Ein Paradies versinkt im Plastikmeer

Es sei eine «toxische Bombe im Ozean»: Die Malediven kämpfen gegen eine Flut von Abfall – verursacht durch Touristen und Einheimische.

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Ein Ausflug auf die Sandbank ist angekündigt: «Ein kleines Stück Natur ganz für dich allein. Wunderbarer ­weisser Sand, türkisfarbenes Wasser. Zeit zum Relaxen und Schnorcheln.» Zusammen mit einem jungen Paar aus Hamburg steigen wir an diesem blendend sonnigen Julimorgen ins Speedboot. Taucherbrille, Schnorchel, Flossen und Badetuch im Gepäck. Keine Getränke, denn Tourleiter Fabrizio hat betont, er nehme Wasser für alle mit. Natürlich nicht in PET-Flaschen, denn Plastik ist böse. Das Barefoot Eco Hotel auf der Insel Hanimaadhoo, ganz im Norden der Malediven gelegen, hat sich dem Umweltschutz verschrieben, dem Plastik den Kampf angesagt.

Sarah Pinske und Niko Reinholt, das deutsche Pärchen, verbringt zwei Wochen auf Hanimaadhoo. Sie sind das erste Mal auf den Malediven, und das auch eher zufällig: Sie wollten an die Sonne und fanden das Schnäppchen im Internet – et voilà. Auf die Malediven habe sie schon immer mal gewollt, sagt Sarah, «solange es sie noch gibt», fügt sie an. Tatsächlich sind die über 1000 maledivischen Inseln im Indischen Ozean besonders von den Auswirkungen der globalen Klimaerwärmung bedroht. Sie liegen kaum mehr als einen Meter über dem Meeresspiegel, schon ein Anstieg von 60 Zentimetern, was laut Klimaprognosen bis zum Jahr 2100 wahrscheinlich ist, würde den Inselstaat unbewohnbar machen.

Da liegt sie, die langgezogene Sandbank, weiss wie Schnee, inmitten der türkisfarbenen Lagune. Es ist gegen 30 Grad warm, bei einer Luftfeuchtigkeit von über 80 Prozent. Endlich: Fabrizio packt seinen Kanister aus, füllt jedem einen Becher mit Wasser. Dann verteilt er Säcke, warum, das finden wir rasch heraus: Die Sandbank ist übersät mit Plastikmüll. Die beiden Deutschen machen bei der Aktion klaglos mit. Innert 15 Minuten füllen wir vier grosse Säcke mit Einwegflaschen, Flipflops, wie sie die Einheimischen alle tragen, Plastiktüten, Glasflaschen (Johnny Walker und Wodka), einem Kamm, einem grünen Stabilo Boss, Trinkröhrchen, Bierbüchsen (Heineken und Tiger), Sonnencremetuben und einem Rucksack. Dazu kommt ein halb offener Kehrichtsack voller Reis mit Gemüse, darunter Plastikgeschirr und Chop Sticks – beschriftet mit «Hideaway», dem Ferienresort auf der Nachbarinsel. Besonders beliebt bei Chinesen.

Das Problem mit dem Plastikröhrchen

Eine Sisyphusarbeit: Morgen schon werden Wind und Wellen neuen Müll auf die Sandbank getragen haben. Auch ein wenig Alibiübung: Noch während wir aufräumen, ankert ein Motorboot, Angestellte des Hideaway-Resort bereiten das nächste Picknick vor. Fabrizio, Meeresbiologe aus Deutschland, denkt darüber nach, einen Abfalleimer auf die Sandbank zu stellen, «als Mahnmal». «So ein schöner Fleck Erde», sagt Sarah, «erschreckend, was wir Menschen damit machen.»

Die Malediven, Traumziel von Tauchern und Verliebten, haben ein riesiges Abfallproblem. Auf den luxuriösen Touristeninseln bekommt der Gast kaum etwas von der Plastikschwemme mit. Noch vor Sonnenaufgang werden die Strände von den Angestellten gesäubert. Bis vor wenigen Jahren waren die etwa 120 hochmodernen Hotelinseln und die 220 Fischerinseln strikt getrennt. Die Regierung wollte so verhindern, dass die Alkohol trinkenden, knapp bekleideten Badegäste einen schlechten Einfluss auf die muslimische Bevölkerung ausüben. Seit 2012 ist es möglich, auf Local-Islands Ferien zu machen – vorausgesetzt, man ist bereit, auf Alkohol zu verzichten und sich ausserhalb des Gästehauses und des dazugehörigen Strandabschnittes, «Bikini-Beach» genannt, «gesittet» zu kleiden. Dass Sarah und Niko auf der Einheimischen-Insel Hanimaadhoo (2000 Bewohner) gelandet sind, sei ein «guter Zufall», sie fänden es spannend, zu erfahren, wie die Malediver leben. Dass sie tags zuvor im lokalen Restaurant eineinhalb Stunden auf den Zmittag, Curry natürlich, warten mussten und deshalb den Schnorchelausflug verpassten, war aber schon etwas mühsam.

Das 4-Sterne-Ökoresort The Barfoot, es gehört einem Tessiner, liegt nur wenige Velominuten vom Dorf ­entfernt, direkt am tipptopp sauberen 700 Meter langen Sandstrand. Ausserhalb der abgetrennten Bikinizone sammelt sich das Plastik im Gebüsch. Bereits haben sich Barefoot-Gäste auf Trip Adviser darüber beklagt.

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Je mehr ein Hotel betont, wie umweltfreundlich es funktioniert, desto genauer schaut man hin: Weshalb steckt ein Plastikröhrchen im Cola-Fläschchen? Vieles ist wenig durchdacht: Wo ist das Shampoo? Die Erklärung des Angestellten: «Wir verzichten auf Plastik. Suchen noch nach einer Lösung.» Sein Tipp: «Kauft euch ein Shampoo im Dorfladen.» Also posten wir, wie die anderen Gäste auch, eine Flasche Shampoo – eine Plastikflasche, versteht sich. Lösungen, die gäbe es sehr wohl: nachfüllbare Dispenser oder Tongefässe zum Beispiel.

Abends an der Fruchtsaftbar, Fabrizio hält einen Vortrag über Plastik im Ozean. Jedes Jahr gelangen acht Millionen Tonnen Kunststoffabfälle in die Meere, vor allem Plastiksäcke. Strömungen tragen das Treibgut an entlegendste Orte. Bei der Plastiktüte dauert es 20 Jahre, bis sie abgebaut ist, eine PET-Flasche zerfällt in 450 Jahren. Opfer sind die Meeresbewohner, welche das Plastik fressen oder sich darin verheddern – und qualvoll verenden. Hält die aktuelle Vermüllung ungebremst an, wird bis zum Jahr 2050 das Gewicht des Plastikmülls, der im Meer treibt, jenes der Fische übersteigen, die darin leben. Und wo landet der Abfall, den wir auf der Sandbank gesammelt haben?

Die Säcke würden nach Thilafushi transportiert, sagt Fabrizio. Das hoffe er jedenfalls, denn manch eine Ladung gehe «verloren», da man die Entsorgungsgebühr sparen will. Thilafushi ist die grösste Müllinsel der Welt, keine zehn Kilometer von der Inselstadt Male entfernt. Täglich werden 600 Tonnen Abfall angeliefert und verbrannt – allerdings nicht in modernen Verbrennungsanlagen. Umweltorganisationen sprechen von einer «toxischen Bombe im Ozean». Die Arbeiter, vorwiegend Männer aus Bangladesh, schuften rund um die Uhr, teilweise ohne Schutzmasken – zu einem Hungerlohn.

«Plastic is bad»

Der Müll auf Hanimaadhoo wird aber nicht nur angeschwemmt, sondern auch verursacht: Im Dorfladen wird nach wie vor jeder einzelne Artikel in einen Plastiksack gesteckt, Jumbopackungen Röhrchen liegen im Regal. Abfallkübel existieren kaum. Zwei kleine Buben spielen am Strand mit Plastikflaschen. Deren Vater sagt, die meisten Einheimischen würden den Abfall in den Dschungel oder ins Wasser werfen, er jedoch nehme seinen Abfall mit nach Hause, wo er ihn in den Kübel werfe. So, wie er es von seinen Kindern gelernt hat. Tatsächlich ruht die Hoffnung auf den Kindern: «Plastic is bad», sagt ein kleines Mädchen in adretter Schuluniform. Die neue Schule auf Hanimaadhoo ist plastikfrei, darauf ist man stolz, die 434 Schülerinnen und Schüler tragen alle einen nachfüllbaren Bidon mit sich.

Miss Sofia, eine Lehrerin aus Indien, hält gerade eine Lektion über das Korallenriff. Die Kleinen lernen, wie ein Atoll aufgebaut ist, wie wichtig die Korallen sind. Sie erklärt, weshalb man den Korallenstein nicht zum Häuserbau brauchen darf, was vor nicht allzu langer Zeit noch üblich war. Und weshalb der Fischer vorsichtig sein muss, wenn er den Anker wirft. Nächste Woche, sagt Miss Sofia, werde sie mit der Klasse schnorcheln gehen, damit die Kinder eine Vorstellung der gefährdeten Unterwasserwelt bekommen. Längst nicht alle können schwimmen, aber selbst die Mädchen – verhüllt von Kopf bis Fuss – sollen es lernen.

3,5 Kilogramm Abfall täglich pro Person

Die rund 400'000 Malediver müssen umdenken, aber vor allem auch der ­Feriengast ist gefordert: Über 1,5 Millionen Touristen besuchen die tropische Inselwelt jedes Jahr, sechs bis sieben Millionen sollen es werden, bis zu 100 Inseln sollen neu erschlossen werden, so das Ziel des muslimischen Staates. Pläne, bei denen alle Bemühungen zum Schutz der Umwelt zu verblassen scheinen. Jeder Gast produziert im Schnitt 3,5 Kilogramm Abfall pro Tag – doppelt so viel wie ein Bewohner von Male. Reiseveranstalter wie Manta Reisen weisen ihre Kunden an, Abfall so weit wie möglich zu reduzieren. Batterien, Spraydosen, Sonnenölflaschen mit nach Hause zu nehmen.

Die Fluggesellschaft Edelweiss hat ein eigenes Recyclingprogramm eingeführt: Die Airline verteilt beim Hinflug Kehrichtsäcke, welche die Gäste während des Aufenthalts füllen und vor dem Rückflug am Check-in-Schalter in Male abgeben. Edelweiss bringt den Abfall zurück nach Zürich, wo er fachgerecht entsorgt wird. Ein Drittel der Fluggäste mache vom Angebot Gebrauch, sagt Edelweiss-Sprecher Andreas Meier, 2017 habe man fast sechs Tonnen Abfall auf den Malediven vermeiden können.

Der Tourismus belastet die Malediven. Dem Tourismus, der Haupteinnahmequelle des Landes, ist es aber auch zu verdanken, dass Riffe und Inseln besser geschützt werden. Nicht zuletzt wegen der Tauch- und Schnorchelgäste, die sensibler für Umweltprobleme sind, hat die Einheimischen-Insel Dhigurah (630 Bewohner) im südlichen Ari-Atoll ein fortschrittliches Abfallkonzept eingeführt. Die Gegend gilt als bestes Tauchgebiet, das ganze Jahr über kann man hier Mantas und Walhaien begegnen. Taucher aus der ganzen Welt reisen an, um mit dem Whaleshark, dem grössten Fisch überhaupt, zu schwimmen. 345 dieser sanften, zahnlosen Riesen hat man hier registriert.

Wochenlang Strände putzen

Dhigurah ist eine vier Kilometer lange, gepflegte Insel, in aller Frühe wischen die Frauen die sandigen Strassen. Eine Schule, eine Moschee, ein Fussballplatz, ein paar Cafés und Gästehäuser – und fünf Autos. Afzal Adam, er führt das kleine Boutique-Beach-Hotel mit eigener Tauchbasis, zeigt den Gästen gern die vorbildliche Abfalldeponie seiner Heimatinsel. Inmitten der Kokosplantage glitzert ein riesiger Berg Plastikflaschen in der Sonne. Daneben glimmt die Halde mit dem übrigen Abfall. Plastik und Metalle der Haushalte werden regelmässig eingesammelt. Einmal die Woche putzen Schulklassen zusammen mit dem Hotelpersonal und Gästen die Strände rund um die Insel.

Jeden Monat werde das Plastik nach Thilafushi transportiert – eine Tagesreise mit dem Dhoni, dem traditionellen Fischerboot. Von dort werde der Kunststoff neuerdings von der Umweltschutzorganisation Parley for the Oceans zum Recycling ins Ausland geschifft, erklärt Hotelmanager Afzal. Auch in seinem Gästehaus versucht man, Plastik zu vermeiden. An der Réception steht ein gekühlter Wasserbehälter, damit der Gast seine Trinkflasche nachfüllen kann. Das allerbeste Getränk jedoch kommt sowieso aus der Natur: Zur Begrüssung wird eine Kurumba, eine Trinkkokosnuss, gereicht. Darin steckt ein fingerdickes Röhrchen, «aus Glas», betont Afzal. Das Plastikröhrchen sei als Erstes abgeschafft worden – mit kleinen Schritten fängt ­alles an.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.07.2018, 11:23 Uhr

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