Anstatt Antibiotika verschreibt sie dem Hund Baumnussblätter

Die richtigen Pflanzen können den Gang zum Tierarzt ersparen. Leider werden sie kaum mehr verwendet, sagt eine Spezialistin.

Hätte durch Heilpflanzen allenfalls verhindert werden können: Ein Hund beim Tierarzt. Foto: Keystone / Gaetan Bally

Hätte durch Heilpflanzen allenfalls verhindert werden können: Ein Hund beim Tierarzt. Foto: Keystone / Gaetan Bally

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Rüebli können Leben retten. Das Rezept: 500 Gramm über eine Stunde lang kochen. Etwas Salz zugeben, nochmals aufkochen und pürieren. «Ich habe viele Fälle erlebt, bei denen der Tierarzt ein Jungtier schon aufgegeben hatte. Dank der Suppe überlebte es. Es ist beeindruckend, was diese morosche Karottensuppe bewirkt», sagt Elisabeth Stöger.

Die Tierärztin arbeitet seit rund 20 Jahren im Berggebiet von Kärnten. Anfangs habe sie viel von den Bauern gelernt. Inzwischen lehrt Stöger Bauern und Tierärzte, schreibt Fachartikel und Bücher. Darin erklärt sie, warum die nach einem österreichischen Kinderarzt benannte Suppe auch Kälbern, Hunden und anderen Tieren guttut: Durchfallerreger heften sich an bestimmte Kohlenhydrate an der Darmoberfläche. Genau daran binden sich auch Inhaltsstoffe der Rüebli, die Galacturonsäuren – und besetzen so die Andockstellen für die Durchfallerreger.

Die Gerbstoffe in den Blättern wirken zusammenziehend, keimtötend und entzündungshemmend.

Die meisten Tierhalter stünden der Pflanzenheilkunde positiv gegenüber, so Stöger. Manche würden allerdings erst einmal komisch schauen, wenn sie zum Beispiel rate, Baumnussblätter zu sammeln, einen Sud daraus zu kochen und damit die Haut des Hundes zu behandeln. Die Gerbstoffe in den Blättern wirken zusammenziehend, keimtötend und entzündungshemmend und helfen so gegen entzündete Hautstellen, die durchs Lecken befördert werden. Die sonst übliche Behandlung besteht meist in Antibiotika, oft auch Kortison.

«Ich wende diesen Tee seit 15 Jahren bei oberflächlichen, eitrigen Hautentzündungen von Hunden an. Seither muss ich nur noch etwa einmal pro Jahr einem Hund deshalb ein Antibiotikum verordnen», sagt Alexandra Nadig, pflanzenheilkundige Tierärztin im süddeutschen Lorch. Dank der Heilpflanzen liessen sich oft Antibiotika umgehen, etwa bei Blasen- oder Darmentzündungen – angesichts der zunehmenden bakteriellen Resistenzen ein Vorteil. Das sei auch ein Grund, weshalb das Interesse an der Pflanzenheilkunde unter Tierärzten steige, vermutet Michael Walkenhorst, Tierarzt am Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frick und Ausbilder in Phytotherapie: «Man sucht nach Alternativen.» Ein anderer Grund sei wahrscheinlich die Nachfrage seitens der Tierhalter.

Hat das Kaninchen Schnupfen, hilft Thymian

«Die Erfahrungen mit Heilpflanzen bei Tieren sind grandios», sagt Nadig, die wie ein wandelndes Lexikon Auskunft gibt. Schnupfen beim Kaninchen? «Thymian.» Hufrehe beim Pferd? «Gingko.» Herzschwäche beim Hund? «Weissdorn», schlägt sie vor. «Allein mit Heilpflanzen kann man viele Beschwerden über lange Zeit gut behandeln, zum Beispiel alte Hunde mit Arthrose.» Der Teufel stecke jedoch im Detail: «Man sollte sich immer beraten lassen.» Wirke bei Arthrose etwa Teufelskralle nicht, könne es daran liegen, dass die falsche Teufelskralle verwendet wurde. «Solche Präparate gibt es zuhauf.»

Ohne gute Kenntnisse einfach draufloszubehandeln, kann auch bei Pflanzen ins Auge gehen: Thymianöl etwa reizt beim Inhalieren die Augen. Beim Thymian-Chemotyp Linalool dagegen ist diese Nebenwirkung viel schwächer. Auch unerfahrene Katzenhalter erlebten schon Überraschungen, wenn sie Baldrian ins Futter mischten, um ihr Tier zu beruhigen – und die Katze sich plötzlich ekstatisch im Futter wälzte, angeturnt von den Pheromon-ähnlichen Wirkungen des Baldrians.

Besonders dankbare Patienten in der Phytotherapie seien Pflanzenfresser. «Pflanzen enthalten eine Fülle verschiedener Inhaltsstoffe. Aber unsere Tiere bekommen sie nicht mehr», kritisiert Cäcilia Brendieck-Worm, Co-Autorin eines Lehrbuchs für Tierärzte.

«Früher riet man Landwirten zum Beispiel, Kümmel mit in die Wiese einzusäen.»Cäcilia Brendieck-Worm, Tierärztin

Von den weltweit etwa 75'000 essbaren Pflanzen erhalten Nutztiere heute fast ausschliesslich Soja, Raps, Mais und Getreide als Futter. Den meisten Weidetieren stehen nur wenige Grassorten zur Verfügung. «Früher riet man Landwirten zum Beispiel, Kümmel mit in die Wiese einzusäen. Hatte ein Tier Magen-Darm-Probleme, konnte es sein Bedürfnis nach dem verdauungsfördernden Kraut stillen», sagt die deutsche Tierärztin.

Vielen Kaninchen etwa würden Pellets vorgesetzt. «Weicht man sie ein, sieht man, was drin ist: zum Beispiel Brotreste.» Viele wirkstoffreiche Kräuter dagegen – für Pflanzenfresser viel gesünder – bleiben den Nagern vorenthalten. So fehlen ihnen zum Beispiel Äste zum Benagen, deren Rinde Gerbstoffe enthält und Durchfällen vorbeugt.

Die tierärztlichen Phytotherapeutinnen haben jede Menge bewährte Tipps: Eichenrindentee für gestresste Ferkel, die Durchfall haben. Für Legehennen geschnittene und getrocknete Rüebli. Sie beschäftigen die Tiere, tun ihrem Darm gut und sorgen für gelbe Eidotter. Für Schafe mit Durchfall geröstete, reife Eicheln.

Selbst bei Verhaltensproblemen helfen Pflanzen. «Gewisse Tiere sprechen gut darauf an. Sie schlafen zum Beispiel besser oder können mit Stress besser umgehen», sagt Maya Bräm, die in Möhlin AG ihre tierärztliche Praxis hat. Oft verwende sie Mischungen. Johanniskraut, angstlösende Passionsblume, Schlafbeere, beruhigender Hopfen oder Lavendel gehören zu ihren bewährtesten Helfern.

Eine Schwierigkeit ist oft, die Dosis zu ermitteln

Das grösste Potenzial sehen die Veterinär-Phytotherapeutinnen bei Husten, Infektionen, Haut- und Verdauungsproblemen. «Das Ziel ist, die Tiere mit Heilpflanzen gesund zu erhalten. Schlechte Haltungsbedingungen lassen sich damit aber nicht wettmachen», sagt Brendieck-Worm.

Eine Schwierigkeit ist oft, die Dosis zu ermitteln. Aufwendige und teure Dosisfindungsstudien gibt es kaum. Oft leiten die Tierärzte die Dosis deshalb mit einer Formel vom Menschen ab. Auch bei den Fertigpräparaten behelfen sie sich mit solchen für Menschen – wie der Herr, so’s Gescherr. «Wenn Ihr Hund hustet, können Sie ihm Hustentee geben, den Sie selbst auch trinken», rät Stöger. Auch gängige pflanzliche Fertigarzneimittel gegen Husten und Schnupfen beim Menschen helfen – in passender Dosis – den Hunden.

Den Tieren die Medizin schmackhaft zu machen, sei oft eine Herausforderung. Manchmal hilft etwas Honig oder Fleischbrühe als Beigabe. Hunden kann man Tee unterjubeln, indem man ihr Trockenfutter darin einweicht. Die Tiere dursten zu lassen, bis sie zuletzt den Tee trinken, davon raten die Tierärztinnen ab. Vögel lassen sich austricksen, wenn ihr Trinkwasser in einem braunen Behälter ist, sodass sie die Verfärbung durch den Tee nicht bemerken. Oder man lässt das Tier die Wirkstoffe inhalieren, indem man es in einen Käfig setzt mit der Inhalierlösung davor und über alles ein Tuch legt. Hühner können mithilfe von kaliumhaltigen Pflanzen wie Brennnessel zum Trinken animiert werden, Katzen mit etwas Milch oder Rahm – wobei Stöger warnt: «Die Katze als reiner Fleischfresser ist ein Sonderfall, da muss man aufpassen!»

Vorsicht vor Anwendung bei Katzen

Substanzen, die für den Menschen oder andere Tiere völlig harmlos sind, können Katzen ins Grab bringen. Dazu zählt etwa das Perubalsam in Hautpflegesalben. Ein Grund ist, dass Katzen alles auf ihrem Fell und der Haut ablecken und sich so einverleiben. Der andere Grund ist ihr Stoffwechsel: Stubentiger besitzen nur wenig Enzyme, die zum Abbau bestimmter Pflanzenstoffe nötig sind. Dazu zählen ätherische Öle, Gerbstoffe oder Phenole. Die Folge: Sie sammeln sich im Körper der Katze an und erreichen rasch giftige Konzentrationen. Das muss beim Dosieren beachtet werden.

Stöger berichtet von einer Katze mit «total zerfressener» Zunge. Die Besitzer hatten ihr wenig Teebaum­öl eingeträufelt. Andere Stubentiger gebärdeten sich, als hätten sie Tollwut – tatsächlich aber hatten sie «nur» Teebaumöl gegen Parasiten ins Fell gerieben bekommen.

* Dieser Artikel erschien am 30. September 2018 in der SonntagsZeitung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.10.2018, 17:19 Uhr

Buchtipps

Wer seine Tiere mit Pflanzen behandeln möchte, findet in diesen Büchern vertieftes Wissen.


  • C. Brendieck-Worm, F. Klarer, E. Stöger: Heilende Kräuter für Tiere.
    2. Auflage, Haupt-Verlag 2018, ca. 39 Franken


  • C. Brendieck-Worm, M. F. Melzig: Phytotherapie in der Tiermedizin.
    Thieme-Verlag 2018, ca. 138 Franken


  • A. Nadig: Heilpflanzen für Hunde. Franckh-Kosmos-Verlags-GmbH & Co. 2018, ca. 38 Franken


  • U. Glauser: Kaninchen-Apotheke: Gesunde Kaninchen dank Heilpflanzen. Oertel + Spörer-Verlag 2017, ca. 29 Franken

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