Es braucht wieder Kleinklassen

Das Ziel der «Inklusion» führt in den Schulen zu ideologischen Leerläufen.

Arthur Rutishauser@rutishau

Es ist gar noch nicht so lange her, da ­sonderte man Menschen mit Handicaps aus dem ­Leben aus und machte sie für die Gesellschaft quasi unsichtbar. In den 80ern des letzten Jahrhunderts wurden sie endlich eingegliedert. Eine ganze Betreuungsindustrie kümmerte sich nun plötzlich um sie. Eingliederungsstätten, ­Ausbildungsheime und Wohnzentren führten allerdings in der Praxis eher zu einer industriell perfektionierten Aussonderung statt zur «Ein­gliederung».

Dann bekam 2004 das Ziel der ­Integration mit dem Behindertengleichstellungsgesetz endlich eine praktische Bedeutung. Das Gesetz «hat zum Zweck, Benachteiligungen zu verhindern, zu verringern oder zu beseitigen, denen Menschen mit Behinderungen ausgesetzt sind». Das hat im öffentlichen Verkehr dazu geführt, dass die Schwellen und Treppen beim Einstieg endlich abgeschafft wurden, wofür heute auch Eltern dankbar sein dürften, wenn sie ihren Kinderwagen ins Tram schieben.

Eine Störung der «emotionalen und sozialen» Entwicklung

Aber das Gesetz geht noch viel weiter, als dass es einige bauliche Selbstverständlichkeiten zur Vorschrift macht – es gilt auch für die Aus- und Weiterbildung. Die Idee schien bestechend: Wenn man bei den Kindern anfängt, dann ist das Problem in spätestens einer Generation vom Tisch und «Inklusion» statt «Exklusion» ist die neue Realität. Nur, wie so oft, es wurde ­komplizierter als gedacht. In den Schulen fiel die Umsetzung des Gesetzes zusammen mit einer Vielzahl von Reformen, die die Chancengleichheit erhöhen und die Ausgrenzung von schwachen Schülern eliminieren wollten.

Jeder Kanton, ja mancherorts jede Gemeinde, erfand dazu sein eigenes System. Aber alle landeten bei dem­selben Problem: Zehntausende Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf sollten integriert werden. Die wenigsten von ihnen sitzen im Rollstuhl, sondern sie sind verhaltensauffällig, haben also eine Störung der «emotionalen und sozialen» Entwicklung, wie es so schön ­bürokratisch verharmlosend heisst. Im Klartext: Sie stören im Unterricht, sei es nun bei den Kleinen oder bei den Grossen.

Und darum entsteht die nächste Betreuungs­industrie, jene für die verhaltensauffälligen Schüler. Diese brauchen ein Sondersetting, bestehend aus unzähligen Sitzungen mit Schulpsychologen, Schulsozialarbeitern, Fachleuten für Gewalt­prävention, Heilpädagogen und natürlich Lehrern, Schulvorstehern und Eltern. Das ist ein höchst ineffizienter, oft ideologisch begründeter Leerlauf, fern vom gesunden Menschenverstand. Es braucht hier einen Schritt zurück, und es müssen wieder mehr Kleinklassen für verhaltensauffällige Kinder geschaffen werden. Das nützt allen, auch den Schülern der Regelklassen, die auf einen guten Unterricht angewiesen sind.



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