darunter Werke über das Glück und die Gelassenheit, bringen es auf eine Auflage von 1,5 Millionen und wurden in 22 Sprachen übersetzt. Schmid ist verheiratet und Vater von vier Kindern. Er lebt mit seiner Frau in Berlin.

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