Die Klugscheisser

Sie versprechen den Durchblick, nerven aber gewaltig: Die Besserwisserbücher von Dobelli, Precht und Harari.

Illustration: Patrick Widmer

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Im Schlafzimmer auf dem Nachttischchen, im Pendelverkehr, unterm Weihnachtsbaum – sie sind überall, niemand entkommt ihnen. Die Rede ist von Bestsellern, die uns den Durchblick versprechen, aber fast immer klüger tun als sie sind, letztlich also nur unsere Zeit verschwenden. Es sind sogenannte Klugscheisser-Bücher. Geschrieben werden sie im Akkord von Autoren wie dem hiesigen Unternehmer Rolf Dobelli, dem gebürtigen Schweizer Alain de Botton oder dem deutschen Philosophen Richard David Precht. Unter die Besserwisser eingereiht hat sich auch der israelische Historiker Yuval Noah Harari, der nach seiner «Kurzen Geschichte der Menschheit» die falsche Abzweigung nahm.

Wie konnte es so weit kommen? Keine einfache Frage angesichts der Allgegenwart und des Grosserfolgs der Ratgeberphilosophen. Nur eines scheint vorerst klar: Wer von Freunden oder seiner Verwandtschaft ein solches Buch geschenkt bekommt, sollte untertauchen, sich neue Freunde suchen oder die Familie verlassen. Hier erfahren Sie, wie man einen Klugscheisser bereits auf den ersten Seiten erkennt.

1. Kein Thema zu gross

Klugscheisser sind Supermänner und Allesfresser: kein Thema zu gross, keines zu klein, um es nicht zu bearbeiten – von Megathemen bis hin zu Alltagsnöten, die uns angeblich den Weg zum Glück verstellen. Für letztere zuständig ist Rolf Dobelli, der Buchhalter Nötzli unter den Weisheitenverkäufern: Für ihn ist das Leben eine einzige Kosten-Nutzen-Rechnung. Besonders angesagt ist auch die Panik vor der Digitalisierung, die uns in Verschränkung mit der Biotechnologie voll im Griff haben wird, «bis in die feine Unterwäsche unseres Bewusstseins», wie es in Prechts «Jäger, Hirten, Kritiker» heisst, der damit gleich denkt wie Yuval Noah Harari in seinen «21 Lektionen für das 21. Jahrhundert».

2. Es geht um alles, jetzt!

Bei den Besserwissern geht es um alles, jetzt: Wir stehen vor den «grössten Herausforderungen, mit denen die Menschheit je konfrontiert war», lesen wir bei Harari. Darunter geht es nicht. Denn bei den Klugscheissern befinden wir uns mit der Digitalisierung am Ende einer Reihe technologischer Revolutionen, die uns schnurstracks in den Abgrund führen werden, wenn wir nicht den Besserwissern folgen, die sich im Vollbesitz der Wahrheit wähnen. Die Frage, ob man angesichts eines Megathemas wie der Digitalisierung nicht differenzieren sollte und wir alles in Sachen Biotechnologie verstanden haben, spielt da keine Rolle. Es regieren die Schlagworte. Oder die Folgen der Digitalisierung sind schon jetzt sichtbar: «Arbeitslosigkeit, Resignation und Trump-Wähler», schreibt Precht.

3. Die ersten Opfer

Die Agenda der Klugscheisser ist global, aber die Baustelle sind wir, die Leser. Denn im Unterschied zu den Besserwissern würden sich die «meisten Menschen nicht besonders gut kennen», schreibt Harari. Es scheint schwierig, den Überblick zu behalten, wenn uns die «grosse Überforderung» im Griff hat, wie Precht meint. Aber waren Menschen nicht schon stärker gefordert, etwa während der grossen Pest im 14. Jahrhundert oder in der Zeit der beiden Weltkriege? Wer weiss. Aber erste Opfer sind schon zu beklagen: Humor und Witz bleiben bei den Klugscheissern auf der Strecke, denn ihnen ist es ernst, sehr ernst sogar.

4. Unser bester Freund

Klugscheisser sind nicht nur Panikmacher, sie bieten sich uns auch als beste Freunde an: Sie berichten von ihren Sorgen und Nöten, die auch die unsrigen sein könnten. Rolf Dobelli schreibt zum Beispiel, wie er um die 40 noch ein letztes Mal «mit aller Verbissenheit» nach Gott suchte. Und Alain de Botton schildert, wie er völlig verkrampft um eine atemberaubend schöne Chloe warb. Geradezu konspirativ ist Harari, der sich Gedanken macht, ob er sein Wissen veröffentlichen soll, es könnte ja von Autokraten missbraucht werden. So geheim ist es.

5. Einer von euch, pah!

Besserwisser wollen Menschen sein wie wir – mit einem Unterschied: ihrem Erfolg, den sie stolz vor ihrer Brust hertragen. «Seit 2015 reise ich durch die Welt und unterhalte mich mit Regierungsvertretern über die Lage der Menschheit», schreibt Harari. Aber wir alle dürfen von der Weltläufigkeit profitieren! So berichtet uns Dobelli in einer Kolumne von einem hellen Moment, den er hatte, als er in Paris im Shangri-La-Hotel eincheckte: Ein Gast schnauzte die Rezeptionistin an, weil sie ihm kein Zimmer mit Sicht auf den Eiffelturm anbieten konnte. Dobelli kann da nur den Kopf schütteln: «Ob man den Eiffelturm vom Hotelbett aus sieht oder nicht, spielt nun wirklich keine Rolle. Viel wichtiger ist doch, wie gut und tief man schläft.» Stimmt. Eine Nacht im Shangri-La kostet übrigens 1500 Dollar – unabhängig davon, ob man den Eiffelturm sieht. Aber wahrscheinlich kann man nur in dieser Preiskategorie gut schlafen. Das glauben Sie nicht? Haben Sie schon in einem Hotelbett für 1500 Dollar übernachtet? Eben.

6. Kohärenz geht flöten

Ansprüche bezüglich Kohärenz darf man nicht haben. Dobelli rät in einer Kolumne, dass wir uns nicht mit anderen vergleichen sollen, denn es werde immer jemanden geben, der reicher sei als wir. Ein paar Kapitel später pusht er uns zum Erfolg: «Hauptsache, Sie sind in einer Sache weitaus überdurchschnittlich – und zwar am besten weltweit.» Getreu der Devise: Was interessiert mich das Geschwätz aus dem letzten Kapitel.

7. Gut (ab-)geschrieben

Fachexperten oder gar Originalgenies sind unsere Besserwisser nicht. Ihre Kunst erschöpft sich in der Adaption von Gedanken und Konzepten von anderen. Effizient in dieser Hinsicht ist Dobelli: Vor fünf Jahren räumte er ein, dass er für sein Buch «Die Kunst des klaren Denkens» bei zwei Psychologie-Professoren Anleihen nahm; auf Plagiatsvorwürfe des Philosophen Nassim Nicholas Taleb ging Dobelli so weit ein, dass er nachträglich Fussnoten anbrachte.

8. Gefühle sind auch nur Fakten

«Viele Ängste des Menschen mögen zwar im Wortsinne nicht rational sein, sondern eben emotional – aber sie sind durchaus vernünftig», schreibt Precht. Die Besserwisser sprechen gerne von wissenschaftlichen Erkenntnissen, aber wichtiger als alles sind unsere Gefühle, mögen sie noch so dumpf sein. Fühlen Sie es auch?

9. Alles ganz einfach

Zwar ist das Leben verwirrend, aber letztlich ist die Lösung für all unsere Probleme ganz einfach. Zumindest bei unseren Buchfreunden: Harari rät zur Meditation, Dobelli zur Maximierung unseres kleinen Glücks, Precht fordert Humanität. Und alle drei raten zum Konsumverzicht. Besonders entbehrlich sind übrigens Klugscheisser-Bücher.


Drei empfehlenswerte Alternativen

Robert Pfaller: «Wofür es sich zu leben lohnt» Der Titel erinnert an die Abgründe der Ratgeberliteratur, aber was der Kulturphilosoph Robert Pfaller schreibt, ist etwas anderes: Sein Buch bietet Denkwerkzeuge an, mit denen wir uns Zwängen entwinden können. Erfrischend ist das Buch, weil es klug darlegt, warum wir uns Schmutzigem hingeben sollten – und warum es für die Gesellschaft und uns wichtig ist, dass wir Abstand zu uns selbst gewinnen können. (S. Fischer, 320 Seiten, ca. 17 Fr.).

Valentin Groebner: «Retroland» Grau ist es zur Zeit im Mittelland. Verständlich, wenn Sie sich nun nach Ferien, an den Strand oder in die Berge sehnen. Aber damit haben Sie etwas im Kopf, was nicht nur mit Reisen zu tun hat, sondern mit der Sehnsucht nach einer Welt, in der alles in Ordnung ist. Denn eigentlich habe der Tourismus die gleiche Funktion wie Geschichte, die ebenfalls ein «pittoresker Erlebnispark» ist, den wir an unsere aktuellen Bedürfnisse anpassen. So argumentiert der Luzerner Geschichtsprofessor Valentin Groebner im Buch «Retroland», das mit Witz und Wissen punktet. (S. Fischer, 220 Seiten, ca. 29 Fr.).

Philipp Felsch: «Der lange Sommer der Theorie» Warum lasen Menschen über Jahrzehnte hinweg Bücher, die so kompliziert sind, dass sie Kopfschmerzen bereiten können, etwa die verschnörkelten Texte des Philosophen Theodor W. Adorno? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Historiker Philipp Felsch: Bei ihm lernen wir obsessive Leser kennen, die schwer verständliche Theorietexte als Kompass in einer unübersichtlichen Wirklichkeit nutzten. Felschs eigenes Buch ist leichtfüssig und gelehrt – und entfaltet auf wenig Raum ein Panorama der europäischen Nachkriegsphilosophie. (S. Fischer, 320 Seiten, ca. 17 Fr.).

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 24.11.2018, 22:32 Uhr

Die Bücher, die Zahlen

3,6 Millionen Exemplare seiner zehn Bücher hat Richard David Precht verkauft, darunter 125'000 des Frühjahrstitels «Jäger, Hirten, Kritiker». Nicht kleiner der Erfolg Rolf Dobellis: Von den Bänden «Die Kunst des klaren Denkens» und des «klugen Handelns» verkaufte er allein im Hardcover weit über eine Million; hinzu kommen 235'000 seiner «Kunst des guten Lebens» von 2017. Erfolgreicher scheint nur Harari zu sein: 100'000 Exemplare seiner «21 Lektionen» auf Deutsch wurden seit September abgesetzt.

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