Staatlich geförderte Umweltverschmutzung

Bauern erhalten Millionen für tierfreundliche Ställe – doch diese belasten die Umwelt mit Ammoniak.

Kühe in einem Anbindestall: Diese Art der Tierhaltung gibt es in der Schweiz immer weniger. Bild: Ex-Press

Kühe in einem Anbindestall: Diese Art der Tierhaltung gibt es in der Schweiz immer weniger. Bild: Ex-Press

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Landwirte jammern ständig und über alles, so das Klischee. Dass sie jedoch die Ausschüttung von Subventionen kritisieren, passt nicht in dieses Bild. Genau dazu setzte am Montag aber der Schweizer Bauernverband (SBV) an. Er hatte die Agrarpolitik des Bundes der letzten drei Jahre untersucht und zog «eine durchzogene Bilanz», auch wegen der Vergabe von Direktzahlungen.

Rund 78 Millionen Franken im Jahr gab der Bund zum Beispiel für besonders tierfreundliche Stallhaltungssysteme (BTS) aus. «Dazu zählen Laufställe, in denen sich die Tiere bewegen können oder manchmal auch ein Abteil ohne Dach für den Auslauf haben», sagt Francis Egger vom SBV. «Das ist viel tierfreundlicher als eine Anbindehaltung mit weniger Möglichkeiten zur Bewegung.»

Glückliche Rinder also. Doch aus Sicht der Bauern stinkt die Sache. Denn mischt sich Harnstoff aus dem Urin mit Kot, entsteht Ammoniak. Es verbreitet sich als Gas in der Luft und trägt so zur Bildung von Feinstaub bei. Zudem verändert es empfindliche Ökosysteme wie Wälder, Moore, Naturwiesen oder Gewässer, gefährdet dort Tiere und Pflanzen.

Seit zehn Jahren bleiben die Emissionen gleich hoch

«Das Problem ist, dass bei den Laufställen viel mehr Ammoniak in die Atmosphäre gelangt als bei der Anbindehaltung», sagt Egger. «Der Staat unterstützt genau Ställe, welche der Umwelt mehr schaden.» Entscheidend ist die grössere Fläche, auf der sich die Ausscheidungen vermischen. Und wenn ein Auslauf nicht überdacht ist, kann das Gas direkt in die Atmosphäre entweichen.

Die Eidgenössische Forschungsanstalt für Agrarwirtschaft und Landtechnik bestätigte dies schon vor Jahren. «Im Mittel sind bei Laufstallhaltung die Emissionen gegenüber der Anbindehaltung um mehr als das Dreifache höher», hiess es in einer Studie.

Auch in Bern ist das Problem längst bekannt. Immer wieder hat der Bund Ziele gesteckt, wie weit die Ammoniak-Emissionen zurückgehen sollen. Zuletzt wollte man 41'000 Tonnen im Jahr erreichen. Bei der aktuellsten Statistik für 2015 lag der Wert jedoch immer noch bei 47'700 Tonnen – exakt gleich hoch wie vor zehn Jahren. Den Grossteil machten Rinder aus, gefolgt von Schweinen und Hühnern. Insgesamt verursachte die Tierhaltung rund 90 Prozent aller Ammoniak-Ausstösse.

«Trotz dieser Massnahmen verharren die Emissionen auf hohem Niveau.»Christine Zundel, Expertin für Agrarumweltsysteme und Nährstoffe

«Wir haben in den letzten Jahren viel unternommen», sagt Christine Zundel, Expertin für Agrarumweltsysteme und Nährstoffe beim Bundesamt für Landwirtschaft. «Der Bund fördert etwa Schleppschläuche, mit denen sich Gülle so auf dem Feld verteilen lässt, dass weniger Ammoniak entsteht.» Auch die Weidehaltung und eine stickstoffreduzierte Fütterung unterstütze man finanziell, weil dies die Emissionen mindere. «Und seit 2018 fördern wir Massnahmen im Stall wie zum Beispiel Harnsammelrinnen, durch die der Urin rasch abfliesst», sagt Zundel.

Sie hält aber fest: «Trotz dieser Massnahmen verharren die Emissionen auf hohem Niveau.» Der Grund liege unter anderem bei der Unterbringung. «Bezüglich Ammoniak sind verschmutzte Laufhöfe ein Problem, das muss man so sagen.»

Dennoch gibt es immer mehr BTS-Ställe, wie Zahlen des Bundes zeigen. Zur Jahrtausendwende stammte jedes fünfte Rindvieh aus einem subventionierten Betrieb mit besonders tierfreundlicher Stallhaltung – 15 Jahre später schon jedes zweite.

«Vielleicht ist die gesunde Grenze erreicht»

An den Subventionen hält der Bund in Zukunft fest, Ammoniak hin oder her. «Wir sind uns bewusst, dass wir bei den Emissionen eine grosse Ziellücke haben, die in Zukunft verringert werden muss», sagt Zundel. Es sei die Aufgabe der Agrarpolitik, die gesellschaftlichen Erwartungen in den Bereichen Tierwohl und Umwelt unter einen Hut zu bringen.

Grundsätzlich ist auch der SBV dieser Meinung. Francis Egger sagt aber: «Man muss zumindest diskutieren, in welcher Form Laufställe unterstützt werden, bevor das nächste Agrarpaket gesprochen wird.» Es sei stossend, wenn sich Direktzahlungen negativ auf die Umwelt auswirkten. «Vielleicht ist hier die gesunde Grenze beim Tierwohl erreicht.»

Kein echtes Dilemma verortet der Schweizer Tierschutz. «In Laufställen kann tatsächlich mehr Ammoniak entweichen», sagt Geschäftsführer Hansuli Huber. «Also gilt es einfach, für mehr Sauberkeit zu sorgen, Kot und Harn möglichst rasch in die Güllengrube zu entsorgen.» Das sei auch besser für die Tiere. Huber: «Es ist inakzeptabel, nur wegen Emissionen bautechnisch in die 70er- und 80er-Jahre zurückzugehen und Tiere in hermetisch abgedichteten Ställen ohne direktes Sonnenlicht und extrem platzbeengt zu halten.» Hier fehle die Sicht aufs Ganze.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 21.07.2018, 23:27 Uhr

Artikel zum Thema

Umweltverschmutzung fordert 15-mal mehr Tote als Krieg

Infografik Jeder sechste vorzeitige Todesfall geht auf dreckige Luft, unsauberes Wasser oder verunreinigten Boden zurück, wie eine Studie erstmals aufzeigt. Mehr...

Das Bundesamt für Umwelt sammelt zu viele Daten

Angesichts von Kosten von mehreren hunderttausend Franken für einzelne Messungen sieht die Eidgenössische Finanzkontrolle Sparpotenzial beim Bafu. Mehr...

Das Dilemma des Gartens Eden

Infografik Kein Land der Welt bietet seinen Bürgern eine hohe Lebensqualität, ohne die Belastbarkeitsgrenzen der Erde zu überschreiten. Das zeigt eine Studie. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Fussballinteressiert?

Hintergrundinformationen, Trainerdiskussionen und Pseudo-Expertentum vom Feinsten.

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...