Belästiger kommen ­ungeschoren davon

Jede vierte Frau in der Schweiz wurde schon einmal sexuell belästigt – doch nur wenige Opfer reichen Anzeige ein.

Zu zweit im Lift: Wenn Aussage gegen Aussage steht, hat eine Klägerin schlechte Karten. Foto: Getty Images

Zu zweit im Lift: Wenn Aussage gegen Aussage steht, hat eine Klägerin schlechte Karten. Foto: Getty Images

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Die Stimmung im Zürcher Club ist ausgelassen in jener Februarnacht. Auch eine Gruppe von Studenten feiert. Bis einer der jungen Männer seiner Kommilitonin an den Po greift. Sie ermahnt ihn, er solle das lassen. Doch draussen vor dem Lokal betatscht der Mann die Frau abermals am Gesäss, jetzt mit beiden Händen. Und nach jenem Abend schickt er ihr innert weniger Wochen mehr als 700 SMS und 180 E-Mails. Jetzt erstattet sie Anzeige bei der Polizei wegen sexueller Belästigung.

Ein Schritt, den pro Jahr durchschnittlich 1100 Betroffene machen, wie die nationale Polizeistatistik zeigt. Allerdings sammelt diese nur Daten zu den Anzeigen. Urteile wegen sexueller Belästigung sind national nicht erfasst. Auf Anfrage der SonntagsZeitung gaben aber 24 Kantone aktuelle Zahlen bekannt. Sie stellten 2017 insgesamt 337 Strafbefehle wegen sexueller Belästigung aus – also ungefähr in jedem dritten Fall.

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Die Quoten der Kantone variieren stark. In Neuenburg gingen 2016 insgesamt 27 Anzeigen ein. Im Folgejahr wurde jedoch nur ein einziger Strafbefehl ausgestellt. Ganz anders war das Verhältnis in Freiburg, wo auf 18 Anzeigen zwölf Strafbefehle folgten.

Damit es überhaupt zu einem Urteil kommen kann, müssen sich die Betroffenen bei der Polizei melden. Doch das geschieht nur selten, wie eine aktuelle Umfrage* des Marktforschungsinstituts Marketagent zeigt. Lediglich 11 Prozent aller Opfer reichten Strafanzeige ein, nachdem sie sexuelle Belästigung erlebt hatten. Eine Quote, die im Zuge der #MeToo-Debatte erstaunt. Im Oktober 2017 wurde bekannt, dass der Hollywood-Filmproduzent Harvey Weinstein jahrelang Frauen belästigt und vermutlich auch vergewaltigt hat. Immer mehr Geschädigte treten seither mit ihren Erlebnissen an die Öffentlichkeit – gelangen aber offenbar nicht an die Behörden.


Video: «Die #MeToo-Bewegung läuft Gefahr, alles zu vermengen»

Kulturredaktor Martin Ebel schaut mit einem sprachlichen Jahresrückblick auf das 2017 zurück. Video: Tamedia


Viele Vorfälle werden mit einer Schlichtung geregelt

«Viele Betroffene wenden sich aus Scham nicht an die Polizei», sagt Professor Jonas Weber vom Institut für Strafrecht und Kriminologie an der Universität Bern. «Sie müssen den Vorfall nochmals detailliert schildern, mit allen intimen Details. Das schreckt viele ab.» Es bestehe aber auch grosse Unsicherheit bezüglich der Rechtslage. «Vielen Opfern ist unklar, ob tatsächlich eine juristische Grenze überschritten wurde. Wegen dieser Zweifel wird oft auf eine Anzeige verzichtet», sagt Weber. Hinzu kommt, dass insbesondere die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, in der Ausbildung oder der Schule oft mit einer Schlichtung geregelt wird. Dazu gehören unter anderem Entschuldigungen, Zahlungen an das Opfer, Kontaktverbote, Mediationen sowie Arbeitsplatzwechsel. Nur wenn «es zu unerwünschten Berührungen, körperlichen sexuellen Übergriffen oder Körperkontakten kommt, raten wir den Betroffenen, sich eine Anzeige zu überlegen», sagt Helena Trachsel, die Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung von Frau und Mann des Kantons Zürich.

Am Arbeitsplatz ist dies laut einer Nationalfondsstudie von 2008 die Ausnahme. Bei der Frage nach potenziell belästigendem Verhalten standen abwertende oder anzügliche Sprüche, Witze, Mails sowie Briefe an erster Stelle. Dahinter folgten obszöne Gesten, Gebärden und Zeichen. An dritter Stelle dann unerwünschter Körperkontakt wie Begrapschen oder Küssen. Am vierthäufigsten waren unerwünschte sexuelle Angebote oder Einladungen.

Kaum Einträge ins Strafregister

Die sexuelle Belästigung ist nur eine Übertretung, die mildeste Deliktsart. In erster Instanz behandeln daher normalerweise Staatsanwälte die Fälle und nicht Richter. Drakonische Strafen haben die Täter nicht zu befürchten. Das ­Gesetz erlaubt Bussen bis zu 10'000 Franken, ab einem Betrag von 5000 Franken gibt es einen Eintrag im Strafregister. Doch in der Praxis werden derart hohe Bussen so gut wie nie ausgesprochen.

So musste ein Ausbildner, der seinen Praktikanten in einem Keller sexuell belästigt hatte, eine Busse von 250 Franken zahlen, obwohl das Zürcher Obergericht sein Verschulden als «nicht mehr leicht» taxierte. Der Mann hatte dem Minderjährigen das T-Shirt hochgezogen und ihm mit der Hand über die Brust gestrichen.

Das Freiburger Kantonsgericht verurteilte einen Mann zu 500 Franken Busse. Mehrmals war er in der Nacht in ein anderes Zimmer geschlichen, wo eine Bekannte seiner WG-Mitbewohnerin übernachtete. Die schlafende Frau «befummelte» er laut Urteil «zweimal an Hinterteil und Geschlechtsteil». Beim zweiten Mal erkannte das erwachende Opfer den Täter.

Bundesrat sieht offenbar keinen Handlungsbedarf

Gleichstellungsfachfrau Trachsel spricht bei diesen Fällen von «bizarr tiefen Bussen». Sie zeigten, dass «sexuelle Belästigung noch oft verharmlost wird». Das Delikt werde teilweise gleich bestraft wie das Überfahren eines Rotlichts. Dadurch werde «das falsche Signal an mögliche Klägerinnen und potenziell verursachende Personen ausgesendet».

Der Bundesrat sieht aber offenbar trotzdem keinen Handlungsbedarf. Er passt aktuell die Sanktionen bei diversen Delikten an. «Es ist nicht vorgesehen, den Artikel der sexuellen Belästigung zu verschärfen», sagt Fabien Gasser, Präsident der Schweizerischen Staatsanwälte-Konferenz. Das sei nicht überraschend. «Der entsprechende Artikel bestraft ein belästigendes Verhalten. Wenn das Opfer von schwerwiegenderen Übergriffen betroffen ist, kann der Artikel wegen sexueller Nötigung zum Zug kommen, der Strafen bis zu zehn Jahren vorsieht.»

Zeugen und Beweise fehlen in den meisten Fällen

Die niedrige Verurteilungsquote wiederum erstaunt Kriminologe Martin Killias nicht. «Dass bei sexueller Belästigung einer von drei Strafanträgen in eine Verurteilung mündet, entspricht der Erfahrung bei anderen Antragsdelikten, so zum Beispiel Ehrverletzungen», sagt er. «Typisch für solche Delikte ist, dass sich Opfer und Täter im Verlauf des Verfahrens auf einen Vergleich einigen. So gesehen ist die Quote der Verurteilungen durchaus normal.» Andere Experten nennen die oft schwierige Beweislage als Grund. «Die sexuelle Belästigung ist ein klassisches Vieraugendelikt», sagt der Zürcher Anwalt Thomas Sprenger. «Es gibt meist keine anderen Zeugen und auch keine Beweise wie etwa DNA-Spuren oder Videoaufnahmen.»

So war es auch bei einer Frau, die ihren Mitarbeiter im Kanton Zürich anzeigte. Bei der Polizei sagte sie aus, er habe sie während der Weihnachtsfeier «im Unterleibsbereich umarmt und an ihr Gesäss gegriffen». Der Beschuldigte bestritt dies. Er habe die Frau an der Bar angetroffen, ihr aber nur kurz «Tschau» gesagt. Es stand Aussage gegen Aussage. Zwar wurden mehrere Zeugen befragt, doch diese wollten nichts gesehen haben. Schliesslich stellten die Behörden das Verfahren ein.

«Für die Betroffenen wie ein Schlag ins Gesicht»

Anwalt Sprenger macht seine Mandantinnen regelmässig auf die geringen Erfolgsaussichten aufmerksam, wenn sie Anzeige erstatten wollen. Auch die Berner Fürsprecherin Anna Mäder sagt: «Ich zeige meinen Klientinnen immer auf, welche psychische Belastung eine Anzeige für sie bedeutet. Und dass offen ist, ob es zu einer Verurteilung kommt.» Formaljuristisch sei es korrekt, ein Verfahren mangels Beweise einzustellen. «Für die ­Betroffenen fühlt es sich aber an wie ein Schlag ins Gesicht», sagt Mäder. «Sie sagen zwar die Wahrheit. Doch diese wird offiziell nicht vom Staat anerkannt.»

Mäder und auch Sprenger ratenhäufig dazu, einen Vergleich anzustreben, statt eine Anzeige zu machen. «Unterschreibt der Beschuldigte eine Entschuldigung und bezahlt allenfalls eine Genugtuung, bringt ein solches Eingeständnis dem Opfer oft mehr, als den Täter mit sehr geringen Erfolgsaussichten anzuzeigen», sagt Mäder.

Die Studentin hingegen bevorzugte nach dem Vorfall im Zürcher Nachtclub eine Strafanzeige. Sie hatte Zeugen, welche die Vorwürfe bestätigten. Und sie erhielt im Gegensatz zu vielen anderen Klägerinnen recht. Der Beschuldigte versuchte zwar noch, sich herauszureden: Die Frau sei seine Freundin, sie pflegten eine «Maitressenfreundschaft», behauptete er. Also dürfe er ihr auch an den Po greifen. Die Argumentation fand kein Gehör, der Mann kassierte eine Busse von 700 Franken.

* Im Januar wurden 607 Männer und 604 Frauen im Alter von 14 bis 65 Jahren in der Deutsch- und Westschweiz befragt. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.02.2018, 20:21 Uhr

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Jede vierte Frau wurde schon sexuell belästigt

Die Marketagent-Umfrage* zeigt, wie häufig sexuelle Belästigungen in der Schweiz vorkommen. Ein Viertel aller Befragten gab an, schon betroffen gewesen zu sein. Vier von zehn Frauen erlebten einen entsprechenden Übergriff, bei den Männern nur einer von zehn. Über die Altersgruppen hinweg sind keine grossen Unterschiede erkennbar, regional hingegen schon: Der Anteil der Betroffenen lag in der Deutschschweiz bei 28, in der Westschweiz bei 21 Prozent. Meist geschahen die Belästigungen im öffentlichen Raum, also in Parks, dem ÖV, Bars oder Clubs. Ein Drittel der Geschädigten erlebte sie hingegen im privaten Umfeld, jeder Vierte am Arbeitsplatz. Dass als Strafe nur Bussen in Frage kommen, fanden die meisten Befragten falsch. 76 Prozent von ihnen sprachen sich dafür aus, dass auch Gefängnisstrafen erlaubt sein sollten.

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