Asylsuchender gibt 16'500 Franken ab

Regelmässig bringen Finder Bargeld in die Fundbüros. Die Summen sind teilweise gigantisch.

Der Versuchung widerstehen: Beträge ab zehn Franken dürfen nicht behalten werden. Bild: PD

Der Versuchung widerstehen: Beträge ab zehn Franken dürfen nicht behalten werden. Bild: PD

Vanessa Mistric@VanessaMistric

Im Frühjahr verliert ein älterer Herr auf dem Flohmarkt in der Winterthurer Altstadt einen Plastiksack. Darin: 16'500 Franken. Das Geld hatte der Senior kurz zuvor von der Bank abgehoben, um sich damit ein Auto zu kaufen. Ein Asylsuchender aus Eritrea findet den Plastiksack und bringt ihn zum Fundbüro. Bald meldet sich dort der Besitzer. ­Zusätzlich zum Finderlohn schenkt er dem jungen Mann noch 500 Franken. Diese Geschichte ­erzählt Michael Loetscher, Leiter des Winterthurer Fundbüros. «Wir waren alle baff», erinnert er sich. Der Eritreer habe gesagt, es sei doch normal, zu helfen. «Das war unser Highlight in diesem Jahr.»

Beinahe jeden Monat bringen ehrliche Finder lose oder minimal verpackte Geldscheine in die Fundbüros. Meistens handelt es sich um Beträge von zwanzig bis zu mehreren Hundert Franken, seltener um vierstellige Beträge. Das zeigt eine Umfrage bei den Fundbüros in mehreren Schweizer Städten. In Winterthur wurden seit Anfang des Jahres 28-mal lose Geldscheine abgegeben. Funde von Portemonnaies oder Rucksäcken mit Bargeld werden separat erfasst. ­36-mal hat das Fundbüro der Stadt Bern im Jahr 2018 lose Banknoten erhalten, dasjenige des Kantons Basel-Stadt 65-mal. Die Beamten des Fundbüros Biel nahmen in diesem Jahr zehnmal lose Geldscheine und 110 Geldbeutel mit Bargeld entgegen. Ganze 2000 «Behältnisse mit Fundgeld» sind bei den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ) eingegangen. Die SBB führen zwar das grösste Fundbüro der Schweiz, über die abgegebenen oder eingesammelten Gegenstände geben sie aber keine Auskünfte.

«Im März brachte ein Jugendlicher sage und schreibe 7000 Franken zum Fundbüro», erzählt Alice Späh, Sprecherin der Berner Sicherheitsdirektion. Erst kürzlich habe sich die Besitzerin gemeldet. Im August teilte die Luzerner Polizei mit, dass ein 38-jähriger Mann in Ebikon am Strassenrand eine Mappe mit Franken, Euro sowie kroatischem und bosnisch-herzegowinischem Geld im Gesamtwert von 17'000 Franken gefunden habe.

Zwei von drei Portemonnaies landen in der eigenen Tasche

Mehrere spektakuläre Funde sorgten in den letzten Jahren landesweit für Aufsehen: Ein 49-jähriger Holländer entdeckte 28'000 Euro in einem Sonnenbrillenetui, das in Zürich in einem Schneehaufen steckte. Ein Arbeiter stiess beim Umbau einer Wohnung auf 50'000 Franken in bar. Und dann war da noch der Tramchauffeur der Basler Verkehrsbetriebe, der an der Endhaltestelle eine vergessene ­Tasche sicherstellen konnte, in der sich 144'000 Franken befanden. Dank der ehrlichen Finder erhielten alle Besitzer ihr Geld zurück. Dazu mussten sie angeben, wo sie das Geld verloren hatten, um welche Noten es sich handelte, und ein paar weitere Details nennen.

«Da wir nicht wissen, wie viel Geld überhaupt verloren geht, können wir nicht einordnen, ob das viel Bargeld ist, das zum Fundbüro gebracht wird.»Alice Späh

Wer mehr als zehn Franken findet, ist gesetzlich dazu verpflichtet, das Geld zum Fundbüro oder zur Polizei zu bringen. Findern steht ein «angemessener Finderlohn» zu. In der Regel heisst das: zehn Prozent des Werts. Wenn sich der Besitzer innert fünf Jahren nicht meldet, hat der Finder einen Anspruch auf das Geld.

Tester des Magazins «Reader’s Digest» liessen in Zürich und 15 anderen Städten weltweit absichtlich Portemonnaies mit Bargeld in Parks, Einkaufszentren oder auf Trottoirs liegen. Ergebnis: Vier von zwölf Portemonnaies wurden bei Zürcher Fundbüros ­abgegeben. Damit schneidet die Schweizer Stadt schlecht ab, sie landet im letzten Drittel dieses «Ehrlichkeits-Ratings» – deutlich hinter Metropolen wie Mumbai, New York oder Moskau.

«Da wir nicht wissen, wie viel Geld überhaupt verloren geht, können wir nicht einordnen, ob das viel Bargeld ist, das zum Fundbüro gebracht wird», sagt Alice Späh aus Bern. Oft kämen Geldbeutel allerdings auch leer zu ihnen, sagt Michael Loetscher vom Fundbüro Winterthur. «Trotzdem erstaunt mich immer wieder, wie viele ehrliche Menschen es gibt, die selbst lose Geldscheine zu uns bringen.» Seiner Erfahrung nach sind es oft ärmere Menschen, die Bargeld im Fundbüro abgeben.

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