Das kleine Einmaleins der Linien

Der renommierte Schweizer Industriedesigner Alfredo Häberli erklärt am Beispiel des neuen BMW-Achters, worauf es beim Autodesign ankommt

Mit wenigen Linien viel ausdrücken: Wenn das gelinge, entstehe richtig gutes Design, sagt Alfredo Häberli. Foto: Thomas Buchwalder

Mit wenigen Linien viel ausdrücken: Wenn das gelinge, entstehe richtig gutes Design, sagt Alfredo Häberli. Foto: Thomas Buchwalder

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«Beobachten ist die schönste Form des Denkens», sagt Alfredo Häberli. Der 55-Jährige gehört zu den renommiertesten Industriedesignern der Schweiz, der Satz ist eine Art Lebens- und Arbeitsmotto Häberlis. Seine Werkliste umfasst Stühle, Leuchten, Geschirr und andere Alltagsgegenstände, aber eine seiner grössten Leidenschaften ist das Automobil. Häberli hat für den bayrischen Automobilkonzern BMW schon diverse Projekte realisiert. Er war etwa verantwortlich für ein Team, das Studien für ein neues Modell machen sollte. Unter dem Titel «Spheres» entwickelte er einen künstlerischen Zugang zur Zukunft der Mobilität.

An diesem Freitagmorgen steht Alfredo Häberli in einer Industriehalle in Zürich-Schlieren, und da steht auch das neue Luxussportcoupé von BMW. Eben hat BMW in Shanghai das Facelift der 7er-Limousine enthüllt, aber das aufregendste Auto, das dieses Jahr aus München kommt, ist eher dieser neue 8er. Häberli will uns am Beispiel des Gran Turismo das Abc des Autodesigns erklären und geht erst mal mit bedächtigen Schritten um das dunkelblaue Auto.

Die Proportionen eines Autos bestimmen seinen Charakter

«Das Wichtigste für mich sind die Silhouette und die Proportionen», fängt er an. Dies bestimme den Grundcharakter eines Fahrzeugs: «Dieses Auto steht breit, tief und muskulös auf der Strasse, das Verhältnis von Breite zu Höhe markiert grosse Präsenz», erklärt der Industriedesigner. Jetzt holt er einen Massstab aus seiner Tasche und misst die Höhe der Tür sowie anschliessend die Fensterhöhe: «Das Verhältnis zwischen Körper oder Blech zum sogenannten Greenhouse beträgt genau 2:1 und der höchste Punkt des Autos ist exakt in dessen Mitte.»

An den Seiten fällt Häberli das liegende «U» auf, «es löst die grosse Blechfläche auf», sagt er. Einen vergleichbaren Eingriff haben die BMW-Designer bei der Fronthaube gemacht, wo eine Doppelwelle die Fläche dekonstruiert.

«Das Verhältnis von Breite zu Höhe markiert grosse Präsenz», analysiert der Autodesigner. Foto: Thomas Buchwalder

Unter BMW-Fans gibt das Heck des neuen Achters viel zu reden. Es ist ziemlich aufreizend gestaltet, oder wie Häberli es ausdrückt: «Es besteht aus sehr vielen Linien. Als Designer fände ich es eine reizvolle Aufgabe, ein solches Heck mit weniger Linien zu gestalten. Mein Vorbild in dieser Richtung ist der Cartoonist Saul Steinberg. Er ist ein Meister darin, mit wenigen Linien viel auszudrücken.» Häberli erklärt seine Philosophie der reduzierten Linien mit einem einleuchtenden Beispiel: «Ein jugendliches, faltenfreies Gesicht zieht die meisten Leute mehr an als ein älteres Gesicht mit vielen Furchen. Aber beides hat natürlich seinen Reiz.»

Der Gestalter setzt zu einer Art Grundsatzerklärung an: «Gutes Design ist für mich eine Mischung aus Ästhetik und Funktionalität. Es muss aber auch eine Seele haben, es soll den Betrachter ansprechen und einen Dialog mit ihm eingehen. Und wenn das über die Zeit so bleibt oder sich sogar noch steigert, dann ist es richtig gutes Design», stellt Häberli fest.

«Gutes Design muss eine Seele haben und einen Dialog mit dem Betrachter eingehen.»Alfredo Häberli

Damit sind wir bei der Front des neuen BMW M850i xDrive: «Schmale Leuchten und der liegende Grill in Nierenform drücken eine starke Präsenz aus», sagt Häberli. Beim eben enthüllten Siebner gibt die Grösse des Grills zu reden, «hier sorgt die schmale Front dafür, dass das Auto optisch zu Boden gedrückt wird», erklärt der Schweizer Designer.

«Funktionalität ästhetisch zu gestalten, ist schwierig»

Überhaupt, die berühmte BMW-Niere: Laut Häberli ist sie ein ­Beleg für hervorragendes Design: «Wenn man etwas stark verkleinern kann und das Objekt immer noch zweifelsfrei erkennbar ist, dann hat man eine Ikone. Das ist BMW gelungen, die Niere identifiziert das Auto sofort als BMW.»

Zum Schluss sprechen wir über zwei grundsätzliche Disziplinen der Gestaltung: Form und Funktion. «Es ist immer schwieriger, wenn man Funktionalität ästhetisch gestalten möchte», findet ­Häberli. «Bei uns geht es meistens darum, dass die Form der Funktion folgt. Bei der Arbeit für italienische Möbelhersteller etwa musste ich deshalb lernen, auch über die Schönheit eines Objekts zu reden.» Er sei ein Ästhet, Dinge absichtlich abstossend zu gestalten, wie das manchmal geschehe, kann sich Häberli nicht vorstellen.

Ein Coupé wie der Achter sei als Autotyp genau deshalb attraktiv für einen Designer: «Eine flache Linie wirkt attraktiver und schlanker. Und ein Gran Turismo wie dieser ist ein Auto zum Gleiten auf der langen Strecke, es geht um den Spass am Fahren. Das ist seine Funktion, es braucht nicht viel Platz für Gepäck zum Beispiel, und das macht es für den Designer natürlich besonders interessant», sagt Häberli.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.01.2019, 16:56 Uhr

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Der neue BMW M850i

BMW Schweiz bezeichnet den neuen Achter schlicht und einfach als «The 8». Während sein Vorgänger (6er) als Gran Turismo gehandelt wurde, ist der M850i ein echter Sportwagen. Obwohl das Coupé Platz für vier Personen hat, schafft es den Spurt auf Tempo 100 in 3,7 Sekunden.

Preisgekrönter Designer

Alfredo Häberli, 54, ist Industrie­designer mit eigenem Studio im Zürcher Seefeld. Er designt Schmuck, Möbel oder ganze Hotels wie das 25 Hours in Zürich. Zu den Klassikern seiner Arbeit gehört der Stuhl Segesta von Alias. Für BMW hat er diverse Designprojekte realisiert. Häberlis Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Grand Prix Design des Bundesamtes für Kultur (2014).

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