Emotional aufgeladen

Der Rock ’n’ Roll liegt im Sterben. Doch Slash – einer der letzten Gitarrengötter der Welt – gibt nicht auf.

«Es muss dich packen»: Gitarren-Ikone Slash. Bild: Getty

«Es muss dich packen»: Gitarren-Ikone Slash. Bild: Getty

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Es ist nicht ratsam, ein Interview mit schlechten Nachrichten zubeginnen. Doch bei Slash – der Guns-n’-Roses-Legende, der einer der wohl letzten grossen Gitarristen-Triumphatoren dieser Erdeist –, liegt es auf der Hand: Glaubt man den Musikstatistikern und den Digitalplattformen, dann geht es mit dem Rock ’n’ Roll gerade steil talwärts. Die Leute wenden sich von den Stromgitarren ab, hin zum Hip-Hop mit Roboterstimmen. Überdies hat der Gitarrenhersteller Gibson, dessen Markenbotschafter Slash ist, kürzlich Insolvenz angemeldet.

Audio: Slash über das perfekte Gitarrensolo

Die Ballung dieser Ereignisse ist selbst für einen Gitarrengott ein bisschen viel. Jedenfalls wird Slash kurz still, nachdem die Sachlage in Erinnerung gerufen worden ist: «Ach ja», sagt er mit einem Stossseufzer. «Für junge Kids ist dieses Bild des grossen, reichen Rockstars nicht mehr besonders chic. Das ist überholt. Und das ist gut so. Die Passion in der Musik soll schliesslich im Vordergrund stehen.» Und dann ergänzt er: «Doch ich glaube, dass es immer einen Appetit geben wird auf das, was der Rock ’n’ Roll verkörpert, auf seine Haltung auf . . . mmmh . . . jetzt kommen mir gerade die Worte nicht in den Sinn . . .»

Es klingt wie ein Musik gewordener Bubentraum

Dabei hat Slash soeben ein Rock-’n’-Roll-Album veröffentlicht, dass jedem mit Vehemenz in Erinnerung ruft, was dieser Rock ’n’ Roll einmal gewesen ist. «Living the Dream» heisst das Album sinnigerweise, denn es klingt wie der Musik gewordene Bubentraum eines in den 80ern der Pubertät anheimgefallenen Stromgitarristen: Es gibt öffnende Refrains, grosse Gefühle, Wind in den Haaren, unkomplizierte Beats und jede Menge Platz für ekstatische Soli. Die Lieder tragen Namen wie «Boulevard of Broken Hearts» oder «Call of the Wild» – sie klingen, als wären sie vor 35 Jahren, in der Hochblüte des Hardrock, schockgefroren und nun im Hier und Heute wieder aufgetaut worden. Und über all dies singt Myles Kennedy, der im richtigen Leben der Gruppe Alter Bridge vorsteht, mit gefühliger Rockstimme Zeilen wie «my baby’s sweet as sugar cane».

Audio: Slash über das perfekte Rockalbum

Was ist die Kernbotschaft dieses Albums? Kann man es sich heute noch leisten, die Misslichkeiten des Weltgeschehens derart konsequent auszublenden? «Der Titel des Albums ist sehr wohl ein sarkastisches Statement zur derzeitigen Politik der USA», sagt Slash. Doch eine tiefere Message kann auch er nicht herbeireden: «Immer, wenn ich ins Studio gehe, haben sich Dinge aufgestaut, die ich über die Musik verarbeiten muss. Jeder Song dieses Albums ist emotional aufgeladen, jeder Song ist die ultimative Katharsis eines Gefühls.»

Was muss es denn haben, das perfekte Gitarrensolo?

Im Vorfeld des Interviews wurde dringlich untersagt, Fragen zu Slashs Rolle bei Guns n’ Roses zu stellen. Der 53-Jährige ist bekanntlich nach jahrzehntelangen Scharmützeln mit Axl Rose zu seiner Stammband zurückgekehr und hat sich mit ihr auf die endlose und äusserst lukrative «Not In This Lifetime»-Tour begeben.


Bildstrecke: Slash wird 50 (2015)


Doch man kann das neue Album von Slash nicht abkoppeln von seinem Wirken in der einst erfolgreichsten Rockband der Welt. Denn es scheint, als habe sich Slash selbst ermuntert, all das zu tun, was ihm bei Guns n’ Roses nicht erlaubt gewesen war. Als in der Band erste künstlerische Differenzen aufkamen und Rose mit dem damals aufkommenden Industrial zu liebäugeln begann, soll Slash darauf beharrt haben, weiter auf den klassischen Hardrock zu setzen. Bald darauf stieg er aus der Band aus und veröffentlichte 1995 sein erstes Soloalbum unter dem Namen Slash’s Snakepit. Darauf fanden sich Songs, welche er und seine GnR-Mitstreiter für ein mögliches Nachfolgealbum geschrieben hatten, die von Axl Rose jedoch abgeschmettert wurden. Seither hängt jedem Solowerk des Gitarristen der Nimbus an, dass sich da Liedgut eines nicht übermässig begabten Songschreibers angesammelt hat. Aber eben: Fragen dazu sind nicht erlaubt.

Deshalb konfrontieren wir ihn mit der Kardinalsfrage, die man Gitarrengöttern stellt: Was muss es denn haben, das perfekte Gitarrensolo? «Es gibt Hunderte wunderbarer Gitarrensoli, die alle völlig verschieden sind. Es muss dich erreichen, es muss etwas aussagen, es muss dich packen. Es geht um Passion und Aufrichtigkeit.» Und das perfekte Rockalbum? «Das braucht ein grossartiges Schlagzeug, eine Haltung, natürliche, menschliche Gefühle und Energie. Und es soll dich entweder zum Beischlaf oder zum Kämpfen anstacheln. Oder zu irgend sonst was.» Des Gitarrengotts Worte in Gottes Ohr.

Slash: «Living the Dream» (Warner). Konzert: 7. März 2019, Samsung Hall, Zürich. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 29.09.2018, 17:20 Uhr

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